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Giro d'Italia:53 sehr kurze Sekunden

Nairo Quintana geht als Führender in das finale Zeitfahren. Doch er versäumt es, seinen Vorsprung gegenüber Zeitfahrspezialist Tom Dumoulin entscheidend auszubauen. Dumoulin ist Vierter - und nun Favorit.

Von Christopher Meltzer, Asiago/München

Ein Radrennen kann eine ziemlich taktische Angelegenheit sein. Schlängelt sich die Strecke einen steilen Berg hinauf, taktieren die besten Fahrer besonders gerne. Sie steigen aus dem Sattel, erhöhen die Trittfrequenz, blicken sich um, bremsen wieder ab. Das setzt sich oft über mehrere Kilometer fort. Der vorletzte Renntag des Giro d'Italia führte jedoch vor, warum diese Spielchen manchmal nicht vorteilhaft sind.

Die 100. Ausgabe der Rundfahrt enthält nämlich eine Besonderheit: Für das Finale am Sonntag haben die Renndirektoren ein Zeitfahren in der Ebene um Mailand angesetzt. Dort warten auf die Fahrer noch 29,3 Kilometer, auf denen man viele Sekunden gewinnen kann. Oder eben auch verlieren.

Letzteres gilt besonders für Nairo Quintana und Vincenzo Nibali, vor dem Rennen am Samstag Erster und Dritter der Gesamtwertung. Beide haben schon große Rundfahrten gewonnen. Der Kolumbianer Quintana, 27, den Giro d'Italia (2014) und die Vuelta a España (2016), der Italiener Nibali, 32, gar Giro (2013, 2016), Vuelta (2010) und die Tour de France (2014). Wenn die Anstiege steil werden, sind sie kaum zu schlagen. Im Zeitfahren gehören sie aber nicht zu den schnellsten.

"Gott sei Dank habe ich die Berge hinter mir", sagt Dumoulin

Das Problem nun ist: Ihr großer Widersacher der letzten drei Wochen, der Niederländer Tom Dumoulin, ist ein ausgezeichneter Zeitfahrer. Weil er sich bei diesem Giro erstaunlicherweise auch in den Bergen nur selten abhängen ließ, waren Quintana und Nibali am Samstag auf dem hügeligen Weg von Pordenone nach Asiago fast schon gezwungen, ein paar weitere Bonussekunden herauszuholen.

Verzockt? Der Kolumbianer Nairo Quintana (links in rosa) und der Italiener Vincenzo Nibali (rechts) galten vor dem Start des 100. Giros als die großen Favoriten.

(Foto: Luca Bettini/AFP)

Und ein paar mehr als jene 15 Sekunden, die der Kolumbianer und der Italiener letztlich ins Ziel retteten, hätten es wohl schon sein müssen, um beruhigt in die finalen 30 Kilometer der Rundfahrt gehen zu können. Die neue Ausgangslage gestaltet sich nämlich so: Quintana hat 39 Sekunden Vorsprung auf Nibali, den neuen Zweiten. Der Franzose Thibaut Pinot, der die vorletzte Etappe für sich entschied, liegt 43 Sekunden hinter Quintana. Dumoulin folgt als Vierter mit 53 Sekunden Rückstand.

Besonders Dumoulin, der für das deutsche "Sunweb"-Team fährt, dürfte dieses Ergebnis zuversichtlich machen. "Gott sei Dank habe ich die Berge hinter mir. Meine Beine waren heute besser und ich hatte wieder einen guten Tag", sagte der 26-Jährige. Für das Entscheidungsrennen prophezeit er: "Morgen werden die Zeitabstände nicht so groß sein wie beim letzten Zeitfahren."

Und trotzdem: Ein guter Zeitfahrer, so rechnen es die Experten vor, kann am Sonntag rund eine Minute aufholen. Sie sehen daher Dumoulin vorne. Auch Pinot, immerhin französischer Meister im Kampf gegen die Uhr, rechnet sich Chancen aus. Selbst der Russe Ilnur Sakarin (+ 1:15 Minuten) und der Italiener Domenico Pozzovivo (+1:30) sind noch in Schlagdistanz.

"Wir haben versucht zusammen zu arbeiten", sagt Nibali

Sollten Quintana und Nibali in der Gesamtwertung noch abrutschen, müssten sie den Fehler wohl nicht im Zeitfahren suchen, sondern am letzten Anstieg der Rundfahrt. Dort setzte Nibali die erste Attacke, später trat auch Quintana an. Schnell hängten sie auch Dumoulin ab, arbeiteten anschließend aber nicht zusammen. Immer wieder forderten sie sich mit Handgesten gegenseitig auf, die Tempoarbeit zu übernehmen. Auch Pinot, Sakarin und Pozzovivo, die die Spitzengruppe komplettierten, wollten nicht wirklich helfen. Dumoulin nutzte die Uneinigkeit - und rollte mit nur 15 Sekunden Rückstand ins Ziel.

Der lachende Dritte? Tom Dumoulin ist der beste Zeitfahrer im Feld und hat gerade mal 53 Sekunden Rückstand auf den Führenden Nairo Quintana.

(Foto: Alessandro Di Meo/AP)

"Wir haben versucht zusammen zu arbeiten", sagte Nibali später. "Aber Sakarin hat nicht mitgearbeitet." Nur bemühten sich Quintana und er selbst eben auch nicht.

Daher bleibt ihnen für das Zeitfahren wohl nur eine gute Aussicht: Taktieren werden sie nicht können.

© SZ vom 28.05.2017
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