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Galopp:Jede Menge Schrauben

Galopp-Derby in Hamburg; Jockey Adrie de Vries

Erlebnis Rennbahn: Der Hengst Weltstar, Derbysieger 2018, mit Jockey Adrie de Vries.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

"Eine schwierige Aufgabe": Wie die Funktionäre Michael Vesper und Jan Pommer den seit Jahren darbenden Galoppsport retten wollen.

Von Ulrich Hartmann

Wenn Weltstar mit wehender Mähne über die Rennbahnen fliegt, ist dem stolzen Hengst die Krise des hiesigen Galopprennsports egal. Kein anderes Pferd in Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr Preisgeld gewonnen als der Derby-Sieger vom Gestüt Röttgen: 449 000 Euro. Übernächsten Sonntag wird bekanntgegeben, ob Weltstar zum "Galopper des Jahres" gewählt wurde. Oder Iquitos, oder Well Timed. In Köln gibt es dann eine kleine Zeremonie. Eine öffentliche Wirkung wie in den 1980er-Jahren hat die Wahl nicht mehr, und dies ist nur eine von vielen Facetten eines herausfordernden Gewerbes. Den Galopp-Verband mit Sitz in Köln plagen Sorgen.

Vor einem Jahr hat der neue Präsident des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen (DVR) sein Amt angetreten. Michael Vesper, 66, war einst für die Grünen stellvertretender Ministerpräsident von NRW und dann Vorstandsvorsitzender im Deutschen Olympischen Sport-Bund (DOSB). Er soll dem Galopperverband vor allem mit seinen Kontakten in die Politik helfen, etwa, um gegen steuerliche Fallstricke im Rennwett- und Lotteriegesetz vorzugehen, die dem Sport bedeutsame Einnahme-Anteile verwehren. Dies lässt sich der Verband ein sechsstelliges Jahressalär für Vesper kosten, wohingegen sein Vorgänger Albrecht Woeste noch ehrenamtlich tätig war.

In dem früheren Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga, Jan Pommer, hat man sich außerdem - zusätzlich zu Jan Antony Vogel - einen zweiten Geschäftsführer geholt, der den Galopp wieder in die Öffentlichkeit bringen und dafür sorgen soll, dass die wichtigsten Rennen entweder im Fernsehen oder im Internet zu sehen sind. Pommer spricht visionär von einer "Agenda Galopp 2022". Bei Vesper klingt alles ein bisschen komplexer. Kein Wunder, er schlägt sich mit den finanziellen Problemen herum.

"Ich habe hier eine schwierige Aufgabe übernommen", sagt Vesper. "Die Existenz des Galoppsports muss gesichert werden." Das klingt bedrohlich, und für die Rennvereine in Bremen, Neuss und Baden-Baden ist es das momentan wohl auch. Baden Racing mit seiner Bahn in Iffezheim kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 5,8 Millionen Euro, das ist mehr, als die nächstfolgenden Bahnen in Köln (2,9) und Hamburg (2,3) zusammen aufbringen. "Baden-Baden ist systemrelevant", sagt Vesper und erklärt damit, warum die Besitzervereinigung, die Baden-Badener Auktionsgesellschaft und das DVR den Rennverein in diesem und im nächsten Jahr mit gut einer halben Million Euro per annum unterstützen. Dadurch verhindert man eine Schieflage für jenen Rennverein, der ein Viertel der wichtigsten deutschen Rennen ausrichtet. "Diese Subvention", sagt Baden-Racing-Geschäftsführerin Jutta Hofmeister, "ist keine Hilfsleistung, sondern ein Investitionszuschuss für eine gute Zukunft der Rennbahn und den Erhalt unseres sportlichen Niveaus." Es ist aber auch so: "Bei uns werden im Jahr 2,7 Millionen Euro an Siegprämien ausgeschüttet und die könnten wir - Stand heute - ohne diese Überbrückung nicht komplett aufbringen."

Gewettet wird online - und den Rennbahnen fehlt dann das Geld

Zwar stabilisiert sich der deutsche Galoppsport langsam wieder - allerdings auf dem niedrigsten Niveau seit den Sechzigerjahren. Die Anzahl der Rennen (1172) und deren Gesamtumsatz (25,4 Millionen Euro) fallen nicht mehr weiter. Doch 2000 hat es noch fast drei Mal so viele Rennen (2916) gegeben, und 1995 war der Umsatz aller Bahnen fast sechs Mal so hoch. Nur in der Erhöhung des Wettumsatzes sieht die Branche eine Chance zum Comeback. Die Zahl der Rennen müsste wieder steigen, allerdings tun sich etliche Vereine schon schwer, das gegenwärtige Pensum zu finanzieren. Ein "Drahtseilakt", sagt Geschäftsführer Vogel.

Jutta Hofmeister vergleicht die Krise des Galoppsports mit der Krise des Einzelhandels, dem der Online-Handel zusetzt. "Kaufhäuser und Läden investieren in ein tolles Einkaufserlebnis, aber bestellen tun viele Kunden dann im Internet." Im Galoppsport sei das Problem ähnlich: "Wir organisieren einen tollen Renntag, aber gewettet wird immer mehr online bei immer mehr auch internationalen Anbietern, so dass uns relevante Summen verloren gehen." 80 Prozent habe man dadurch in den vergangenen 15 bis 20 Jahren eingebüßt.

"Das Wetten auf der Bahn und in ihren Totalisator muss wieder attraktiver werden", sagt Hofmeister. "Wir müssen den Galoppsport wieder in die Köpfe der Menschen bringen", sagt Geschäftsführer Vogel. "Wir bauen etwas Eigenes auf, um Rennen zeigen und Bewegtbild zur Verfügung stellen zu können", sagt sein neuer Kollege Pommer. Man müsse erst investieren, "um an der Einnahmenschraube drehen zu können", erklärt der Präsident Vesper. Er hatte zuvor mit dem Galoppsport wenig zu tun. Inzwischen hat er Rennen in Deutschland, Frankreich und Japan gesehen - und ist begeistert. Ungefähr so wollen sie im Galoppsport künftig wieder mehr Fans für sich gewinnen.

© SZ vom 22.03.2019
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