Fußball-Politik US-Senat beleuchtet Fifa-Affären

Funktionär Jeffrey Webb steht vor der Auslieferung in die USA. Eine Spur im Skandal um den von Politikern und Ermittlern hart kritisierten Fußball-Weltverband führt nach Deutschland.

Von Thomas Kistner

Immer rasanter dreht sich die Spirale der Affären um den Fußball-Weltverband Fifa. Zugleich melden die Banken bei der Schweizer Bundesanwaltschaft immer neue Geldwäsche-Verdachtsfälle. Mitte Juni hatte Bundesanwalt Michael Lauber noch von 53 Hinweisen gesprochen, aktuell liegen schon 81 Verdachtsmeldungen vor. Laut Schweizer Sonntagszeitung sind diese bereits von der Meldestelle für Geldwäscherei vorgeprüft worden.

Auch diese Entwicklung liefert Gesprächsstoff im amerikanischen Senat, wo am Mittwoch der zuständige Ausschuss für Verbraucherschutz den Fifa-Korruptionsskandal beleuchten wird. Zudem zielt die Anhörung auf die Menschen- und Arbeitsrechte in Katar, dem WM-Gastgeberland 2022. Senator Jerry Moran schätzt den Zustand des Fifa-gesteuerten Weltfußballs als "besorgniserregend" ein; der Ausschuss-Vorsitzende erklärt: "Die Fifa hat ihre Korruptionskultur blind gemacht für Verletzungen der Menschenrechte und den Verlust von Menschenleben." Washington will vor allem der Rolle der Funktionäre des US-Verbands USSF nachspüren.

Die USSF zählt zum Erdteilverband für Nord- und Mittelamerika, der Concacaf. Über deren weitreichende Korruptionspraktiken hat schon FBI-Kronzeuge Chuck Blazer ausgesagt; auch aus dem Geschäftsfeld des langjährigen Concacaf-Chefs Jack Warner (Trinidad/Tobago) liegen Erkenntnisse vor, Warners Auslieferung an die USA ist beantragt. Nachdem er 2011 korruptionsbedingt alle Fußballämter abgab, simulierte die Concacaf unter Nachfolger Jeffrey Webb eine interne Großreinigung: die völlig Loslösung von der Vergangenheit durch die neue Verbandsspitze.

Dabei unterhielt Webb - wie Warner - seit eineinhalb Dekaden beste Drähte zu Sepp Blatter. Der Fifa-Chef attestierte dem Banker von den Kaimaninseln sogar noch im April beste Chancen auf die Fifa-Thronnachfolge. Jetzt wurde im karibischen Offshore-Paradies enthüllt: Webb war Direktor in einer von Warners Schattenfirmen, der 1995 gegründeten J&D International (JDI). Über diese vermakelten die Inselfunktionäre die WM-Fernsehrechte für die Karibik - mit Millionenprofit. Kein Wunder: Warner bekam die Rechte von der Fifa in den Neunzigern stets geschenkt, und später für Spottpreise zugeschanzt.

Das entlarvt die Concacaf-Reform von 2012 als einen Bluff, von dem auch die Fifa-Spitze gewusst haben könnte. Warner hat seine Concacaf-Voten stets treu bei Blatter abgeliefert und saß bis 2011 in der Fifa-Finanzkommission. Zugleich hatte Blatter den angeblichen Erneuerer Webb schon 2002 in ein internes Audit-Komitee berufen, mit dem er einen Buchprüfer-Stab aushebelte, den ihm seine europäische Opposition aufgenötigt hatte. Neben Webb gehörten Blatters damaligem Stab drei Figuren an, die schon Ärger mit der Justiz hatten.

Den hat Webb jetzt. Er sitzt mit sechs Funktionärskollegen in Züricher Auslieferungshaft und soll seiner Überstellung an die US-Justiz zugestimmt haben. Das ist brisant. Aus dem Umfeld der in Zürich Inhaftierten heißt es, die US-Justiz drohe einem Südamerikaner mit 50 Jahren Haft. Sucht Webb, der viel näher am Fifa-Geschehen war als seine Mithäftlinge, die letzte Chance? US-Medien berichten, er wolle auspacken. Alte Geschäftsfreunde taten es schon, darunter Jack Warners Sohn: Daryll Warner gab neben Papa Jack der von Webb dirigierten Firma JDI den Namen.

Und es gibt auch deutsche Spuren in dieses mutmaßlich kriminelle Agenturgeflecht: Laut dem Lokalblatt Cayman Compass gab im August 2001 der damalige WM-Rechtehalter, die KirchMedia WM, die karibischen TV-Rechte für 2002 und 2006 an Warners JDI; der Betrag dafür ist nicht bekannt. JDI verkaufte die Rechte vier Monate später für 4,25 Millionen Dollar weiter.

Was die Ermittler noch mehr interessieren dürfte: Die WM-Rechte für 2002 erhielt JDI, obwohl sie bereits einem Marktrivalen Warners zugesprochen waren, der Caribbean Satellite Television Network. CSTB zog damals sogar vor Gericht, weil KirchMedia den Vertrag aus nicht näher bekannten Gründen gecancelt und an Warners JDI gegeben hatte. Vielleicht kann der ehemalige JDI-Direktor Webb bald auch dazu Auskunft geben.