Fußball:Der "Judenklub", der wieder einer sein möchte

Lesezeit: 2 min

Damit Juden wieder ins Stadion kommen können, will Ajax Amsterdam sein Image als "Judenklub" ablegen.

Von Christoph Biermann

Vereinsvorsitzender John Jaakke forderte die Fans nun dazu auf, ihr Verhalten zu ändern. Viele Ajax-Anhänger begleiten ihre Mannschaft nämlich nicht nur in den Vereinsfarben, sondern auch mit der israelischen Fahne und dem Davidstern.

Mit dem Verzicht darauf will Jaakke antisemitischen Äußerungen von gegnerischen Fans die Grundlage entziehen, denn in der Vergangenheit waren immer wieder Sprechchöre wie "Hamas, Hamas - Juden ins Gas" zu hören. "Es muss das Paradox vom Tisch, dass wir als Judenklub gelten, es Juden aber schwer fällt, unsere Spiele zu besuchen", sagte Jaakke.

Der Aufstieg von Ajax während der sechziger Jahre vom Provinzverein zum dreifachen Europapokalsieger der Landesmeister wäre ohne jüdische Spieler und Förderer nicht möglich gewesen.

Der englische Journalist Simon Kuper beschreibt in seinem Buch "Ajax, the Dutch, the War" den Klub als eine Ersatzfamilie für Juden, deren Angehörige im Holocaust ermordet worden sind.

Wie bei Tottenham

Der Vereinsvorsitzende Jaap van Prag, der dem Verein von 1964 an für 14 Jahre vorstand, war über einem Fotoladen versteckt den Deportationen in die Konzentrationslager entgangen. Bennie Muller und Sjaak Swart, zwei legendäre Spieler der sechziger und siebziger Jahre, waren Juden, ebenso einige Finanziers im Hintergrund.

"Eine jüdische Umgebung, wie sie im Nachkriegs-Holland fast einzigartig war," nennt Kuper das, und doch war der Klub weder von Juden dominiert noch gar eine jüdische Organisation. Hauptfinanziers von Ajax etwa waren über viele Jahre zwei Brüder, die während der deutschen Okkupation als "Bunkerbauer" reich und berühmt geworden waren.

In den sechziger Jahren begannen Fans anderer Vereine Ajax gelegentlich als "Judenklub" zu beschimpfen, notorisch wurde das jedoch erst im Laufe der achtziger Jahre mit dem Aufstieg des Hooliganismus.

In einem Akt parodistischer Mimikry, die an die Adaption des einst beleidigend gemeinten Begriffs "schwul" durch Homosexuelle erinnert, wendeten die Fans von Ajax solche Beschimpfungen in eine angenommene jüdische Identität.

Seitdem feiern sie sich als Juden, ohne welche zu sein. Einen ähnlichen Fall gibt es in London, wo sich die Anhänger von Tottenham Hotspur selbst "Yids" (Juden) nennen und etwa über Jürgen Klinsmann während seiner erfolgreichen Zeit beim Klub sangen: "Jürgen war ein Deutscher, aber jetzt ist er ein Jude."

In Amsterdam schwenken selbst junge Muslime, etwa gebürtige Marokkaner, in der Fankurve von Ajax israelische Fahnen. Die Bitte an die Fans, mit der pseudo-jüdischen Identität zu brechen, hat auch damit zu tun, dass Gewalt im Zusammenhang mit Fußball in Holland als größeres Problem gilt als in Deutschland.

In dieser Saison wurde das Ajax-Spiel beim FC Den Haag abgebrochen, nachdem Fans dort fortwährend rassistische und antisemitische Gesänge angestimmt hatten.

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