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Foulspiele:Ende der Wadenbeißer

Seit Jahren ist die Anzahl der Fouls in der Bundesliga rückläufig, Typen wie Jens Jeremies hätten es heute wohl schwerer. Das liegt am veränderten Spielstil, aber auch an einer wirkungsvollen Vorbereitung.

Jens Jeremies

"Wadenbeißer" Jens Jeremies (rechts) wühlte sich im Dreck und nahm die Aggression mit auf das Feld. Er brachte regelmäßig Gegenspieler zu Fall, wie hier Felix Lutz vom St. Pauli 2006.

(Foto: Thorge Huter/imago)

Die einst so verehrten Spielertypen wie Mark van Bommel, Gennaro Gattuso oder Jens Jeremies - huldvoll "Aggressive Leader" genannt, also Wadenbeißer, Abräumer, Typen, die ihre Aufgabe vor allem darin sahen, dem Gegner starke Schmerzen zuzufügen, hätten es im modernen Fußball schwer. Denn der Fußball hat sich im vergangenen Jahrzehnt deutlich verändert. Laut der Statistik-Webseite whoscored.com ist der Durchschnittswert der Foulspiele pro Spiel in der Bundesliga von 2009/10, damals noch 33,95 pro Spiel, auf 23,92 in der aktuellen Saison (Hinrunde 2018/19) rapide geschrumpft.

In den letzten zehn Jahren war der Foul-Wert kontinuierlich rückläufig. Das liegt nicht daran, dass Kampfgeist und Leidenschaft keine essenziellen Fußballer-Eigenschaften mehr sind, es hängt vielmehr mit der veränderten Spielweise der Mannschaften zusammen, sagt der Leiter des Fußball-Lehrer-Lehrgangs des DFB, Daniel Niedzkowski. "Im Fußball, wie wir ihn heute sehen, haben die Spieler das Ziel, in Ballnähe Überzahl zu schaffen und aus der Konstellation oft eher stellend zu agieren." Ein Spieler geht zum Ball, ein Spieler sichert ab und die gesamte Mannschaft verschiebt zum Ball. Als Konsequenz werde im Ballbesitz heute deutlich mehr gepasst und weniger 1-gegen-1 gespielt als früher. Gattusos deftige Fouls hat heutzutage auch in der öffentlichen Wahrnehmung der Wunsch nach einem athletischen Verteidiger verdrängt, der dem Stürmer den Ball gekonnt abluchst.

"Foul bricht Pressing", sagt Ralf Rangnick

Wer grätscht, verliert. Das ist ein Credo, das der Bundestrainer Joachim Löw bereits vor einem Jahrzehnt vorgab. Wenn ein Verteidiger mittlerweile den Kontakt zum Boden sucht, hat er - oder sein Mitspieler - einen Fehler gemacht. Niedzkowski stellt außerdem fest, dass es "immer weniger Mittelfeldpressing" gibt. Die Teams wechseln zwischen hohem Verteidigen (Angriffspressing) und tiefem Verteidigen. Hat sich die Mannschaft durch ein Angriffspressing in eine gute Situation gebracht, den Ball zu erobern, wird diese gute Situation durch ein Foul zunichtegemacht: "Foul bricht Pressing", sagte Leipzig-Coach Ralf Rangnick einmal. Im tiefen Verteidigen wird gleichermaßen das Ziel der Foulvermeidung verfolgt, denn ein Freistoß in Tornähe ist immer mit einem hohen Risiko verbunden.

Auf der einen Seite wird das Spiel immer schneller, intensiver, die Körper der Sportler athletischer und durchtrainierter, dabei nimmt die Anzahl der Fouls aber ab. Was zunächst wie ein Widerspruch wirkt, lässt sich auch damit erklären, dass die Teams immer mehr Infos über den Gegner sammeln "sowohl in der Gegnervorbereitung als auch in der Live-Analyse während des Spiels", sagt Niedzkowski. "Dadurch entstehen weniger überraschende Situationen und Foulspiele können möglicherweise verhindert werden."

Je besser die Teams, desto weniger Fouls

Vergleicht man die Zahlen der fünf europäischen Spitzenligen, wird deutlich, dass in Deutschland am meisten gefoult wird, in England am wenigsten (Saison 2017/18).

Statistik der Fouls in den fünf großen Liga

Deutschland 27,83

Spanien 27,71

Frankreich 26,19

Italien 25,56

England 20,71

Anders ausgedrückt: Alle 13 Minuten wird in der Bundesliga etwas gepfiffen, was in der Premier League nicht gepfiffen worden wäre. Traditionell pfeifen die Schiedsrichter weniger Situationen ab in England, heißt es häufig. Stichwort: Englische Härte. Dies allein ist aber nicht der Grund für die Unterschiede. Niedzkowski sieht im englischen Spiel eine "höhere Qualität der Einzelspieler, die mehr Situationen ohne Foul gelöst bekommen. Wenn man sich anguckt, wer in England spielt, würde man da hinkommen, dass da die besten Spieler sind."

Je besser die Mannschaft also, desto mehr Ballsicherheit hat sie und desto weniger unkontrollierte Umschaltsituationen und weniger Arbeit gegen den Ball muss geleistet werden. Die logische Schlussfolgerung lautet: Je besser die Teams, desto weniger Fouls. Hierfür spricht auch die Statistik, dass in Deutschland der BVB (206) und die Bayern (212) am wenigsten gefoult haben und dass in der Champions League "nur" 23,50 Fouls pro Spiel entstehen. In der schwächeren Europa League sind es 26,60.

Auch wenn es die eingangs genannten Spielertypen immer schwieriger haben - der Videobeweis tut sein Übriges dazu - so werden sie gewiss nie ganz aussterben. Von Florian Dick, der aktuell bei Kaiserslautern unter Vertrag steht, kommt der Satz: "Eine schöne Grätsche an der Außenlinie kann ja auch etwas Magisches haben." Ganz allein wird er mit dieser Meinung nicht sein.

© SZ vom 31.03.2019
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