Formel 1 in Singapur Mega auf der Monsterwelle

Vom Titel spricht Mercedes-Pilot Nico Rosberg nach seinem Sieg in Singapur noch nicht. Aber er ahnt, was für ihn nun gilt: jetzt oder nie!

Von Elmar Brümmer, Singapur

Wenn Lewis Hamilton halbwegs gut drauf ist, dann erklärt er in weltmeisterlichen Metaphern, was ihn bewegt. Zuletzt, als er wieder mit 19 Punkten in der WM vor Nico Rosberg lag, war das eine Welle, auf der er ritt. Seitdem, nach drei Formel-1-Rennen in drei Wochen, herrscht Ebbe. Die Welle, die reitet derzeit sein Gegenspieler bei Mercedes: Nico Rosberg. Und es scheint sich um eine Monsterwelle zu handeln, auf der der 31-Jährige gerade surft: Spa, Monza und jetzt Singapur gewonnen. Acht Punkte Vorsprung in der WM - das ist zwar noch nicht die Welt. Aber Rosberg schlägt Hamilton, den für ihn bisher Unerreichbaren, mit dessen eigener Gemütsverfassung: Leichtigkeit in Kombination mit Willensstärke.

Bei der Aufarbeitung des 15. WM-Laufs 2016, in dem sich Rosberg bravourös gegen den Red-Bull-Fahrer Daniel Ricciardo wehrte, ist Lewis Hamilton kaum zu verstehen. Aber das ist auch gar nicht entscheidend. Wie bei Michael Schumacher oder bei Sebastian Vettel ist seine Gemütsverfassung stets an seiner Körpersprache abzulesen. Nachdem er das Ziel lediglich als Dritter erreicht hat, blickt Hamilton nun am Hocker hinunter, dorthin, wo seine Beine baumeln. Die Kappen seiner Sneakers sind das einzige, was glänzt in der schwülen Nacht. Sie sind, wie alle Accessoires, die er trägt, farblich aufeinander abgestimmt. Das Faible reicht bis zu den Zeigern seiner Armbanduhr.

Hoch soll er leben: Nico Rosberg lässt sich nach seinem Sieg in Singapur feiern.

(Foto: Mark Thompson/Getty)

Rosberg gewinnt, wenn er vorne steht - und derzeit steht er oft vorne

Martin Brundle, der ehemalige Rennfahrer in Diensten des TV-Senders Sky Sports, macht ein für Briten seltenes Kompliment an den Deutschen Rosberg: "Er hat alles, was es braucht, er wusste es bisher vielleicht nur noch nicht. Und ich weiß nicht, ob er inzwischen daran glaubt. Er sagt ja immer noch, dass Lewis der Mann ist, den es zu schlagen gilt." Rosberg leidet unter dem Ruf, nicht hart genug zu sein. "Das stimmt", findet auch Brundle: "Nico gewinnt, wenn er vorn steht." Aber, so Brundle weiter: "Er steht jetzt eben immer häufiger ganz vorn, denn er hat seine Fahrweise auf die nächsthöhere Stufe gebracht."

In Singapur nahm Rosberg Hamilton beim Kampf um die Pole-Position 0,7 Sekunden ab. Das war ein so ungewöhnlich großer Vorsprung, dass er für drei Grand Prix reichen würde. Die Vorstellung hatte etwas Demoralisierendes, Hamilton blieb erst einmal nur einer seiner biblischen Twitter-Sprüche: "Solche Dinge werden uns als Prüfung geschickt."

Rosberg hat in diesem Jahr acht Rennen gewonnen, Hamilton nur sechs

In Wahrheit läuft gerade die finale Prüfung für Rosbergs Titeltauglichkeit. 8:6 führt der zweimalige WM-Zweite nach Siegen in dieser Saison, im Kampf um den begehrtesten Startplatz steht es 7:7. Noch sechs Rennen stehen aus - und nur eines ist klar: Mercedes ist unter normalen Umständen nicht zu schlagen. Es kommt jetzt ganz auf die Menschen an.

Hamilton wird von technischem Pech verfolgt, seit Saisonbeginn läuft das so. Einmal hat er sich schon zurückgekämpft. Rosbergs Erfolg beim Zwei-Stunden-Marathon in Singapur aber war fair herausgefahren - beide Mercedes-Fahrer litten gleichermaßen unter Bremsproblemen. Rosberg ist unter Druck fehlerfrei geblieben, er hat nicht lamentiert, er hat Durchhaltevermögen bewiesen und an Achtung gewonnen. Darauf kann er jetzt bauen.

Hamilton dagegen kam in Singapur vom ersten Tag an nicht zurecht. "Ich denke, dass ich alles getan habe, was ich konnte", sagt er, "es gibt solche Wochenenden, die muss man einstecken können." Stehvermögen: Auch darum geht es von nun an.

Niemand weiß, ob der neue Tabellenführer wirklich komplett befreit ist, oder ob Rosberg der Chance, die sich ihm bietet, selbst noch nicht so recht traut. Das Wort "Titel" nimmt er zumindest noch nicht in den Mund. Er findet alles einfach "mega", "cool" oder "saugenial". Das klingt ein bisschen kindisch. Auf die entscheidende Frage kommt die immer gleich formulierte Weigerung: "Ich denke von Rennen zu Rennen und genieße den Moment." Von einer Trendwende will er nicht sprechen, dafür ist er zu vorsichtig. "Aber so ein Sieg gibt Auftrieb", sagt Rosberg, "mit dem im Rücken tut man sich leichter."

Am Ende, als ihm Daniel Ricciardo nach einem kurzfristig anberaumten Zusatzstopp in Singapur gefährlich nahe kam, schaute Rosberg angeblich nicht in die Rückspiegel. Warum? Er habe ja gewusst, dass der Verfolger aufschließt, gab Rosberg an. Er habe aber darauf vertraut, dass seine eigene Kalkulation stimme. Die Rechnung ging am Ende tatsächlich auf: um knappe 0,4 Sekunden. So eng war es dieses Jahr nicht bei vielen Rennen.

Im entscheidenden Moment cool zu bleiben ist wichtig in der Formel 1. Rosberg ahnt: Nach zwei Jahren, in denen er Hamilton im Titelkampf unterlag, muss er seinen Weg nun eiskalt durchziehen. Eine bessere Titelchance wird sich ihm kaum noch bieten. Mit 31 ist er im besten Rennfahrer-Alter. Sein Auto ist überall siegfähig. Hamilton ist sein einziger Gegner. Und nun führt er die WM-Wertung wieder an.

Was auffällt: Die Erfolge der Mercedes-Fahrer verteilen sich blockweise. "Wir sehen diese Wellenbewegung schon das ganze Jahr", sagt Teamchef Toto Wolff, "vor einigen Wochen haben wir noch darüber geredet, wie Lewis das Momentum auf seiner Seite hat. Jetzt haben wir plötzlich dieses Mega-Nico-Wochenende. In zwei Wochen werden wir in Malaysia sehen, wie es dort aussieht." Aber auch der Österreicher befindet für den Augenblick: "Das ist der beste Nico gewesen, den ich je gesehen habe."