Fechten:Schmiede im Clinch

Olympics Day 3 - Fencing

Die Athletinnen halten zu ihm: Florett-Coach Andrea Magro, hier mit zwei Fechterinnen aus Italien.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Zum Auftakt der WM in Leipzig spitzt sich der Streit am Stützpunkt Tauberbischofsheim zu: Bei zwei Gerichtsterminen geht es um viel Geld - doch die Probleme liegen tiefer.

Von Volker Kreisl, Leipzig

Fechter lernen von klein auf Konzentration. Sie üben, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, um in Sekundenbruchteilen richtig zu reagieren. Sie blenden alle störenden Gedanken aus, damit sie nicht getroffen werden. Zum Auftakt der Weltmeisterschaften in Leipzig, am Donnerstag, könnte die Fähigkeit des Ausblendens besonders wichtig werden. Zumindest für jene deutschen Athleten, deren Fecht-Heimat Tauberbischofsheim ist.

Wegen Magros Entlassung protestierte das Nationalteam sogar beim Dachverband DOSB

Dort liegt zwar der Ursprung der deutschen Erfolge, aber der Einfluss des berühmten Fechtzentrums ist geschwunden. Seit 2006 waren nur zwei WM- oder Olympia-Medaillen auf die Arbeit in Tauberbischofsheim zurückzuführen. Und seit diesem Winter türmen sich existenzielle Probleme. Tauberbischofsheim ringt um seinen Primus-Status in Zeiten der Spitzensportreform, aber das ist noch die abstraktere Sorge. Konkret geht es gerade um zwei Trainer-Klagen wegen Entlassung. Bei der einen steht Geld auf dem Spiel, bei der anderen der Ruf des Fechtzentrums. In beiden Fällen findet die Hauptverhandlung am Donnerstagnachmittag statt, beide im Arbeitsgericht Heilbronn, die erste um 14 Uhr, die zweite gleich im Anschluss.

Vergleichsweise einfach dürfte noch der Streitfall des Weltklasse-Floretttrainers Andrea Magro, 55, zu entscheiden sein. Der Italiener, der in seiner Heimat etliche Olympiasiegerinnen hervorgebracht hatte, war vor vier Jahren für viel Geld eingestellt worden, als das Frauenflorett vor einem Neuaufbau stand. Sein Gehalt, bis zu 200 000 Euro pro Jahr, teilten sich der FC Tauberbischofsheim und der deutsche Verband. Magro formte mit neuer Fecht-Philosophie jenes Team, das jetzt wieder knapp unterhalb der Weltspitze steht und bei der EM Bronze gewann. Trotzdem war er im Februar mitten in der Saison wegen Geldmangels entlassen worden, wogegen das Nationalteam beim Dachverband DOSB protestierte. Magro sollte das Team zu Olympia 2020 in Tokio führen, arbeitete langfristig und wollte sein Werk vollenden. Der Gütetermin scheiterte, Verein und Verband droht eine sechsstellige Abfindung.

Komplizierter ist es in der Sache jenes Tauberbischofsheimer Juniorentrainers, der dagegen klagt, dass er im Dezember wegen sexueller Belästigung und anderem ungebührlichen Verhalten vom Arbeitgeber, dem Landessportverband (LSV) Baden-Württemberg, entlassen wurde. "Es handelt sich um Dinge, die ganz jenseits dessen sind, wie ein Verhältnis zwischen Athlet und Trainer zu sein hat", sagt Bernd Röber, der Referent für Sportpolitik im LSV. Der Spiegel hatte berichtet, Fechterinnen seien unsittlich berührt worden, in einem Fall habe der Trainer sich im Hotelzimmer gegen deren Willen auf eine Fechterin gelegt und sich immer wieder herrisch und nötigend verhalten. Die Medaillengewinnerin und langjährige Nationalteamfechterin Katja Fleischmann, ehemals Wächter, warnt indes vor einer Vorverurteilung: "Ich habe jahrelang unter ihm trainiert und kann diese Dinge nicht bestätigen. Allerdings war ich auch nicht bei allen Sachen dabei." Röber sagt, aufgrund der Zeugenaussagen sei die Sache klar: "Wir sind sehr zuversichtlich, dass das zu unseren Gunsten ausgeht."

Eine Atmosphäre des Misstrauens kann verheerenden Schaden anrichten, befürchten Insider

Doch wer obsiegt, das ist nicht die einzige Frage, die in den Köpfen der WM-Athleten weggezappt werden muss. Die Frage ist, wie über ein Jahrzehnt hinweg Fechtschülerinnen in möglicherweise schwer erträglicher Atmosphäre trainierten, ohne dass irgendjemand etwas mitbekommen hat. Matthias Behr, Olympiasieger und seit Jahren Leiter des Olympiastützpunktes, wehrt sich gegen die Vorwürfe, er habe von einem Beschwerdebrief der Fechtschülerinnen Kenntnis gehabt und nichts unternommen. Er habe von den Vorgängen nichts gewusst, versichert Behr, aber genügt das? Hätten er und andere nicht vielmehr etwas wissen müssen? Offenbar gab es keine Vertrauensperson, an die sich Betroffene wenden konnten. Jemand, der sowohl das nötige Einfühlungsvermögen hat, als auch mit Direktiven ausgestattet ist, wie Röber es fordert. In Tauberbischofsheim hat das offenbar nicht funktioniert.

Das Städtchen südlich des Mains hat eine romanische Kapelle, ein paar Gasthöfe, einen zweigleisigen Bahnhof - und das Fechtzentrum. Dass es den etwas harten Beinamen "Medaillenschmiede" trägt, hängt vor allem mit Emil Beck zusammen, jenem Fechttrainer, der auch als "Übervater" bezeichnet wird. Denn er hat seit Anfang der Siebziger quasi aus dem Nichts Teams geformt, die bei Olympia abräumten. Mit seiner Erfolgsstruktur war es Ende der Neunziger aber vorbei. Die Sieger wurden selber Trainer und lehnten sich auch zu Recht gegen den dominanten Übervater auf. Manche leiteten bald selber die einzelnen einflussreichen Institutionen der Schmiede: Den Olympiastützpunkt, das Internat, den Bundesstützpunkt, den Verein und die einflussreiche Sport-Marketing Tauberbischofsheim.

Doch die Selbstverständlichkeit, dass aus Tauberbischofsheim Sieger kommen müssen, führte weiter zu Spannungen. Der Verein etwa will sparen, die Leistungssportler wollen investieren; zwischen den Institutionen gibt es teils tiefe Risse. In so einem Milieu hält ein Schüler sein Problem, für das er sich womöglich schämt, lieber hinter dem Berg, vermutet Röber, denn allzu schnell sei offenbar auch mit dem Kaderrausschmiss gedroht worden. "Wenn ich 15, 16 bin und mein großes Ziel ist Tokio 2020, dann überlege ich mir vielleicht schon als Athlet, ob mein Problem so groß ist, dass ich mich an jemanden wende."

Die Probleme in Tauberbischofsheim werden mit einem Arbeitsgerichtsurteil nicht gelöst, eine Atmosphäre des Misstrauens könne verheerenden Schaden anrichten, befürchten Insider. Der Verein hat eine neutrale Task Force eingerichtet, um im aktuellen Belästigungsfall Informationen und Aussagen zu sammeln. Ob und inwieweit man sich zudem den Präventionskonzepten des Landesverbandes öffnet, bleibt abzuwarten. Dies wäre jedenfalls kein Schuldeingeständnis, sondern eine souveräne Maßnahme.

Die Fechterinnen aus Tauberbischofsheim können bei der WM gar nichts tun. Außer den Ärger wegen Magro und wegen der Belästigungsvorwürfe für einen Moment zu vergessen, sauber zu fechten und ähnlich zu überzeugen wie mit dem dritten Platz kürzlich bei der EM. Erfolg hat auf Sportfunktionäre immer eine entspannende Wirkung.

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