Fecht-EM:Waffenultimatum

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Fecht-EM: "Wer an etwas glaubt, und er versucht es, der verliert nie": die italienische Fechterin Arianna Errigo.

"Wer an etwas glaubt, und er versucht es, der verliert nie": die italienische Fechterin Arianna Errigo.

(Foto: Robert Michael/AFP)

Florett oder Säbel? Olympiasiegerin Arianna Errigo will in beiden Disziplinen antreten - und trifft auf den Widerstand der Funktionäre.

Von Volker Kreisl, Düsseldorf

Leichte Schatten hat Arianna Errigo unter den Augen - eine Erkältung. Auch leichte Müdigkeit spüre sie in den Knochen, sagt sie, kein Wunder ist das bei dem Stress, dem Italiens Ausnahmefechterin wegen ihres Sports seit Monaten ausgesetzt ist. Und dann: Ständig hängt sie am Handy, denn nächste Woche, nach ihren Auftritten bei dieser Europameisterschaft, da heiratet sie, und ihr Gesicht leuchtet auf, als sie davon erzählt. Eine richtige italienische Hochzeit also. "Gratulation", sagt man da, aber man denkt spontan: das auch noch.

Aber Errigo - Schatten unter den Augen, verstopfte Atemwege, hochzeitsgestresst - ist in Wirklichkeit ganz in ihrem Element. Gleichförmige Abläufe sind nicht so ihre Sache, sondern eher Schwierigkeiten. Sie liebt außergewöhnliche Herausforderungen, und was sie weniger liebt, sind Funktionäre, die sie dabei in die Schranken weisen.

Die 31-Jährige aus Monza verfolgt seit drei Jahren einen kühnen Plan. Olympiasiegerin ist sie schon mit dem Florett, Olympiazweite auch, Weltmeisterin ohnehin. Titel hat sie also genug, was sie aber immer reizt, ist das scheinbar Unmögliche. Errigo will die erste Frau werden, die bei den Olympischen Spielen in zwei Fechtdisziplinen antritt, und zwar nächstes Jahr in Tokio. Das entspräche ungefähr dem Fall, dass ein Spitzen-Kugelstoßer zugleich auch den Diskus auf Weltklasseweite wirft, es galt als undenkbar, zumindest bislang, bis Errigo kam.

Die hat sich tatsächlich so weit vorgearbeitet, dass sie Stand jetzt für beide Waffen qualifiziert wäre. Nur ist ihr im Winter der eigene Fechtverband (FIS) dazwischen gegrätscht. Er hält Errigos Projekt, grob gesagt, für unsinnig, scheint aber seine Fechterin nicht wirklich zu kennen. Präsident Giorgio Scarso stellte ihr ein Ultimatum, sie solle sich bis Ende März für eine Waffe entscheiden: Florett oder Säbel, basta. Errigo brauchte nicht lange nachzudenken und antwortete: Florett und Säbel, basta.

Der Streit wirft eine Grundsatzfrage auf: Wer ist Herr über die Ziele im Sport?

Anfang Mai zog sie vor das höchste Sportgericht, den Cas in Lausanne, sie hofft schon in den kommenden Tagen - zirka zwischen EM-Florettfinale und Hochzeit - auf einen Eilentscheid, der die FIS, Qualifikation vorausgesetzt, zu einer Doppelnominierung zwänge. Und während Arianna Errigo nun bei der EM ficht, ihr nächstes Einzel-Podium aber verpasste, lappt der Streit längst hinaus übers Medaillenzählen, hinein ins Philosophische. Nämlich darum, wer Herr über die Ziele im Sport ist. Und wem überhaupt der Sport letztlich gehört, dem Verband, der den Blick für alle hat und den Laden zusammenhält, oder dem Sportler, der das Recht hat, sich im Rahmen der Statuten so zu verwirklichen, wie es ihm passt.

Scarso argumentiert, Errigo gefährde die Verbandsziele. Sie habe sich mit dem Ausflug zum Säbeln an ihrer eigentlichen Waffe leicht aber spürbar verschlechtert, dabei habe man "so viel in die Florettfechterin Errigo investiert", wie er dem Corriere della Sera sagte. Man könne seine Füße nicht in zwei Paar Schuhe stecken und fürchte daher einen Präzedenzfall. Und dem Corriere dello Sport erklärte Scarso, letztlich müssten sich alle Athleten dem Verband anpassen, man wolle sie im Übrigen vor unbedachten Entscheidungen bewahren.

Das ist vielleicht nicht so gemeint, klingt aber stark nach Bevormundung und stachelt eine wie Errigo erst recht an. Sie hatte, nachdem einst ihr langjähriger Trainer Giovanni Bortolaso zum deutschen Team gewechselt war, ein Jahr lang sich selber trainiert. Anstelle der wichtigen Bewegungslektionen mit einem Trainer übte sie eben zu Hause vor dem Spiegel. Und Errigo zählt auch deshalb zu den Besten, weil sie nicht nur fremd gesteckte Ziele erfüllt, sondern immer auch eigene Pläne hat. Dass sie zwischendurch im Florett etwas nachließ, sei einkalkuliert gewesen, ihr das nun vorzuwerfen, sei unfair: "Seit Jahren fechte ich im Florett auf höchstem Niveau. Dass man mal in ein Tief kommt, das ist doch normal."

Und das Fremdgehen mit einer anderen Waffe bedeutet nicht automatisch eine doppelte Belastung. Errigo kann ihr Athletiktraining für beide Ziele gebrauchen, auch die Techniklektionen lassen sich dank ihrer Erfahrung und Auffassungsgabe bewältigen. Schwieriger wird es mit dem Reisen. Errigo muss ja zwei verschiedene Weltranglisten beachten, im Florett die Position halten und zugleich in der Säbelliste emporklettern. Florett- und Säbelschauplätze liegen aber weit entfernt voneinander, und die Spesen für die letzten beiden Reisen im April zahlte Errigo selber. Trotzdem hat sie es geschafft. Sie steht zurzeit auf Rang 45 und wäre als viertbeste Italienerin für das Säbelteam gesetzt.

Das Argument der objektiven Qualifikation lässt der Verband aber nicht gelten, auch nicht, dass Errigos Auftritte einmalig in der Geschichte wären und Werbung für Italiens Fechter. Nacheinander würde die FIS zwar wohl erlauben, wie bei Margherita Zalaffi, die 1992 und 1996 erst am Florett, dann am Degen Medaillen holte. Aber Errigo will nicht nacheinander, Errigo will gleichzeitig. Und sie will ihre Ziele selber stecken, und seien die noch so hoch. "Ich mache weiter, bis die Dinge richtiggestellt sind", sagt sie, nachgeben komme nicht in Frage. Denn würde sie sich für eine Waffe entscheiden, "dann wäre ich zwar ausgeruht aber unglücklich." Und das geht nicht. Lieber Stress, aber glücklich.

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