Fanrechte:"Ich fühlte mich erniedrigt und beschmutzt"

Erst wenn in einem langwierigen Verfahren die Unschuld festgestellt worden ist, darf der Fan wieder ins Stadion - bis dahin ist er auf Verdacht von seinem Freundeskreis und seiner wichtigsten Freizeitbeschäftigung ausgesperrt. ,,Erst die Strafe und dann die Verurteilung'', nennt das der Sozialarbeiter Thomas Emmes vom Fanprojekt München.

Viele Rechtsanwälte, zum Beispiel der Münchner Marco Noli im Namen des Fanrechtefonds, halten Klagen für erfolgversprechend. ,,Im Gegensatz zu privaten Räumen, die nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, darf ein Stadionverbot nicht willkürlich ausgesprochen werden'', sagt Noli. ,,Das liegt an der Monopolstellung des DFB im Bereich des Profifußballs. Fußballspiele im Stadion müssen grundsätzlich für jeden zugänglich sein.'' Für ein Stadionverbot bedarf es seiner Auffassung nach einer detaillierten ,,Gefahrenprognose''. Ein Ermittlungsverfahren genüge nicht.

Für die Aufnahme in die Datei ,,Gewalttäter Sport'' ist nicht einmal das notwendig - es reicht die Feststellung der Personalien bei einem Fußballspiel. Die Datei ist vor allem deshalb umstritten, weil viele Fans über ihre Aufnahme nicht informiert werden - und deshalb nicht juristisch dagegen vorgehen können. Dabei sind die Konsequenzen schwerwiegend. Jedem ,,Gewalttäter Sport'' könne an der Grenze die Ausreise verweigert werden, ohne dass ein rechtsstaatliches Verfahren gegen ihn eingeleitet worden wäre, sagt Zelts Kollege Wilko Zicht. Er spricht von einem ,,Ersatzstrafrecht'', das sich Vereine und Polizei geschaffen hätten. Emmes berichtet von ,,Fällen, da fährt ein ganz normaler Junge mit seiner Freundin in Urlaub, und die erfährt an der Grenze, dass ihr Freund ein Gewalttäter sei. Und das geht an den Polizisten in seinem Dorf, da ist er abgestempelt''.

Im vergangenen Jahr waren Fanvertreter und DFB auf dem Weg, sich gemeinsam um eine Lösung all dieser Probleme ohne Richter und Anwälte zu bemühen - mit einer Ombudsstelle. Die Idee wurde immer wieder vertagt, bis der DFB im September schriftlich mitteilte, er habe sich gegen eine solche Beschwerdestelle entschieden. ,,Ich muss gestehen, dass wir mit dieser Ankündigung zu leichtfertig umgegangen sind'', sagt DFB-Präsident Theo Zwanziger. In Gesprächen mit der DFL sei ,,die Sinnhaftigkeit in Frage gestellt'' worden. Den Fanrechtefonds sah Zwanziger aber nicht negativ. ,,Ich habe nichts gegen Dachverbände und Zusammenschlüsse der Fans und werde Diskussionen nicht ausweichen.''

In dem Brief des DFB vom September werden die betroffenen Fußballanhänger als ,,Verbraucher'' bezeichnet. Corinna F. ist immer noch eine Verbraucherin der DFB-Produkte. Obwohl es allzu verständlich wäre, wenn sie es bleiben ließe. ,,Beim nächsten Auswärtsspiel war wieder so ein Zelt aufgebaut'', sagt sie. ,,Ich habe schon beim Anblick Angst bekommen.''

© SZ vom 8.12.2006
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