Fall Daniel Nivel:Rengers harte Zeit im Knast und sein Leben danach

Der damals 30-Jährige wird nach Hannover verfrachtet. Hauptangeklagter ist ein Randalierer, der mit einem Gewehraufsatz auf Nivels Kopf eingeschlagen hatte. Ihm wird wegen versuchten Totschlags der Prozess gemacht.

WM 1998 Lens Hooligans Nivel

Die Szene, die ihn sein Leben lang begleitet: Zusammen mit einigen anderen Hooligans tritt Frank Renger auf den am Boden liegenden Daniel Nivel ein. Der Franzose ist bis heute schwerbehindert.

(Foto: Foto: AP)

Von der Untersuchungshaft aus geht es für Renger, den gebürtigen Gelsenkirchener, wieder zurück nach Essen, wo ihm das Landgericht fünf Jahre Freiheitsstrafe aufbrummt: "Da ist eine Welt für mich zusammengebrochen", sagt der Mann im TuRa-Vereinsheim. Zwar hatte sein Anwalt ihm zuvor schon fünf bis acht Jahre Gefängnis angekündigt, die Staatsanwaltschaft forderte sieben Jahre. "Aber als das Urteil dann verlesen wurde, war es ein absoluter Schock", seufzt der Geläuterte.

Harte Gefängniszeit

Zumal nun harte Zeiten für ihn anbrechen. Keine 500 Meter entfernt vom Landgericht ist für den Hooligan eine Zelle in der JVA an der Krawehlstraße reserviert.

"Ich bin da mit meinem Päckchen Klamotten auf dem Arm reinmarschiert und kam mir vor wie Sylvester Stallone in 'Lock Up'", sagt Renger. "Überall nur so schwere Typen mit langen Haaren und Tätowierungen, da schießt einem alles mögliche durch den Kopf, was die wohl mit einem machen werden. Und dann bist du die ganze Zeit mit fünf Mann auf der Bude und nur so richtige Granaten dabei, Mörder, Vergewaltiger..." Er wird nachdenklich, legt seinen Kopf in die Hand und seufzt fast im Flüsterton: "Nein, das war keine schöne Zeit."

Für Renger bedeutet der Knastaufenthalt einen Neustart. "Da hast du natürlich eine Menge Zeit. Eine Stunde Freigang, das sind 23 Stunden zum Nachdenken, und das jeden Tag." Heute ist der Gewalttäter geläutert. "Ich habe damals alles kaputt gemacht, mein Leben ist dabei noch nicht mal wichtig. Mich hat niemand gezwungen, in ihn reinzutreten. Vielmehr geht es um Nivel und seine Familie, die ich durch meine Tat zerstört habe."

"Ich hätte Nivel gerne geschrieben"

Der Gendarm hat noch heute große Probleme, sich zu artikulieren. Er ist auf einem Auge blind, wird nie wieder in seinem Beruf arbeiten können. Kontakt hat Renger nach dem Prozess nie aufgenommen, auf Wunsch von Nivels Familie. "Ich hätte gerne geschrieben", beteuert Renger. "Aber das sollte ich lassen, das hätte die ganzen Wunden wieder aufgerissen."

Renger ist in Gelsenkirchen-Schalke geboren; der ehemalige Lagerarbeiter wächst im Sauerland auf. Die Liebe zu seinem FC Schalke bleibt. Damals begleitet er lange Zeit als Mitglied der "Gelsenszene" die Spiele des Bundesligisten, sucht dabei immer öfter gezielt die Eskalation. "Klar, wir haben immer alle erst Schalke gesehen, aber wenn es dann zur Sache ging, waren wir sofort mit dabei." Vor allem der große Zusammenhalt reizt ihn.

Prügeleien auch schon bei Bundesligaspielen

"Da ist keiner weggelaufen, wenn es geknallt hat", sagt Renger. Und es knallt oft, nicht immer nur beim Gegner. "Einmal waren wir in Bielefeld, am letzten Spieltag. Die sind gegen uns abgestiegen und komplett ausgerastet - wir aber auch. Dann haben wir uns getroffen und jeder hat sich einen ausgesucht. Ausgerechnet ich habe so ein langes Elend erwischt, der Typ war bestimmt zwei Meter groß. Als ich am Boden lag, hat er mir ins Gesicht getreten und ich habe es nur noch klimpern gehört."

Er verliert seine Schneidezähne, bricht sich das Jochbein, erst in der Haft lässt er sich das Gebiss wieder richten. "Das war übrigens der Abend, an dem Guildo Horn für Deutschland beim Grand Prix angetreten ist."

Ausgerechnet mit seinem Titel "Piep, piep, piep, Guildo hat euch lieb" - das habe er "mit den Jungs noch geschaut, mit so 'ner Fresse", sagt Renger.

Der Ex-Hooligan hat so manche Anekdote aus seiner "wilden Zeit" auf Lager. Er räumt ein: Ohne die Haft wisse er nicht, ob er nicht heute noch dabei wäre. Heute wohnt er in Altenessen. Spätestens seit dem vergangenen Jahr ist sein altes Leben Geschichte: Seitdem arbeitet er als Betreuer bei TuRa.

Über den Sohn seiner Ex-Frau kommt der Kontakt zum Verein zustande. Friedrich Brüne, der Erste Vorsitzende: "Er war öfter bei der Mannschaft und hat dann irgendwann gefragt, ob er nicht als Betreuer ehrenamtlich arbeiten dürfe. Da sprach aus unserer Sicht natürlich überhaupt nichts gegen."

Neues Leben als Ehrenamtler

Doch das geht nicht lange gut. Bald kursieren die ersten Gerüchte über den Mann, den man sich da ins Boot geholt hat. "Dann habe ich sofort die Karten auf den Tisch gelegt", erklärt Renger.

Der Vorstand sah jedoch keinen Grund, ihm die Tür zu weisen. "Er ist super integriert, kommt prima mit den Jungs klar, warum soll man so jemandem keine zweite Chance geben, auch wenn die Tat für uns alle natürlich absolut nicht zu verstehen ist. Aber ansonsten rutscht er vielleicht auf die schiefe Bahn und landet in der Gosse", so Vereinschef Brüne.

Der neue Betreuer ist eine Bereicherung für den Klub - und ihm brachte das Engagement sogar einen neuen Job ein. Beim Hauptsponsor, der Bäckerei Schmitz, kann Renger in seinem alten Beruf arbeiten; eine neue Freundin hat er auch schon.

Der Verein hat ihm wieder auf die Beine geholfen. Das weiß Renger selbst am besten. Daher hütet er sich vor Krawall in der Kreisliga B. "Hier geht es ja schon manchmal rund, einmal haben sie sogar einem von uns den Arm gebrochen. Natürlich will ich die Jungs dann beschützen, aber ich drehe mich einfach weg."

Frank Renger hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. Das akzeptiert auch Michael Cassola, Trainer der ersten Mannschaft: "Für uns ist er einfach der Frank, er gehört ganz normal dazu. Keiner kann sich vorstellen, was damals in seinem Kopf vorgegangen ist. Einige, speziell von der älteren Fraktion, sind da zwar nicht begeistert von, aber damit muss man leben."

© sueddeutsche.de/hum/jbe
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