Englische Premier League Lärm in der Bibliothek

Liverpools erstes Tor: Daniel Sturridge überlistet den deutschen Torwart Jonas Lössl.

(Foto: David Blunsden/imago)

Drei Tore gegen Aufsteiger Huddersfield Town zwingen die Fans des FC Liverpool dazu, ihren Stimmungsboykott gegen das Team von Jürgen Klopp vorerst einzustellen. Der Trainer besiegt seinen Kumpel David Wagner.

Von Sven Haist, Liverpool

Nach der Dokumentation des Fernsehsenders Sky UK über die Freundschaft von Jürgen Klopp und David Wagner stellte sich das Gefühl ein, dass die Öffentlichkeit nun wirklich mit jedem Beziehungsdetail der langjährigen Weggefährten vertraut ist. Die größte Dissonanz soll es demzufolge um den Raucherbereich auf dem Hotelzimmer gegeben haben, als sich die beiden damaligen Profis bei Mainz 05 kennenlernten. Der Nichtraucher Wagner gestattete dem Raucher Klopp lediglich die Toilette für den Genuss einer Zigarette.

Beim ersten deutschen Trainertreffen in Englands höchster Spielklasse ist es dann aber noch einmal intimer geworden. Die Hälfte seines Vorworts im Stadionprogramm richtete Klopp an Wagner, den er als "seinen Bruder" begrüßte. Nach Abpfiff drückten sich die beiden in Anfield gar vor 53 268 Zuschauern gegenseitig einen Kuss auf die Wange. Eine solche Geste der Verbundenheit hatte bis dahin selbst die an Ereignissen reiche Premier League nicht zu bieten. Mit aufrichtiger Zuneigung hatte das jedoch weniger zu tun. Bei Klopp war die Geste schlicht ein Ausdruck der Erleichterung - und Dankbarkeit.

Wie das bei Freunden so ist, konnte sich Klopp in seiner Not auf Wagner, der auch sein Trauzeuge ist, verlassen. Ohne Bitterkeit ertrug Wagner im Beisein seiner Familie die Niederlage, ihm tat sie kaum weh. Aufsteiger Huddersfield Town hält sich im gesicherten Tabellen-Mittelfeld auf, der Klassenerhalt ist das einzige Saisonziel.

Klopp hingegen wird durch das mühsame 3:0 (0:0) des FC Liverpool vorerst von einer Diskussion verschont, in der vermutlich seine Zukunft als Trainer bei den Reds verhandelt worden wäre. Über einen Monat blieb Liverpool in der Premier League ohne Erfolg. Das Publikum drückte den Unmut über einen bislang enttäuschenden Saisonverlauf dadurch aus, dass es die akustische Unterstützung weitgehend einstellte. "Dies ist eine Bibliothek", sangen die Fans aus Huddersfield sarkastisch. "Ich konnte hören, dass den Leuten die erste Hälfte nicht so sehr gefallen hat", gestand Klopp, dessen Team sich mit Wagners Defensivtaktik schwer tat. Durch drei Tore in der zweiten Halbzeit (Sturridge, Firmino, Wijnaldum) hält der Klub soeben noch Anschluss zu den anderen Topteams.

Mit Liverpool als Meister rechnet bei zwölf Punkten Rückstand niemand mehr

Die Menschen auf der Insel genießen grundsätzlich das charismatische Auftreten der beiden deutschen Trainerpioniere. Deren britische Kollegen sind weit weniger umgänglich, ihre Aussagen beinhalten die nahezu immer gleichen Botschaften. Doch die Aufmerksamkeit richteten die Fußball-Fans am Samstag trotzdem lieber auf das Duell zwischen Manchester United und Tottenham Hotspur, das der Franzose Anthony Martial mit seinem späten Tor zum 1:0 (81.) entschied. Mit einer Meisterschaft des FC Liverpool rechnet bei zwölf Punkten Rückstand auf Tabellenführer Manchester City schon jetzt niemand mehr.

Die Wettbewerbsfähigkeit des englischen Fußballs hat seit dem Arbeitsbeginn von Pep Guardiola (City) und José Mourinho (United) in Manchester rasant zugenommen. Die offen gelebte Abneigung der Fußballlehrer hat an der Ligaspitze einen Qualitäts-Wettkampf entfacht, in dem die Spitzenklubs aus London nur bedingt hinterherkommen. Auf dem Transfermarkt kaufte City eine Mannschaft zusammen, mit der Guardiola die anderen Teams in Zugzwang versetzt. Ihm ist es gelungen, dem physischen und eher destruktiven Spielstil in der Premier League seine Akzeptanz zu nehmen. Der neureiche Klub produziert serienweise hohe, eindeutige Ergebnisse, durch die der Konkurrenz ihre Chancenlosigkeit vorgeführt wird.

Citys Blitzstart mit den meisten Toren der Liga führt dazu, dass Mourinho, Guardiolas ewiger Gegenspieler, sich nun mit einem Manöver befasst, um die Dominanz wieder einzuschränken. Die Lösung liegt bei United augenscheinlich in einer radikal defensiv ausgerichteten Struktur. Bereits durch den Anblick der Barrikade vor dem Tor soll dem Gegner die Spielfreude genommen werden. Knapp vier Stunden dauert es im Schnitt, bis jemand einen Treffer gegen den Rekordmeister erzielen kann. Am kommenden Sonntag entscheidet sich, ob die Spitzengruppe weiter zerfällt oder sich doch etwas zusammenzieht. Vier der fünf bestplatzierten Vereine spielen gegeneinander: ManCity empfängt Arsenal, Chelsea trifft auf ManUnited.

Anlässlich dieser Entwicklung sucht der FC Liverpool als Außenseiter weiterhin eine Nische, um vielleicht doch mal wieder, nach inzwischen schon 27 Jahren, Meister werden zu können. Als Vorbild dient Borussia Dortmund, das mit dem Trainer Jürgen Klopp einst den Branchenprimus FC Bayern überlisten konnte. Die Geschichte von Klopps Meisterschaften mit dem BVB in 2011 und 2012 ist natürlich auf der Insel bekannt, weshalb sich ein ähnlicher Überraschungseffekt kaum einstellen wird.