Einzelkritik Auf müllerischen Wegen

Leroy Sané verpasst ein Tor und wird heftig gefoult. Joshua Kimmich bleibt Joshua Kimmich. Und Leon Goretzka ballert den Frust der ganzen Mannschaft ins Tor.

Von Carsten Scheele

Manuel Neuer: Würde niemals eine buntgefiederte Jacke tragen wie neulich Leroy Sané bei der Ankunft des DFB-Trosses in Wolfsburg. Das kann sich Neuer in seiner Position als Grandseigneur auch nicht mehr leisten: Hat mit seinen 85 Länderspielen dreimal so viele Einsätze angehäuft wie die versammelte Viererkette vor ihm, er baute den Kinderriegel nach dem frühen Gegentor (an dem er nichts machen konnte) großväterlich auch wieder auf. Suchte nur manchmal seine alten Kumpels Hummels und Boateng, fand sie aber nicht. Musste in der zweiten Halbzeit auf der deutschen Bank weitersuchen.

Debütanten-Ball: der Leipziger Lukas Klostermann (beim Kopfball) absolvierte sein erstes Länderspiel.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Lukas Klostermann: Schoss nach 50 Sekunden gleich mal aufs Tor, der Ball wurde abgeblockt. Auch sonst alles andere als nervös: Mal chippte er den Ball, dann spielte er ihn neckisch mit der Hacke. Könnte sich mit seinem munteren Debüt womöglich einen Startplatz gegen die Niederlande erwirtschaftet haben - wenn er denn gesund ist. Musste kurz vor Schluss angeschlagen raus, für ihn kam Thilo Kehrer.

Niklas Süle: Könnte nie eine Jacke tragen wie Sané, solange diese nicht in Kühlschrankmaßen hergestellt wird. Ist vermutlich dafür der weltweit einzige unangefochtene Abwehrchef einer Nationalmannschaft, der erst 17 Länderspiele auf dem Buckel hat. Am Anfang aber gar nicht chef-artig unterwegs: Ließ Jovic vor dessen Führungstreffer schon sehr frei Richtung deutschem Fünfmeterraum ziehen. Auch bei der Riesenchance von Ljajic nur passiv anwesend. Holte sich dafür mahnende Worte vom Kollegen Kimmich ab.

Jonathan Tah: Mit der geballten Kompetenz aus fünf A-Länderspielen bereits die zweiterfahrenste Defensivkraft in Löws Startformation - das sagt einiges darüber aus, wie ernst es der Bundestrainer mit dem Neubeginn meint. Gut möglich jedoch, dass sich Löw von Tahs Nominierung mehr versprochen hat: Konnte nur in wenigen Szenen den starken und souveränen Nebenmann mimen, den Süle an diesem Abend gebraucht hätte.

Marcel Halstenberg: Zweites Länderspiel für den Linksverteidiger. Der deutlich blassere Part der Leipziger Flügelzange, gegen Ljajic allerdings auch stärker defensiv gefordert als der Kollege Klostermann.

Joshua Kimmich: Braucht zum Ausdruck seiner Coolness keine gefiederte Jacke, hat ja seinen Schnorres. Nahm deutlich die Rolle als neuer Leitwolf im Mittelfeld an - hätte alle dort anfallenden Aufgaben am liebsten gleichzeitig gelöst. Eröffnete hummelsmäßig das Spiel, warf sich dem Gegner schweinsteigeresk in den Weg, suchte müllerisch manche Wege, die sonst keiner findet. Blieb aber Kimmich.

Ilkay Gündogan (am Ball) trug erstmals die Kapitänsbinde der DFB-Auswahl.

(Foto: John MacDougall/AFP)

Ilkay Gündogan: Für Toni Kroos in die Startelf gerückt, was schon als Indiz gelten darf, dass dieser für das Spiel gegen die Niederlande am Sonntag geschont werden sollte (im Gegensatz zu Gündogan). Legte in der zweiten Hälfte mit der Kapitänsbinde am Arm deutlich an Qualität und Körperspannung zu. Beste Chance, als er Torwart Dmitrovic schon umspielt hatte, die Serben seinen Ball aber von der Linie kratzten.

Julian Brandt: Müsste Leverkusen schon verlassen, um eine Sané-Jacke zu erstehen - die gibt es bei C&A am Friedrich-Ebert-Platz leider nicht. Nahm Klostermann bei dessen Debüt an die Hand, merkte aber schnell, dass dieser derlei Anleitung gar nicht nötig hatte. Spielte nicht schlecht, irgendwie lag die ganze Zeit eine Brandt-Szene in der Luft. Sie kam aber nicht.

Kai Havertz: Könnte im Sommer zum FC Bayern wechseln, wenn Uli Hoeneß mit seiner Transferoffensive ernst macht. Hätte seinen Marktwert in einem Länderspiel von Beginn an sicher nach oben treiben können - hatte dafür aber zu wenige glückliche Szenen. Auch deshalb frühzeitig ausgewechselt.

Leroy Sané: Trug beim Warmmachen eine langweilige Trainingsjacke in schwarz und weiß. Ließ manchmal mit einem Antritt drei Serben stehen, war den Ball dann aber fix wieder los. Schoss einmal von der Strafraumgrenze aufs Tor - der Ball landete im Seitenaus. Schoss später aus allen Lagen, wurde immer besser und aktiver, kam dem Tor immer näher, traf es aber nicht. Blickte irgendwann verzweifelt drein. Ein Abend zum In-der-Jacke-verkriechen.

Timo Werner: Könnte ebenfalls im Sommer nach München wechseln, wenn Hoeneß ernst macht. Wird hoffen, dass der Patron nicht so genau hingesehen hat. Passte an diesem Abend irgendwie nicht zu seinen Mitspielern: Die spielten entweder dorthin, wo Werner nicht stand, oder Werner stand dort, wo ihn die Kollegen nicht hinschickten. Einmal fanden sie ihn, da weckte Werner das gesamte Stadion auf, das sich schon im Schlummerschlaf befand: Doch Werner drehte den Ball aus wenigen Metern kunstvoll am serbischen Torwart vorbei ins Aus. Unglücklich in der Chancenverwertung. Nicht sein Abend.

Marc-André ter Stegen: Hat in dieser Woche einige Hinweise erhalten, dass er irgendwann die deutsche Nummer 1 werden dürfte. Teilte sich bei solch einer Perspektive gerne noch den Job mit dem Grandseigneur Neuer. Kam zur zweiten Halbzeit, wirkte sofort sehr präsent.

Marco Reus: Obacht, einziger Dortmunder an diesem Abend im DFB-Trikot. Und dann sogar nur eingewechselt - das kam tief im Westen sicher nicht so gut an. Reus machte seiner Unzufriedenheit Luft mit einem Schuss in den Oberrang. Sein zweiter Versuch war schon deutlich besser platziert. Brachte Schwung ins Spiel.

Leon Goretzka: Ebenfalls eingewechselt, ballerte er den angestauten Frust der gesamten DFB-Auswahl bei seinem 1:1 wuchtig ins serbische Tor. Bewahrte die nach Halt suchende Nationalmannschaft mit seiner Mentalität zumindest vor einer Niederlage.