Die etwas andere Copa-Bilanz Von chilenischen Flüchen und Selfies mit der Chefin

Da sinkt er hin: Chiles Abwehrspieler Gonzalo Jara (rechts) provoziert den Platzverweis von Uruguays Angreifer Edinson Cavani.

(Foto: Claudio Reyes/AFP)

Ein ausgedehnter Streifzug durch die Copa América, die an Kuriositäten kaum zu überbieten war.

Von Javier Cáceres

Andere Länder, andere Sitten: Das gilt auch für fußballkulturelle Aspekte, wie man an der Copa América erkennt. In Chile endete an diesem Samstag die 44. Auflage des ältesten Nationenwettbewerbs der Welt: Ein kurzer Streifzug durch die wichtigsten Begriffe eines an Affären, Schmähungen und Kuriositäten reichen Turniers - von A wie Afrika bis Z wie Zincha.

AFRIKA: Mit Amerika durch kulturelle Einflüsse und diverse Migrationsstränge verwandter, territorial aber streng durch einen Ozean getrennter Kontinent. Afrikanische Mannschaften sind - anders als Teams aus der Karibik, Nord- und Mittelamerika - bei der ursprünglich mal auf südamerikanische Teilnehmer beschränkten Copa América nicht zugelassen. Weil diesmal Jamaica mitmachte und auf Uruguay traf, war Afrika irgendwie doch dabei. Zumindest in den Augen des uruguayischen Stürmers Edinson Cavani. Auftaktspiele seien immer schwierig, sagte er vor der ersten Partie - "erst recht gegen afrikanische Mannschaften."

BRASILIEN: Undefinierbare Entität, die einst als Hort und Garant des kunstvollen und freudigen Fußballs galt. Leidet seit Jahren unter rapidem Identitätsverlust und der traumatischen Erinnerung an eine Niederlage gegen Deutschland, deren Höhe und Ort besser unerwähnt bleibt. Schied bei der Copa América im Viertelfinale gegen Paraguay aus, das viele bundesligaerfahrene Profis dabei hatte.

CULIAO, EL: Chilenisches Schimpfwort derbster Art, das im Wortsinn den passiven Teilnehmer einer Kopulation benennt. Dabei ist unerheblich, ob es sich um eine hetero- oder homosexuelle Balz handelt. Chiles Nationalelf ist offenbar voller 'culiaos'. Als sie nach einem Sieg grußlos in die Kabine verschwinden wollten, hielt Defensivkraft Gery Medel seine Mannschaftskameraden zurück: "Na los, culiaos! Leute, grüßen!". Allerdings bekannte sich nur einer öffentlich, ein 'culiao' zu sein. Nach dem Viertelfinale sagte er, die Kameraden hätten in der Pause Klartext mit ihm geredet, so man das bei nuschelnden Chilenen sagen kann: "Was'n'los mit Dir, culiao?" Half aber nix. Sánchez Blieb auch im Halbfinale gegen Peru ohne Torerfolg.

DEUTSCHLAND: Spielte, obwohl weder in Amerika noch in Afrika verortet, auch bei der Copa América eine Rolle. Unter anderem, weil Winnie Schäfer als afrikaerfahrener Trainer der Auswahl Jamaikas dabei war. Aber auch, weil Brasiliens Copa América gut los ging: Brasiliens Reiseleiter quartierte die Mannschaft im südchilenischen Temuco in einem Hotel ein, das in der Avenida Alemania lag. Weckte böse Geister, die auch zum Viertelfinal-Aus gegen Paraguay geführt haben können.

"EEEEEHHH PUTO!" Langgezogener, ursprünglich aus dem nordamerikanischen Mexiko stammender Ruf, der zum Einsatz kommt, wenn der Torwart der gegnerischen Abwehr einen Abstoß ausführt. Puto ist ein herabsetzender Ausdruck für einen Homosexuellen; bei der WM 2014 zog die Fifa Mexikos Verband für seine Fans zur Rechenschaft. Mittlerweile haben die Fans fast aller Copa-América-Länder den Ruf in ihr Schmäh-Repertoire aufgenommen. Nur die Kolumbianer wandelten ihn ab: Sie riefen bei Abstößen für die eigene Mannschaft: OOOOoooospina. So heißt ihr übrigens exzellenter Torwart.

FERRARI, LA: Italienisches Auto mit hoher PS-Stärke, das für alle möglichen Dinge geschaffen ist, nur nicht für Hochgeschwindigkeits-Spritztouren auf chilenischen Autobahnen. Arturo Vidal, chilenischer Nationalspieler, versuchte den Gegenbeweis anzutreten, war dabei aber so breit (1,2 Promille) wie ein Ferrari flach. Wurde nach einem Tag auf der Wache wieder freigelassen. Gegen Auflagen: Er musste den Lappen abgeben und versprechen, sich wöchentlich im Konsulat in Mailand zu melden, bis der Unfall juristisch aufgearbeitet ist. Der Termin liegt praktischerweise lange nach dem Ende der Copa América.

GÜEVÓN, EL: Im chilenischen Alltag omnipräsente Bezeichnung des jeweiligen Gegenübers , das sowohl in freundlicher, höhnischer oder demütigender Absicht benutzt werden kann. (Und wird). El güevón kann sympathisch, nervend oder deppert sein; fantastisch oder kriminell, hübsch oder hässlich. Für die richtige Interpretation der Verwendung des Worts ist also der Kontext grundlegen. Etymologen führen den güevón übereinstimmend auf den Terminus "huevo" und also ein bestimmtes Teil des männlichen Sexualorgans zurück, zu Deutsch: das Ei. Daher wird güevón auch huevón geschrieben. In chilenischen Druckerzeugnissen gilt die Schreibweise mit "g" als gleichrangig.

HIJO DE PUTA, EL: Auch geläufig als hijo'e'puta, beziehunsgweise einfacher: hijoputa. Ausdruck höchster Missachtung, die sich darin äußert, dass der Mutter des jeweils Angesprochenen die professionelle Verrichtung sexueller Handlungen unterstellt wird. Dabei ist unerheblich, ob sich dokumentarisch belegen lässt, dass die jeweilige Frau jemals Geld genommen hat oder nicht. In der Hijoputa-Bestenliste der Copa lag Brasiliens Stürmer Neymar knapp vorne. Viermal bezichtigte er allein Schiedsrichter Osses Sohn einer Mätresse zu sein. Wurde dafür von den Conmebol-Funktionären für vier Spiele gesperrt.

INDIGENEN-POKAL, der: Im Juli spielen die Ureinwohner aus acht südamerikanischen Ländern ihre eigene Copa aus. Als Schirmherr böte sich der Peruaner Claudio Pizzarro an: Der frühere Bayern-Profi twitterte während der Copa América auch auf Quechua, einer im heutigen Peru, Bolivien und Ecuador verbreiteten Sprache indigenen Völker. Das Volk der Mapuche-Indianer bedankte sich bei Pizarro für die Tweets auf Quechua.

JEFA, LA: Zu Deutsch: die Chefin. Chilenische Entsprechung für den deutschen Begriff "Mutti", weil es der gängige Spitzname für Staatspräsidentin Michelle Bachelet ist. Wie Mutti Angela Merkel nach den Siegen der "Mannschaft", so rauscht auch Bachelet nach den Siegen in die Kabine und bittet um ein Foto, das dann zu Propagandazwecken an Medien weitergeleitet wird. Steht auch für Selfies zur Verfügung.

KORDILLERE, DIE: In Chile geläufige Bezeichnung für die Gebirgskette der Anden. Im Winter üblicherweise auch rund um Santiago verschneit. Der Klimawandel aber lässt sich dort nun auch an kahlen Berggipfeln sehen. Es hat seit einem Jahr in Zentralchile kaum Niederschläge gegeben.

LUFTVERSCHMUTZUNG, DIE: Auch bekannt als Smog. Durch die Kessellage der Hauptstadt Santiago begünstigtes Phänomen. Macht Chiles Hauptstadt im Winter zu einem schwer erträglichen Ort. Der Smog erzielte während der Copa America Werte, die man seit 16 Jahren nicht mehr kannte. Begünstigt wurde dies auch durch zahllose Grillfeste. Das berühmteste des Turniers war das Barbacue-Fest bei Chiles Defensivkraft Gery Medel, weil auch Arturo Vidal dabei war, ehe er in einem Casino Station machte, Black Jack und Black Label durcheinander brachte und seinen Sportwagen im Suff zerlegte (vgl. auch: Ferrari).

MARADONA, DIEGO: Argentinischer Fußballheiliger. Spielte bei der Copa América nur einmal eine Rolle: als die Nachricht vom Tod seines Vaters Diego eintraf. "Der beste Maradona, den ich je sah", sagte Fernando Signorini, früherer Fitnesstrainer von Diego Maradona, über Maradona Senior. Argentiniens Nationalelf spielte mit Trauerflor.

NIGHT AND DAY, EL. Nachtlokal im Herzen Santiagos, das in seiner jahrzehntelangen Geschichte nur einmal geschlossen war: Während der WM 1962. Damals reiste vor dem Turnier der Mannschaftsarzt der Brasilianer an, nahm an den Bediensteten vollumfassende Gesundheitsuntersuchungen vor und diese dann ohne Ausnahme für die Dauer des Turniers unter Vertrag, an dessen Ende Brasilien seinen zweiten Weltmeistertitel gewannen. Diesmal lebten sie keuscher, schieden im Viertelfinale aus und fuhren laut Trainer Dunga mit einer Virenvergiftung heim. Tja.

ORTIGOZA, NÉSTOR: Einziger in Glamourfragen stilsicherer Teilnehmer der Copa América. Reiste mit einem so genannten "Dadbod" an, jenem vom Schauspieler Leonardo Di Caprio popularisierten Trend zur Wampe, der dem Six-Pack-Faschismus trotzt. Ortigoza spielt einen grandiosen Ball und hat überdies den Papst in der Tasche: Er ist noch bei San Lorenzo de Almagro aktiv, dem Lieblingsklub des Oberhaupts der katholischen Kirche.

PROKTOLOGE, DER: Neuer Spitzname von Gonzalo Jara, chilenischer Verteidiger bei Mainz 05. Verdiente ihn sich, indem er im Viertelfinale dem uruguayischen Stürmer Edinson Cavani eine Art Prostatavorsorgeuntersuchung verabreichte. Allerdings unangekündigt und im Mittelkreis des Rasens im Nationalstadion von Santiago de Chile. Cavani verpasste Jara einen Wischer, Jara ließ sich fallen und wurde für zwei Spiele gesperrt.

QUILTRO, EL: Chilenisches Wort für den Strassenköter. War mal Teil der Stadionfolklore. Pflegte für Erheiterung zu sorgen, weil er noch jedes Spiel unterbrach. Ist im Zuge der Gentrifizierung des Fußballs aus seinem Habitat, dem grünen Rasen, vertrieben worden. Schaffte es in Santiago lediglich auf die Pressetribüne.

RAJA, LA: Wörtlich: die Ritze, die linke von rechter Gesäßhälfte trennt (vgl. auch: Proktologe, der). Wird in Chile aber auch metaphorisch genutzt, in vielen Varianten. "Es la raja" bedeutet: Es ist großartig. "Car'e'raja" hingegen würde sozusagen Ritzengesicht oder aber, um der kruden Wahrheit näher zu kommen, Arschgesicht heißen. "Die Uruguayer sind schon ziemliche 'car'e'rajas", sagte Chiles David Pizarro, nachdem er erfuhr, dass die Urus den Ritzentaster Jara (vgl. Proktologe) angezeigt hatten. Die meisten Chilenen fanden: der Kommentar war 'la raja'.

SÁNGUCHE, EL: Verballhornung des englischen Worts Sandwich. Chile hat eine wenig originelle Küche, es aber in der Zubereitung von Sandwichs zu einer Meisterschaft gebracht. Daher ist das auch zur Entsprechung der deutschen Stadionwurst grworden. Zur Gentrifizierung des Fußballs zählt, dass das Sandwich im Stadion schmeckte wie Scheisse, obwohl es zehn Euro kostete.

TACA TACA: Chilenische Bezeichnung für den Tischkicker und daher auch nicht verwandt mit Tiki Taka.

URUGUAY: Kleinstes Land unter den südamerikanischen Teilnehmern. Ging mit 15 Titeln als Rekordsieger und Titelverteidiger der Copa América ins Turnier . Unterhielt gute Beziehungen zu den Chilenen. Proktologe Jara trübte sie auf Jahre hinaus ein.

VALDIVIA, JORGE: Chilenischer Spielmacher, auch el Mago genannt, der Zauberer. Ahnte nach Vidals Unfall, dass seine Reputation als Skandalnudel aufgefrischt werden würde und twitterte, dass er bei Vidals feuchtfröhlichem Kasinobesuch (vgl. Ferrari) nicht dabei war. Prost Mahlzeit.

WACHTMEISTER OSVLADO PEZOA: Nahm Arturo Vidal nach seinem Ferrari-Unfall fest und ertrug dessen vulgäre Schmähungen und Schläge auf die Brust. Mit großem Langmut: Ist nämlich Fan von Vidals Stammklub Colo Colo im Allgemeinen und Vidal im Besonderen. Sorgte für den Satz der Copa: "Wenn Sie Scheiße gebaut haben, haben Sie Scheiße gebaut, mein Herr."

XENOFOBIE, DIE: In allen südamerikanischen Ländern verbreitetes Phänomen der Fremdenfeindlichkeit, die bei der Copa América in hässlichen Schmähgesängen ihren Ausdruck fand.

YORDI: Vorname des peruanischen Nationalspielers Reina, der zusammen mit dem Jamaikaner Daniel Gordon (Karlsruher SC) einer von zwei deutschen Zweitligaspielern bei der Copa América war. Reina spielt bei RB Leipzig.

ZINCHA: Name des offiziellen Maskottchens, einer Wortschöpfung aus "zorro" (Fuchs) und "hincha" (Fan). Sollte einen Lycalopex culpaeus, also einen Andenschakal darstellen. Beschwor aber den Protest von José Luis Brito herauf, dem Kurator des Naturwissenschaftlichen und Archäologischen Museums von San Antonio: "Das ist kein Andenschakal, das ist ein englischer Rotfuchs."