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Deutsches Team:Der Härterschwimmer

Schwimm-WM 2019

„Er ist einmal drüber über meine Hüfte – aber dann war ich schneller“: Im Pulk von 75 Startern im Hafenbecken der Stadt Yeosu hat Florian Wellbrock, 21, nach zehn Kilometern am Ende 0,2 Sekunden Vorsprung.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Florian Wellbrock ist Weltmeister über 10 Kilometer - und hat für die WM noch Ziele im Becken.

Wer Weltmeister werden will, muss die Nerven behalten. Florian Wellbrock weiß das jetzt, vor allem aber sein Konkurrent: Marc-Antoine Olivier aus Frankreich hatte es am Dienstagvormittag bei der WM in Südkorea mit Gerangel probiert, um auf den letzten Metern doch noch Gold zu ergattern. Aber es ist ja so: Wenn so ein Florian Wellbrock schon 9,98 Kilometer gekrault ist, lässt er sich im Zielsprint nicht mehr aufhalten. Mit 0,2 Sekunden Vorsprung schlug der 21-Jährige an, und weil sich sein Freund und Magdeburger Trainingskollege Rob Muffels Bronze sicherte, erlebte der Deutsche Schwimmverband verloren geglaubte Regungen in Herz- und Bauchregion: Glücksgefühle zum Start einer WM!

Da stand Wellbrock dann auf dem Podium am Hafenbecken der Stadt Yeosu, den Blick nach unten zur Medaille gerichtet, die Lippen aufeinandergepresst. Nach 1:47:55,9 Stunden hatte er als Erster angeschlagen, Muffels kam hinter dem Franzosen auf Rang drei an, mit 1,5 Sekunden Rückstand. "Ich habe die letzten Nächte vor dem Einschlafen immer daran gedacht, du willst Weltmeister werden", sagte Wellbrock nach dem Rennen, "dass ich das jetzt geschafft habe, muss erst mal im Kopf noch ankommen." Seit 2009 mit der Gold-Medaille von Thomas Lurz haben die deutschen Freiwasserschwimmer keinen WM-Titel mehr geholt, zwei Medaillen gab es in einem Rennen noch gar nicht. Eines ist jetzt klar: Dass Wellbrock auch noch im Becken zwei Mal an den Start geht, kommt dem deutschen Schwimmen gerade recht.

Mit Bronze qualifiziert sich auch Rob Muffels für die Spiele in Tokio

Gleich nach dem Start hatte sich Wellbrock an die Spitze gesetzt und entging so dem größten Gerangel im Feld mit insgesamt 75 Schwimmern. Mit Gregorio Paltrinieri, Italiens Olympiasieger über 1500 Meter, schwamm Wellbrock zwischenzeitlich Kopf an Kopf, musste gegen Fünf-Kilometer-Weltmeister Kristóf Rasovszky bestehen - und hatte am Ende mit dem Franzosen Olivier zu kämpfen, der 2016 in Rio Bronze gewann. "Er ist einmal drüber über meine Hüfte, das hat ganz schön Kraft gekostet, aber er hat sich dann ein bisschen von mir gelöst", sagte Wellbrock im ZDF, "das war sein Fehler, dann konnte ich schwimmen, und dann war ich einfach schneller." Dass er nicht nur von seinen technischen Fähigkeiten, sondern auch von seiner Nervenstärke profitiert, hatte Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz schon vor ein paar Tagen betont. Wellbrock zeichne "seine Coolness und das sehr gesunde Selbstvertrauen aus", sagte Lurz, "dass er sagt: Mir kann keiner was antun, weil ich gut trainiert habe. Ich gehe da rein und sage, mich schlägt hier keiner".

Schon bei der EM im vergangenen August war Wellbrock mit drei Medaillen aus Becken und Freiwasser heimgekehrt und ist spätestens seit seiner Goldmedaille über 1500 Meter die größte deutsche Schwimm-Hoffnung. Weil das nicht nur irgendein EM-Titel damals war: Wellbrock hatte die viertschnellste jemals geschwommene Zeit in den Pool gezaubert. Trainer Bernd Berkhahn sagte damals: "Jetzt geht es erst richtig los." Seitdem tüfteln sie in Magdeburg noch mehr an seinen Wenden, wollen die Frequenz der Züge erhöhen, ohne an Qualität zu verlieren. Über 1500 Meter fehlen ihm nur fünf Sekunden auf den Weltrekord. "Ich glaube, dass es für olympisches Gold nötig sein wird, Weltrekord zu schwimmen", sagt Wellbrock selber. In Südkorea heißt es für ihn jetzt, sich schnell zu erholen, bei den Beckenwettbewerben geht es für ihn ab dem kommenden Dienstag noch mit Starts über 800 und 1500 Meter weiter.

Dass Wellbrock, der mit 17 aus Bremen ans Internat in Magdeburg gewechselt war, ein Faible fürs Freiwasser und die Beckenwettbewerbe hat, war unter dem Ende 2018 zurückgetretenen Bundestrainer Henning Lambertz nicht immer gern gesehen. Bei der WM 2017 hatte sich Wellbrock für das Freiwasser-Rennen über fünf Kilometer qualifiziert, durfte auf Geheiß von Lambertz aber nicht antreten, um sich auf die Poolstrecken zu konzentrieren. "Ich war ein bisschen enttäuscht, aber ich musste mich damit abfinden", sagte der damals 19-jährige Wellbrock. Schon als 17-Jähriger war er bei der WM 2015 über fünf Kilometer auf Rang fünf gelandet.

Doch aufhalten kann man Wellbrock eben nicht. Mit Rob Muffels teilt er sich in Südkorea ein Zimmer, in Magdeburg trainieren die beiden gemeinsam, die Olympia-Qualifikation ist schon seit Jahren ihr Ziel. "Wir haben auf die Ergebnisliste geguckt und gesagt: Weltmeister und Dritter, verdammt, das ist ganz schön krass", sagte Muffels, der mit WM-Bronze seinen größten Erfolg über die olympische Zehn-Kilometer-Distanz feierte. Mit ihren Platzierungen haben die beiden auch den Olympia-Startplatz für Tokio im kommenden Jahr sicher. Finnia Wunram und Leonie Beck hatten bereits am Sonntag mit Rang acht und neun die Qualifikation geschafft. Vier Startplätze konnte im Freiwasser noch nie eine Nation ergattern, was Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz dann auch zu der ganz richtigen Einschätzung brachte: "Es ist ein historischer Tag."