Deutsche Mannschaft:"Fehlerkultur" als Leitgedanke fürs WM-Jahr

Vor dem Test gegen Frankreich richtet Bundestrainer Löw den Blick auf Forschung und Visionen. Auf dem Platz kehrt Toni Kroos zurück.

Von Philipp Selldorf, Köln

Mit dem Abpfiff des Testspiels gegen Frankreich beginnt für Joachim Löw am Dienstagabend die Winterpause. Wie Fledermäuse, Hamster und Murmeltiere zieht sich der Bundestrainer dann in eine lange Ruhezeit zurück, die tief bis ins Frühjahr reichen wird, erst im fernen März wird ihn das Publikum beim Länderspiel-Treffen mit Spanien wieder im Dienst in der Coaching-Zone erleben. Löw selbst scheint den Eindruck zu haben, dass der berufsbedingte Winterschlaf gerade zur rechten Zeit käme, er bezeichnet 2017 ausdrücklich als "ein langes Jahr" - obwohl es auch wiederum ein Jahr war, das gar nicht lang genug sein könnte. Denn es lief für Löw und die Seinen alles so, "wie wir es uns gewünscht und vorgestellt hatten".

Sein Nationalteam absolvierte die Qualifikation für die Weltmeisterschaft ohne Beulen und Kratzer, und nebenbei verblüffte Löw im Sommer die Konkurrenz, als er mit einer Aushilfsauswahl den Confederations Cup in Russland gewann. Auch dem unverändert exzellenten Teint des 57-Jährigen hat das lange Jahr nichts anhaben können. Was zum Glück jetzt noch fehlt, das wäre ein gutes Spiel gegen Frankreich, möglichst mit einem Ergebnis, das die Bilanz nicht stört. Seit 1997 hat Deutschland, damals noch unter der Aufsicht von Coach Berti Vogts, kein Länderspieljahr ohne Niederlage mehr erlebt.

GES/ Fussball/ DFB-Praesentation des neuen adidas-Trikots,  Berlin, 07.11.2017

Mittelpunkt der Mannschaft: Toni Kroos wird gegen Frankreich beginnen.

(Foto: Thomas Eisenhuth/GES)

Solche statistischen Dreingaben nimmt Löw aber lediglich am Rande zur Kenntnis. Bei der Einstimmung auf die Begegnung mit den hoch respektierten Franzosen erstaunte er stattdessen die Zuhörer mit dem Wunsch nach Fehlern im Spiel seiner Mannschaft: "Ich möchte auch eine Fehlerkultur zulassen", sagte er, "Fehler passieren, damit man daraus lernen kann".

Löw bekundete damit einen neuen pädagogischen Gedanken. Nach mehr als 13 Jahren im DFB-Trainerstab sucht er immer wieder nach Mitteln, die ihn davor bewahren, sich von den Gewohnheiten beherrschen zu lassen. Diesmal ist es nun die Idee von der gepflegten "Fehlerkultur", die er als geistigen Überbau für die Testphase vor der Weltmeisterschaft im kommenden Sommer entworfen hat, der "Deutschen Welle" schilderte er das Konzept mit klingenden Worten: "Wir sind so ein bisschen Visionäre und überlegen uns manchmal völlig verrückte Dinge, und wenn sie noch so absurd erscheinen."

Dass Löw in Köln Kevin Trapp ins Tor stellen wird, der bei Paris St. Germain seinen Stammplatz auf der Ersatzbank hat, lässt sich durchaus als Resultat seiner freiheitlichen Vorstellungen einordnen. "Ich möchte diese Testspiele nutzen, um Spielern mit weniger Erfahrung die Möglichkeit zu geben, sich zu zeigen - dafür sind solche Spiele da", teilte Löw in der schönen Gewissheit mit, dass nicht mal die Widerspenstigen unter den vielen deutschen Experten-Gurus Protest gegen seine autonomen Beschlüsse einlegen werden (abgesehen davon, dass ihm das einerlei wäre). Jogi Löw hat recht - dieses Prinzip hat sich im Diskurs längst durchgesetzt.

Voraussichtliche Aufstellungen fürs Länderspiel

Deutschland - Frankreich ARD / Di. 20.45

Deutschland: Trapp (Paris Saint-Germain/27 Jahre/ 1 Länderspiel) - Kimmich (FC Bayern/22/25), Hummels (FC Bayern/28/61), Süle (FC Bayern/22/7), Halstenberg (RB Leipzig/26/1) - Khedira (Juventus Turin/30/71), Kroos (Real Madrid/27/79) - Sané (Manchester City/ 21/9), Stindl (Borussia Mönchengladbach/29/9), Götze (Borussia Dortmund/25/62) - Werner (RB Leipzig/ 21/9). - Trainer: Löw.

Frankreich: Mandanda (Olympique Marseille/32/25) - Jallet (OGC Nizza/34/15), Varane (Real Madrid/24/39), Umtiti (FC Barcelona/24/13), Digne (FC Barcelona/ 24/19) - Rabiot (Paris Saint-Germain/22/4), Tolisso (FC Bayern/23/4), Matuidi (Juventus Turin/30/61) - Griezman (Atlético Madrid/26/48), Lacazette (FC Arsenal/26/15), Mbappé (Paris Saint-Germain/18/9). - Trainer: Deschamps.

Schiedsrichter: Cakir (Türkei).

Die nötigen Spannungen ergeben sich durch den extrem lebhaften Konkurrenzkampf im virtuellen 40-Mann-WM-Kader ohnehin von selbst. Niemand dürfe sich "ausruhen", hatte Mittelfeld-Anführer Toni Kroos vor dem England-Spiel am vorigen Freitag (0:0) angeordnet, lediglich er selbst bildet dank nachgewiesener Unersetzlichkeit eine Ausnahme. Selbst wenn sich Kroos während des Spiels 90 Minuten vorwiegend ausruht, wie unlängst beim WM-Qualifikationsmatch gegen Aserbaidschan, geht noch bestimmende Wirkung von ihm aus.

Die Frage, wen er sich als Partner im Mittelfeld-Zentrum wünscht, erregt daher nur minderes Interesse bei ihm. Die gängigen Bewerber seien "unterschiedliche Spielertypen", stellt Kroos fest, Sami Khediras Profil sei ein anderes als das der spielerisch orientierten Kandidaten Sebastian Rudy und Ilkay Gündogan. In Köln, so kündigte Löw an, wird Khedira eine Chance bekommen. Ob es auch ein Wiedersehen mit Mario Götze gibt, ließ er offen.

Die Reihe seiner Experimente wird der Bundestrainer dann bei den großen Frühjahrsspielen gegen Spanien und Brasilien fortsetzen, aber so viel steht vorher schon fest: Toni Kroos ist die zentrale Gestalt und auf seine unaufdringliche Art die größte Attraktion im deutschen Spiel, weshalb es eine gute Nachricht ist für die Kartenhändler des DFB, dass Löw am Montag den Einsatz des 27-Jährigen garantierte.

Bisher läuft der Absatz der Tickets für das Frankreich-Spiel nämlich schleppend, lediglich 30 000 der 46 000 Karten waren bis Montag verkauft. Unentschlossenen Interessenten lieferte Kroos mit der für ihn typischen Logik Entscheidungshilfe: Der DFB bemühe sich ja aus gutem Grund um starke Herausforderer in den Testspielen, sagte er, "aber das bringt nur dann was, wenn wir das Spiel auch so angehen, als wäre es ein Pflichtspiel".

Reminiszenzen an die vorigen Partien gegen Frankreich, wie an das 0:2 verlorene Halbfinale der EM 2016, spielen für Löw und Kroos keine Rolle, Revanchegelüste schon gar nicht. Während sich Kroos als dauerbeschäftigter Spitzenspieler nur mit der nächsten Aufgabe beschäftigt, richtet Löw den Blick auf Forschung und Wissenschaft: "Erkenntnisse sind wichtiger als Ergebnisse."

© SZ vom 14.11.2017
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