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Deutsche Athleten:Turbulenter Start

Diskuswerfer Harting scheitert in der Qualifikation, die Sprinterinnen fühlen sich beobachtet, Alina Reh bricht auf der Bahn zusammen.

Von Saskia Aleythe, Doha

Genau genommen hat sich Christoph Harting in Doha von einer Last befreit. Die Aussicht auf eine WM-Medaille ist für den Olympiasieger nicht unbedingt ein Antrieb, morgens aus dem Bett zu steigen, der Diskuswerfer denkt größer: Für ihn zählt nach eigener Aussage nur Olympia, er will im kommenden Jahr noch einmal Gold gewinnen, so wie 2016 in Rio. Und so wurde der 29-Jährige bei der WM in Doha schnell davon befreit, unnötig viel Energie aufbringen zu müssen für niedere Tätigkeiten: Am Samstagnachmittag verpasste er mit seinem weitesten Wurf (63,08 Meter) als 14. das Finale; immerhin kam der Kollege Martin Wierig weiter. Um Medaillen gekämpft hat Harting seit Rio nicht mehr, die WM 2017 in London verpasste er, bei der EM 2018 warf er den Diskus dreimal ins Netz. Womöglich sei ihm der Kreislauf abgesackt, sagte sein Trainer Torsten Lönnfors im ZDF. Harting selbst sagte dazu nichts, er wolle "bis zum Abschluss der olympischen Saison" keine Interviews geben, bedankte sich aber "für das Interesse an meiner Person". So weit, so Harting.

Und so konnte man sich beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) schnell wieder anderen Athleten widmen, die ersten Tage der WM hatten gemischte Gefühle erzeugt. "Wir haben viele positive Leistungen erlebt, aber auch den einen oder anderen Rückschlag", sagte Idriss Gonschinska, der Generaldirektor des DLV. Hindernisläuferin Gesa-Felicitas Krause rückte über 3000 Meter problemlos ins Finale am Montag und liebäugelt mit einer Medaille, Geher Carl Dohmann landete über 50 Kilometer in der Nachthitze von Doha auf einem hervorragenden siebten Platz. Für 10 000-Meter-Läuferin Alina Reh war am Samstag hingegen schon nach 13 von 25 Runden Schluss, von Magenkrämpfen geplagt ging sie auf der Zielgeraden zu Boden. Im Rollstuhl wurde sie von der Bahn gefahren.

Von Enttäuschung gezeichnet: 10 000-Meter-Läuferin Alina Reh verlässt das Stadion mit Magenkrämpfen.

(Foto: Jewel Samad/AFP)

Am Sonntag gab Reh Entwarnung, der Bauch fühle sich noch flau an, "aber sonst geht es mir körperlich gut". Der Wechsel von der Hitze in die gekühlten Stadionbereiche sei ihr nicht bekommen, vermutete sie. Herrschen draußen Temperaturen von fast 40 Grad, arbeiten drinnen die Klimaanlagen im Gefriermodus. "Die verschiedenen Klimazonen, die man von der Leichtathletikhalle bis hier drüben durchläuft, sind spannend", sagte auch Gina Lückenkemper, "es ist eine Herausforderung."

Die Sprinterinnen müssen sich noch mit ganz anderen Umständen zurechtfinden: Erstmals werden in Doha neue Startblöcke mit Kameras eingesetzt, die die Athleten von unten durch die Beine ins Gesicht filmen. Das kommt bei den Sportlern, wenig überraschend, nicht so gut an. "Ich finde diese Kameras nicht ganz so geil", sagte Lückenkemper, nachdem sie ihren Vorlauf über 100 Meter gerannt war, "ich weiß nicht, ob ihr unbedingt von unten von einer Kamera gefilmt werden wollt." Für die weiblichen Athletinnen wird der Einstieg in den Startblock zur unfreiwillig freizügigen Aktion; auch wenn diese Bilder noch nicht an die Zuschauer übertragen werden, könnten sie auf einem Empfangsgerät landen. "War bei der Entwicklung dieser Blöcke eine Frau beteiligt? Ich glaube nicht", sagte Lückenkemper, "in den knappen Sachen über die Kamera drüber zu steigen, um in den Block zu gehen, finde ich sehr unangenehm." Auch Kollegin Tatjana Pinto fand es "sehr fragwürdig, die Kamera da zu platzieren".

Leichtathletik-WM

100-Meter-Sprinterin Tatjana Pinto (rechts) spürte plötzlich ihre Beine nicht mehr.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Beide qualifizierten sich für die Halbfinalläufe am Sonntagabend, wo die zarten Hoffnungen auf einen Finaleinzug dann abrupt zerfielen. Lückenkemper verschlief den Start nicht ganz so schlimm wie im Vorlauf am Vortag, kam dann aber - wie schon im Verlauf der bisherigen Saison - nicht so recht "ins Fliegen", wie sie sagte und wurde in 11,30 Sekunden Letzte in ihrem Lauf. "Ich habe gestern Abend Rückenprobleme bekommen, kann sein, dass die sich durchgezogen haben und es deshalb nicht funktioniert hat", sagte sie: "Jetzt müssen wir gucken, dass der Körper wieder vernünftig läuft", mit Blick auf die 4x100-Meter-Staffel am Wochenende. Pinto wiederum hätte nach 11,19 Sekunden im Vorlauf nun auf 11,10 kommen müssen, um ins Finale versetzt zu werden - keine völlig unlösbare Aufgabe für die 27-Jährige, die in diesem Jahr schon 11,09 Sekunden geschafft hatte. Und dann? "Als ich mich aufgerichtet habe, konnte ich meine Beine irgendwie nicht spüren. Das war total komisch", sagte Pinto. Über ihre 11,29 Sekunden war sie "ein bisschen enttäuscht". Im Finale raste die Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser-Pryce, 33, dann zu ihrem schon vierten WM-Gold - diesmal in 10,71 Sekunden und nach einer Mutterpause.

Einen kleinen Erfolg konnten die Deutschen am Sonntag aber doch geltend machen: Lückenkemper erklärte, dass der DLV gegen die Startblock-Kameras beim Weltverband protestiert habe, und offenbar nicht nur er. Der Veranstalter habe daraufhin versichert, dass die Bilder in der Regie - während die Athleten in den Block gehen - geschwärzt werden, ehe sie 24 Stunden später komplett vom Server verschwinden würden. "Darauf", sagte Gina Lückenkemper lakonisch, "müssen wir an der Stelle vertrauen."

© SZ vom 30.09.2019
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