Demagogen-Streit:"Ein Vernichtungsfeldzug"

Lesezeit: 8 min

Sie haben auf Ihrem Blog die "Kommunikationsherrschaft" des DFB angesprochen. Ich habe den DFB-Präsidenten korrekt zitiert. Er hat auf dem Kongress des Deutschen Olympischen Sportbundes gesagt: "Wenn Sie die Kommunikationsherrschaft nicht haben, sind Sie immer Verlierer."

Was sagt Ihnen dieses Zitat? Viel. Wenn man sich das ganz genau anschaut, verbergen sich hinter dieser Aussage etliche hochinteressante Fragen. Ich glaube, die Pressemitteilung vom 14. November illustriert sehr schön, wie sich der DFB Kommunikation vorstellt: Man setzt einfach mal was in die Welt, mit vielen Unwahrheiten und Wahrheitsbeugungen, verschweigt sogar zwei Gerichtsbeschlüsse, die mir Recht geben, und dann guckt man mal, was passiert. Ich nenne das Propaganda. Ist das die vom DFB-Chef angestrebte "Kommunikationsherrschaft"? Etwas wird schon hängen bleiben.

Theo Zwanziger hat in einem Interview mit sueddeutsche.de gesagt, dass er niemandem wirtschaftlich schaden wolle, nur weil er Differenzen mit ihm habe. Hat er das? Er hat einige Interviews gegeben und sich in nicht wenigen Fragen durchaus widersprochen. Mal will er zurücktreten, mal nicht. Ich kann da kaum folgen.

Warum konnte der Streit um Ihre Formulierung nicht ohne Gerichtsverhandlung ausgeräumt werden? Ich wurde am 19. August, einige Wochen nach meinen Kommentaren, in ultimativem Ton aufgefordert, binnen 24 Stunden eine Unterlassungsverpflichtungserklärung zu unterzeichnen. Ich war damals in Peking bei den Olympischen Spielen. Das wusste man. Ich denke, man hat damit gerechnet, dass ich angesichts dieser außergewöhnlichen Umstände rascher einknicke. Mag sein, dass sich der DFB da ein wenig verrechnet hat. Denn seither haben die Gerichte ja fünf Mal entschieden - fünf Mal für mich, fünf Mal gegen den DFB. Und trotzdem habe ich, am 25. November, dem DFB ein schriftliches Angebot unterbreitet, die juristische Auseinandersetzung zu beenden.

Wie sah das aus? In Kürze: Ich fand, der DFB solle die Pressemitteilung vom 14. November zurückziehen, die Gerichtsbeschlüsse anerkennen, wonach es sich bei der Bezeichnung "unglaublicher Demagoge" um eine zulässige Meinungsäußerung handelt, und meine juristischen Kosten übernehmen. Ich hätte meine Ansprüche auf Unterlassung, Gegendarstellung und Widerruf wegen der Pressemitteilung nicht weiter verfolgt.

Haben Sie mit Herrn Zwanziger schon persönlich telefoniert seit Ihrem Blog-Kommentar? Mit anderen Fußballfunktionären, etwa mit Fifa-Präsident Joseph Blatter, hätte ich eine ähnliche Auseinandersetzung möglicherweise längst ausgeräumt. Da lässt sich einfach besser reden. Mit dem DFB geht das ganz offensichtlich nicht, ich denke, das ist ein in der Otto-Fleck-Schneise beheimatetes Problem. Noch einmal: Ich habe einen Themenbereich kommentiert, in dem ich nicht völlig ahnungslos bin, schon 1998 habe ich zu dieser Problematik mit Thomas Kistner ein Buch veröffentlicht: "Das Milliardenspiel". Es verging knapp ein Monat, bis ich eine Unterlassungsverpflichtungserklärung bekommen habe. Das war die erste Reaktion des DFB. Natürlich bin ich nicht eingeknickt. Meine Kommentare auf direkter-freistoss.de, ich habe zwei geschrieben, sind im Zusammenhang zu betrachten. Es handelt sich um freie Meinungsäußerung, sachlich begründet. So sehen das auch die Gerichte. Ich empfehle jedem, auf meinem Blog die Beschlüsse und Urteile zu studieren. Die Aussagen der Richter sind relativ deutlich.

Herr Zwanziger hat auch gesagt, dass Sie den Begriff "Demagoge" anders als er werten. Er verbinde damit Volksverhetzung und auch eine Nähe zum Nationalismus. Das führt am Thema vorbei. Ich habe nie Anlass gegeben zu glauben, dass ich den Begriff in der von ihm intendierten Richtung verwendet haben könnte. Dies habe ich auch in der ersten Veröffentlichung auf meinem Blog klar gemacht. Man muss das nur lesen wollen. Die Gerichte sehen das wie ich. Interessant ist: Der DFB-Präsident hat auf einer Podiumsdiskussion in Gießen, als es unter anderem um die TV-Vermarktung der Bundesliga ging, dem Moderator Herbert Fischer-Solms "demagogische Fragen" vorgeworfen. Er benutzt derartige Begriffe also gelegentlich. Da ist nichts gegen einzuwenden. Auf meinem Blog habe ich mit Lesern mal eine unvollständige Liste von rund 80 Personen zusammengestellt, die in den letzten Monaten als Demagogen bezeichnet wurden - in den seltensten Fällen so begründet, wie ich es getan habe. Da zählt zum Beispiel Barack Obama dazu. Aus dem Fußballbereich sind es Christoph Daum, Rudi Assauer und Jürgen Klopp oder DFB-Ehrenmitglied Gerhard Schröder. Michael Moore, Alice Schwarzer und Hans-Christian Ströbele stehen auch auf der Liste. Würde die jemand als Nazi bezeichnen?

Heißt das, sie würden das jeder Zeit wieder so schreiben? Das würde ich nicht so sagen (lacht).

Günter Bentele vom "Deutschen Rat für Public Relations" hat kritisiert, dass Sie zentrale Begriffe wie Demagogie teilweise vereinfachend und falsch verwenden. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um? Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Ich weiß auch nicht, ob er den Sachverhalt kennt. Ich meine, der PR-Rat sollte sich um eine mit Wahrheitsbeugungen gespickte, wichtige Tatsachen verschweigende, diffamierende Pressemitteilung des DFB kümmern.

Sind Sie vorsichtiger geworden in Ihrer Art zu formulieren? Grundsätzlich? Nicht wirklich. Ich werde immer meinungsstark kommentieren, was denn sonst?

Wenn Sie zurückblicken und all die Umstände bedenken, die Ihnen diese eine Formulierung eingebracht hat, was denken Sie dann über die Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland? Ich hab oft genug versucht, mir vorzustellen, was mit mir passiert wäre, hätte ich fünf Gerichtsgänge verloren und eine derartige Presseerklärung abgegeben, in der ich Gerichtsbeschlüsse unterschlage und inhaltlich ins Gegenteil verkehre. Ich glaube zu wissen, was das journalistisch-standesrechtlich und für mich womöglich sogar strafrechtlich bedeutet hätte. Die andere Seite aber kann frei agieren. Ich will mich nicht als Held der Unterdrückten und Kämpfer für die Meinungsfreiheit aufspielen. Natürlich wäre es mir angenehmer, eine hübsche Enthüllung hätte zu dieser juristischen Auseinandersetzung geführt, und nicht eine Meinungsäußerung. Andererseits ist es so: Wenn ich versuche, diesen gesamten Kommunikationsprozess DFB - Weinreich zu analysieren und einige andere Entwicklungen auf dem Gebiet des Medienrechts sehe - ich denke etwa an Bespitzelung von Journalisten -, dann muss ich sagen, kann ich auch diejenigen verstehen, die von Anfang an gesagt haben, es sei nicht nur für mich sehr wichtig, diesen Fall durchzustehen.

Glauben Sie weiterhin an eine außergerichtliche Einigung? Was heißt Einigung? Sicher nicht, dass fünf Gerichtsentscheidungen rückgängig gemacht werden. Für eine Einigung muss etwas Akzeptables auf dem Tisch liegen, was sich nur an den bislang ergangenen Urteilen orientieren kann. Und: Es gibt mit mir keinen Deal, den ich nicht komplett öffentlich machen würde. Ich habe von meiner ersten Veröffentlichung an, am 22. Oktober 2008, alle Vorgänge transparent gemacht. Dabei wird es bleiben.

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