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Bayerns 20. Pokalsieg:Doch alles wie immer

Der FC Bayern gewinnt dank einer überragenden ersten Halbzeit mit 4:2 gegen Bayer Leverkusen und feiert sein 13. Double. Das Spiel ist auch eine Ansage an die europäische Konkurrenz - das Triple ist möglich.

Von Javier Cáceres, Berlin

Als am Samstagabend das DFB-Pokalfinale vorbei war, wurden im Olympiastadion in Berlin die Lametta-Kanonen in Position gebracht, es flogen glitzernde Streifen Richtung Berliner Himmel und regneten wieder herab. So wie immer, könnte man meinen, doch das wäre, aus bekannten Gründen und angesichts der bedrückend leeren Ränge, abgrundtief falsch. Fast wie immer war aber doch etwas, das Resultat: Der FC Bayern holte mit einem 4:2 gegen Bayer Leverkusen seinen 20. Pokaltitel und, da er bekanntlich schon als Meister feststeht, damit auch das 13. Double seiner Vereinsgeschichte.

Er wahrte damit die Chance, im August zum zweiten Mal nach 2012/13 das "Triple" zu holen. Denn auch die Champions League wird noch zu Ende gespielt. Und wenn man etwas in dieser Post-Corona-Pausenzeit nicht unterschätzen sollte, dann die Bugwellen, die jedes Geschehen auf deutschen Fußballplätzen an anderen Ufern des Kontinents auslöst. Die Demonstration, die der FC Bayern vor allem in der ersten Halbzeit des Finales zeigte, war dazu angetan, bei den verbleibenden Königsklassen-Teilnehmern Angst und Schrecken zu verbreiten.

Bayer 04 Leverkusen v FC Bayern Muenchen - DFB Cup Final

Im Freudentaumel: Der FC Bayern verschwindet beim Pokalsieg hinter Konfetti.

(Foto: Getty Images)

Es waren gerade einmal 25 Minuten gespielt, da war Leverkusen schon dazu verdammt, auf einen "Deus ex machina" zu hoffen. Auf das Erscheinen eines helfenden Gottes also, der dem Drama vielleicht doch noch eine unerwartete Wendung geben würde. Nicht, dass den Leverkusenern Courage gefehlt hätte. Sie hatten den Platz erkennbar mit dem Willen betreten, sich als Gegner auf Augenhöhe zu erweisen. Aber sie sahen sich einer Bayern-Mannschaft gegenüber, die auf jeden Augenschlag verzichtete, jeden Angriffsversuch des Gegners unterband oder ins Abseits laufen ließ - und ihn schließlich mit unerbittlicher Präzision unterwarf.

Alaba tritt an - der Rest ist Kunst

Bei jeder Vorwärtsbewegung der Bayern sah man förmlich eine Lunte glühen. Doch die erste Explosion ereignete sich erst nach einer guten Viertelstunde. Leverkusens desorientierter Innenverteidiger Edmond Tapsoba hatte Bayerns Mittelstürmer Robert Lewandowski in Strafraumnähe etwas tapsig umgerammt, und den ruhenden Ball legte sich der seit Wochen glänzend als Innenverteidiger agierende und noch immer um eine Vetragsverlängerung ringende David Alaba am Halbmond vor dem Sechzehner zurecht. Er nahm kaum Anlauf, weil er mit weit geöffneten Augen erblickte, dass Leverkusens Lukas Hradecky sich schlecht positioniert hatte. Der Rest war Kunst: Er trat mit links gegen den Ball, zirkelte ihn über die Mauer hinweg und versenkte ihn knapp unterhalb des Winkels.

Gut neun Minuten später unterband Joshua Kimmich im zentralen Mittelfeld einen Pass von Julian Baumgartlinger, bekam den Ball von Leon Goretzka zurückgespielt und hatte da schon mit bewundernswertem peripherem Blick gesehen, dass Serge Gnabry in den freien Raum gestartet war. Den präzisen Pass Kimmichs versenkte Gnabry mit einem Spannstoß an den zweiten Pfosten - und auch wenn Hradecky wie schon beim ersten Tor eine Spur Elastizität vermissen ließ, so blieb es doch ein Treffer, der hübsch anzusehen war. Und der den Willen der Bayern, die Meisterschale durch den Sieg des Doubles noch glänzender scheinen zu lassen, nicht mal ansatzweise schmälerte.

Bayer Leverkusen - FC Bayern München

Die Vorentscheidung: Robert Lewandowski trifft per Fernschuss zum 3:0 gegen Bayer Leverkusen.

(Foto: Alexander Hassenstein/dpa)

Die Bayern blieben dominierend, hungrig und agil, zunächst auch über die Halbzeitpause hinweg, in der sich Leverkusens Trainer Peter Bosz entschlossen hatte, Kevin Volland und Kerem Demirbay für Nadiem Amiri und Baumgartlinger einzuwechseln. Rund um die die 56. Minute schien es, als würden die Leverkusener die Bayern doch noch kitzeln können. Vor allem, als Moussa Diaby es auf der rechten Seite einen Konter ansetzte. Er lief Alphonso Davies davon, was eine Leistung für sich war, und bediente den freistehenden Volland, der aber ein Luftloch schlug.

Folgenschwerer war freilich die Panne, die sich Leverkusens Torwart Hradecky kurz danach leistete. Sein Torwartkollege Manuel Neuer hatte einen Ball lang und weit nach vorn geschlagen, und vorn brachte ihn Robert Lewandowski nicht nur mit der Leichtigkeit eines Tänzers unter Kontrolle, sondern zog sofort volley ab. Der Ball flog genau auf Hradecky zu, und rätselhaft blieb, welche Koordinationsbefehle durcheinandergerieten: Von den Unterarmen Hradeckys jedenfalls sprang der Ball auf den Boden, von dort ans Gesäß des Finnen, bis er schließlich aus vier, fünf Metern zum zwischenzeitlichen 3:0 ins Tor trudelte (59.).

Leverkusen kommt spät zu Chancen - das Tor machen die Bayern

Erst danach entfaltete Leverkusen Wucht, schien sich die Herreinnahme von Volland als echtem Neuner als richtige Entscheidung zu erweisen. Kai Havertz wachte auf und sorgte für eine gefährliche Hereingabe, die Jerome Boateng verzweifelt und gekonnt über die Querlatte des eigenen Tores lenkte. Die folgende Ecke aber jagte Sven Bender per Kopf ins Tor der Bayern. Es folgten lange Minuten, in denen die Leverkusener alles daran setzten, das Schicksal doch zu beugen. Doch in den entscheidenden Sequenzen mangelte es Volland an Präzision.

Nach einer Flanke von Diaby bekam er die Stirn nicht mächtig genug gegen den Ball (66.), dann missriet ihm nach einem Ruhm verheißenden Pass von Havertz eine Ballannahme kläglich. Umgekehrt bot der Leverkusener Drang den Bayern Möglichkeiten, den Rücken der Abwehr der Werkself zu suchen.

Lewandowski und der eingewechselte Ivan Perisic hatten bei Kontern mehrere Gelegenheiten. Doch das 4:1 kam erst wenige Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit, als Perisic den polnischen Goalgetter der Bayern bediente - und dieser Hradecky mit einem Lupfer voller Anmut foppte. Es hätte der grandiose und würdige Schlusspunkt unter eine phasenweise brillante Vorstellung der Bayern werden können. Doch in der Nachspielzeit entschied der Videoschiedsrichter auf einen Handelfmeter, den Havertz zum 2:4-Endstand verwandelte, ehe die Bayern jubelten. Fast so wie immer, und doch anders als sonst.

© SZ vom 05.07.2020
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