29. Januar 2017, 18:57 Zweitliga-Trainer Mirko Slomka 869 Tage danach

Der selbstbewusste Trainer Mirko Slomka muss sich gerade sein Zweitliga-Engagement beim Karlsruher SC schönreden. Der Auftakt mit einem spannenden 3:2-Sieg gelingt schon mal spektakulär.

Von Ulrich Hartmann

Die ersten Zweitliga-Minuten des Fußballtrainers Mirko Slomka am Sonntag beim Karlsruher SC waren ein Alptraum. Nach 79 Sekunden erschreckte ihn der Bielefelder Tom Schütz mit einem Pfostenknaller. Nach 50 Minuten erzielte der Bielefelder Fabian Klos das 0:1. Die Karlsruher drohten zu verlieren und auf den vorletzten Tabellenplatz abzurutschen. Sie spielten schlecht. Slomkas Erfahrung von 230 Erstliga-Spielen als Trainer schien wirkungslos zu verpuffen im Zweitliga-Keller. Das Maskottchen Willi war das traurigste Wildschwein Deutschlands. Skeptische KSC-Fans beklagten auf einem Plakat lakonisch: "Auch ein perfektes Chaos ist etwas Vollkommenes."

Doch dann begannen die Karlsruher Profis Fußball zu spielen. In der 63. Minute glich Jordi Figueras zum 1:1 aus. Keine drei Minuten später brachte Dennis Kempe den KSC mit 2:1 in Führung. In den stoischen Beobachter Slomka kam Bewegung. Bielefelds Schütz glich in der 68. Minute zwar noch zum 2:2 aus, doch acht Minuten vor dem Ende schoss Erwin Hoffer seine Karlsruher zum 3:2 (0:0)-Sieg. Nach vier Monaten hat der KSC mal wieder ein Heimspiel gewonnen. Hatte die Erstliga-Aura des neuen Trainers den Ausschlag gegeben? Wer weiß. Beim Abpfiff ballte Mirko Slomka kämpferisch die Fäuste. Der Spielverlauf war dazu angetan, dem KSC eine Wende für die Saison zu signalisieren.

Leere Ränge, volle Punktzahl: Jordi Figueras (links) bejubelt mit Hiroki Yamada und Charalampos Mavrias sein Tor gegen Arminia Bielefeld.

(Foto: Eibner-Pressefoto)

Slomka, 49, hat es mit Schalke 2008 bis ins Viertelfinale der Champions League geschafft. 2011 führte er Hannover auf den vierten Platz der Bundesliga und später ins Viertelfinale der Europa League. Jetzt fragt sich die Branche, wie einer, der in Sterne-Restaurants gekocht hat, wohl bürgerliche badische Küche serviert. Sieben Spiele nacheinander hatte der Karlsruher SC im alten Jahr nicht mehr gewonnen, drei torlose Unentschieden waren das Höchste der Gefühle gewesen, weshalb der Klub auf dem viertletzten Platz der zweiten Liga überwintern musste. Nun keimt Hoffnung, allerdings spricht Slomka trotzdem erst mal bloß vom Klassenerhalt.

Im September 2014 hatte er beim Hamburger SV seinen Posten verloren, danach war er 869 Tage ohne Betätigung, er wurde hier und da als Kandidat gehandelt und brachte sich hier und da selbst ins Spiel. An Weihnachten unterschrieb Slomka beim KSC. "Das ist ein Neuanfang", sagt er. Seine Premiere in der zweiten Liga stilisiert er zur Herausforderung: "Champions League und Europa League habe ich schon erlebt, vielleicht ist es manchmal sogar spannender, einen Schritt zurückzumachen und etwas Neues aufzubauen."

Hat gut lachen: Mirko Slomka gewann sein erstes Spiel als Trainer des Karlsruher SC.

(Foto: imago/Eibner)

Für den Neuaufbau in Karlsruhe war Slomka mit seinem Spielsystem am Sonntag trotzdem zunächst zu etwas Altem zurückgekehrt. Unter Thomas Oral hatte der KSC mit Viererkette und Doppel-Sechs 15 Spiele lang relativ wenig Erfolg gehabt, unter dem Interimscoach Lukas Kwasniok wurde mit einer Dreierkette zwei Mal ein Nullzunull ermauert. Trotzdem kehrte Slomka anfangs zu einem 4-4-2 zurück. "Ich spiele einfach gerne mit einer Doppel-Sechs", sagte er.

Sein Vergnügen hielt sich im Laufe des Nachmittags dann jedoch länger in Grenzen. Erst nach dem Rückstand, als er von der Vierer- doch wieder auf eine Dreierkette umgestellt hatte, spielten die Karlsruher mutiger, besser - und erfolgreicher. Der unterhaltsame Spielverlauf war aber auch den Defensivschwächen auf beiden Seiten geschuldet. Bielefelds Torwart Wolfgang Hesl machte bei allen drei Gegentreffern keine glückliche Figur. Während die Arminia auf Rang 17 rutschte, bleibt Karlsruhe Viertletzter.

"Die zweite Halbzeit hat für die erste entschädigt", fand Slomka hernach und äußerte die Hoffnung, mit "Herz, Wille und Leidenschaft" auch "die Fans ein bisschen versöhnt zu haben". Das wäre natürlich das Größte für einen neuen Trainer: nicht nur das erste Spiel gleich turbulent zu gewinnen, sondern auch den Fans und dem Umfeld damit signalisieren zu können, dass die Verpflichtung sich gelohnt hat. Besonders froh war Slomka darüber, dass sich seine Zweitliga-Premiere binnen weniger Minuten von einem Alptraum in diesen kleinen Triumph verwandelt hat.