2. Liga Dreierlei Geschichten

Hoffenheim vereint die Kraft der Provinz mit Kommerz und modernem Fußball - und steigt damit in die Bundesliga auf.

Von Moritz Kielbassa

Aus Köln am Rhein, wo der Kontrast zu Hoffenheim in der Zweiten Liga am allergrößten ist, kam unlängst eine unerwartete Solidarbotschaft: Wolfgang Niedecken, Sänger der Rockband BAP und Herzensfan des konkurrierenden Kölschen FC, brach eine Lanze für den Retortenklub des Großkapitals. Ihn störe das "Neidgelaber", sagte Niedecken der Rhein-Neckar-Zeitung, die TSG 1899 Hoffenheim sei schließlich nicht nur das Produkt einer sprudelnden Millionenquelle, sondern ein in sich "spannender" Aufsteiger in spe, der mit jugendlichem Elan "frischen Wind" in die Bundesliga bringen würde.

Hoffenheims Selim Teber (blaues Trikot) kann am Sonntag in die Bundesliga aufsteigen.

(Foto: Foto: Getty)

Ralf Rangnick, der Trainer, vernahm das Lob mit Freude, denn meist registriert er das Gegenteil: "Es ist en vogue, uns nicht zu mögen", sagt er. Jan Schindelmeiser, der Hoffenheimer Sportmanager, will "aber auch gar keinen Beliebtheitspreis gewinnen. Wir wollen uns, wie der FC Bayern, mit überzeugender Arbeit Respekt verdienen." Das, findet er, "klappt immer besser".

1991 noch A-Ligist

Nun hat Hoffenheim, 1991 noch A-Kreisligist, den fidelen Durchmarsch in die erste Liga erreicht, und es wird in der Tat nicht nur diese eine Geschichte zu erzählen sein. Die Geschichte des Mehrfachmilliardärs Dietmar Hopp, 68, der mit der Aufzucht des Softwareriesen SAP steinreich wurde und irgendwann beschloss, auch aus dem Heimatverein seiner Jugend einen Big Player mit Turbowachstum zu machen.

Das Establishment des deutschen Fußballs empfängt diesen am Reißbrett designten Emporkömmling mit Furcht und Anerkennung zugleich. Je mehr Hoffenheims und Wolfsburgs, sagen viele, desto mächtiger der kalte Kommerz. Auf Kosten von Tradition und Fankultur.

Die zweite Geschichte jedoch, die ohne Neiddebatte, muss von der innovativen Arbeit in Hoffenheim handeln, von gezielter Jugendförderung und einer Vielfalt an sportwissenschaftlichen Ressourcen, die der Verein nutzt. Die dritte Geschichte, die mit Gefühl, erzählt von einem knuddeligen nordbadischen Nest mit 3263 Bewohnern, idyllisch im Kraichgau zwischen Heidelberg und Heilbronn gelegen, das nun zum Marsch in die weite Fußballwelt aufbricht.

"Der Wind dreht sich"

Hopp, der in Auswärtsstadien üble Tiraden empfing ("Scheiß SAP"), nachdem er in einer für Zweitliga-Maßstäbe ungekannten Dimension im vergangenen Spätsommer für 17 Millionen Euro vier Toptransfers finanzierte, ist "froh, dass sich der Wind langsam dreht. Die Leute erkennen, dass bei uns nicht nur Geld die Tore schießt, sondern dass mehr dazugehört."

18 Fanclubs mit 1700 Mitgliedern hat Hoffenheim inzwischen, auch welche in Australien, Berlin und Hamburg. 3000 Trikots wurden seit Saisonbeginn verkauft, zum Pokal-Halbfinale in Dortmund fuhren unlängst 74 Busse, und alle, die für Sonntag kein Ticket haben, kommen zum Public Viewing in die Messehalle von Sinsheim. In der benachbarten Kreisstadt ziehen die Bagger direkt neben der Autobahn A6 auch die neue Rhein-Neckar-Arena hoch, einen futuristischen Komplex für 30000 Besucher, mit 40 Logen und Piano-Bar, 50 Millionen teuer, bezugsfertig im Januar 2009.

Steigt man auf, wird man wohl ein halbes Jahr nach Mannheim ausweichen, das bisherige Stadion - 6350 Zuschauer, in der Dorfmitte rechts den Hang hinauf - wäre zu klein. Im Nachbarort Zuzenhausen entsteht derweil das zweite Großprojekt: Ein barockes Jagdschloss wird zur Geschäftsstelle mit Trainingszentrum umgebaut, auf 16 Hektar. "Wenn wir etwas machen, dann richtig", sagt Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus, früher beim VfB Stuttgart angestellt.

Die Hunnen kommen?

Die Frage ist: Wohin führt das alles? Die Konkurrenz hat Angst, der Finanzgigant werde in Hunnen-Manier über die Liga herfallen. Rudi Völler, Manager von Bayer Leverkusen, sieht die TSG weder auf Höhe von Bochum und Cottbus, noch in der Neuen Mitte der Wolfsburgs und Frankfurts: "Die drängen ganz nach vorne." Stuttgarts Manager Horst Heldt sagte plakativ, nur Bayern oder Hoffenheim könnten sich "in Deutschland einen Ribéry leisten".

Papperlapapp, sagt Hopp: "Wir werden weiterhin junge. entwicklungsfähige Spieler holen, auch im Hinblick auf spätere Transfererlöse". Hopp darf laut DFL-Statuten nur 49 Prozent Anteile an der TSG-GmbH halten, doch sein pekuniärer Beitrag ist viel höher, Etatzahlen wurden bisher nie dargelegt. Schindelmeiser spricht von lediglich "zwei bis vier Transfers, die wir tätigen werden, unabhängig von der Liga". Kommen auch Größen wie etwa Nationaltorwart Jens Lehmann, der mit Finanzchef Rotthaus verwandt ist? "Never ever", schwört Schindelmeiser, niemals.