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Reisebuch:Hunger und Durst

USA, der Länge nach: Auf 4250 Kilometern gibt es viele Gefahren. Aber Tim Voors hat sich gut vorbereitet auf den Pacific Crest Trail.

Der Wilde Westen Amerikas war jene Region, in der sich die aus Europa importierte Zivilisation erst langsam festzusetzen begann. Der Zuschnitt dieses Westens hat sich stetig verändert, die sogenannten wilden Areale sind mit der Zeit immer kleiner geworden. Ganz verschwunden sind sie offenbar jedoch nie. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man Tim Voors auf dem Pacific Crest Trail folgt.

Der Weitwanderweg führt im Rücken der großen Städte an der amerikanischen Westküste von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze durch unbewohntes Gebiet. Nur selten stößt man auf eine Straße, es gibt auch keine gut ausgebaute Infrastruktur für Wanderer mit Läden, Hütten und Campingplätzen. Nur ab und an eine kleinere Siedlung, wohin Post zugestellt wird. Sodass man sich seine eigene Verpflegung vorausschicken kann.

Kühl kann es auch im Yosemite-Nationalpark werden, auch wenn der Sonnenuntergang die Berge wie unter Feuer erscheinen lässt.

(Foto: Tim Voors)

Der Niederländer Tim Voors hat sich akribisch vorbereitet auf seine Wanderung und gute Ratschläge beherzigt - leidet anfangs dennoch Hunger und Durst. Durst, weil er in der kalifornischen Wüste unterwegs ist und die Wassersituation hier prekär ist. Die Gefahr des massiven Dehydrierens ist in den ersten Tagen, die einer auf dem Pacific Crest Trail in Richtung Norden unterwegs ist, so real, dass die Trinkwasserversorgung jede Entscheidung bedingt. Ein ausgetrockneter Fluss, von dem man fälschlich annimmt, dass er, wie von einem entgegenkommenden Wanderer bezeugt, nach wie vor Wasser führt, stellt ein ernstes Problem dar. Hunger wiederum leidet Voors, weil er sich auf die Empfehlungen einer Frau verlassen hat, die deutlich weniger wiegt als er.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig: Tim Voors Ausrüstung für 4250 Kilometer Wanderung.

(Foto: Tim Voors)

Doch das sind Probleme, die sich mit genügend Umsicht bewältigen lassen. Schwieriger wird es für Voors, wie er in seinem Buch "Allein" über die 4250 Kilometer lange Strecke bekennt, in der Sierra Nevada. Alpin ist der Autor ziemlich unerfahren, Schnee, Abhänge und ausgesetzte Wege ängstigen und lähmen ihn. Er kann die überwältigende Landschaft nicht im Ansatz genießen, er ist viel zu sehr mit seiner Furcht beschäftigt. Psychisch verkraftet er das Alleinsein ganz gut, immer wieder setzt der Mittvierziger sich von Gruppen ab, weil sie ihm zu turbulent sind. Aber hier hätte er jemanden gebraucht, der ihn ermutigt oder ihm Hilfestellung leistet. Am besten geht es ihm immer dann, wenn er mit ein, zwei anderen unterwegs ist.

Der Muir-Pass in der Sierra Nevada liegt auf über 3600 Metern und ist meist von Schnee bedeckt. Im Hochgebirge hatte Tim Voors Probleme.

(Foto: Tim Voors)

Aber auch in Gesellschaft fühlt Voors sich allein: Sechs Monate ohne seine Frau und die beiden Teenager-Töchter nagen an ihm, lassen ihn an seinem Vorhaben zweifeln. Für ihn ist es das Richtige, auf Zeit auszusteigen. Aber Voors ist sich darüber im Klaren, dass andere einen Preis dafür bezahlen.

Er hat den Gewinn: an spannenden Bekanntschaften, an überwältigenden Naturerfahrungen, an wertvollen Selbsterkenntnissen. Irgendwann legt Tim Voors sich für eine Woche ein Schweigegelübde auf und tut es damit einem Israeli gleich, dem er begegnet. Aus der Erkenntnis heraus, dass er zu viel und zu laut redet. Einige Wochen zuvor setzt er sich mit seiner Gottsuche auseinander: "Schon mein Leben lang bin ich auf der Suche nach Gott, nur habe ich ihn - oder sie - bislang noch nicht gefunden." Häufig besucht er Gottesdienste, kann die Predigten jedoch nicht in Einklang bringen mit seiner Lebenswirklichkeit. "Ich wäre gern gläubig, aber ich bin es einfach nicht", stellt er bedauernd fest.

Tim Voors, nach sechs Moanten und 4250 Kilometern.

Erfreulich an "Allein" ist, dass die Schilderungen weder selbstgefällig noch selbstmitleidig sind. Und auch nicht esoterisch. Voors schreibt über sich und wahrt dennoch eine gewisse Distanz zu sich. Unter den Wanderern ist es üblich, sich Trail-Namen zu verpassen. Voors wird Van Go, weil er Niederländer ist, wandert und malt. Einige Aquarelle, die unterwegs entstanden sind, sowie Zeichnungen ergänzen die in dem Buch veröffentlichten Fotografien um Nuancen des nicht so leicht Fassbaren. Der Band setzt auf vielfältige Weise Fantasien frei. Er endet, auch das ist charmant, nicht an der Grenze zu Kanada. Sondern erst in den Niederlanden, Wochen nach seiner Rückkehr. Dort beginnt ein neues Leben für ihn.

Tim Voors : Allein. Eine Wanderung durch Amerikas wilden Westen. Aus dem Englischen von Johannes Schmid. Die Gestalten Verlag, Berlin 2019. 240 Seiten, 24,90 Euro.