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Reisebuch:Gedankenflüge

Sogar die Polarregionen, die Wüste Rub al-Chali oder entlegene Gebiete des Amazonas-Regenwaldes sind nicht unberührt. Robert Moor erklärt lustvoll und spannend, wie selbst die Wildnis durch den Menschen geprägt wird.

Von Stefan Fischer

Jede Wildnis ist von Menschen gemacht. Jedenfalls in seiner Heimat, den USA, behauptet der Autor Robert Moor. Aber seine These lässt sich ohne weiteres auf Europa übertragen. Hier wie dort engen der Ausbau der Infrastruktur und die Umwandlung von Natur- in Kultur-, Stadt- oder Industrielandschaften die Wildnis ein. Und der Mensch ist es, der ihr Gebiet und damit ihre Grenzen festlegt, auch ihre Bedeutung und die Nutzung durch ihn. Insofern steht Wildnis auch nicht in einem Gegensatz zu anderen, intensiver von Menschen genutzten Landschaften.

Selbst Polarregionen, die Wüste Rub al-Chali oder entlegene Areale des Amazonas-Regenwaldes sind seit Menschengedenken nicht unberührt. Auch wenn davon, von unberührter Natur, immer wieder die Rede ist - es ist ein Konstrukt, das speziell in den USA latent rassistisch ist. Weil es unterstellt, dass Nordamerika erst durch die Europäer zivilisiert worden sei, und überall dort, wo die neuen Siedler sich zurückgehalten haben, eben noch Wildnis herrscht. Dass der Kontinent bereits Jahrhunderte zuvor von den Ureinwohnern seiner Wildnis beraubt worden ist, wird nicht gesehen, zum Teil bewusst übersehen.

Robert Moor geht in seinem aufschlussreichen, spannenden und immer wieder überraschenden Buch "Wo wir gehen" nicht nur ein paar Jahrhunderte zurück in der Geschichte, sondern Jahrmillionen. Und wird ganz grundsätzlich. Ab wann haben sich Lebewesen aus eigenem Antrieb bewegt, wann sind erste Pfade entstanden? Moor landet bei den Ediacara, Weichkörperwesen, die vor mehr als 500 Millionen Jahren auf der Erde gelebt haben. Im Weiteren erläutert er, wie Insekten Pfade anlegen und Wirbeltiere. Wie wiederum Menschen ihnen gefolgt sind.

Im letzten Drittel seines Buches landet Robert Moor wieder dort, wo er im Prolog bereits war: auf dem Appalachian Trail. Der in großen Teilen alten Pfaden der Cherokee folgt, die den Bisons nachjagten. Die heutige Menschheit reist und wandert auf uralten Wegen; und die verlaufen nicht zufällig durch eine Landschaft. Es geht immer um den geringsten Widerstand, aber nicht nur - manchmal schlägt eine Route einen großen Bogen, weil es zum Beispiel wichtig war, Feindesland zu umgehen.

Das Prinzip des Wanderns als Selbstzweck ist neu, viel länger als 300 Jahre wandern die Menschen noch nicht. Und sie folgen dabei Routen, die zu einem ganz anderen Zweck entstanden sind. Wer sich auf einen Fernwanderweg einlässt, wird sich dessen vielleicht wieder bewusst. Weil auf ihm die Geschwindigkeit des Vorankommens reduziert ist, anders als im Auto, Zug oder Flugzeug. Man wieder eine Verbindung mit der Landschaft eingeht. Auf sie lässt man sich ein beim Wandern, statt sie nur zu überbrücken. Entsprechend lange ist Robert Moor unterwegs. Es macht Vergnügen, ihn zu begleiten.

Robert Moor: Wo wir gehen. Unsere Wege durch die Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Sievers. Insel Verlag, Berlin 2020. 413 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 03.12.2020
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