Reisebuch:Die Welt als Vorstellung

Lesezeit: 3 min

Ein Atlas versammelt viele kaum bekannte Inseln im Mittelmeer. Der Autor versieht jede von ihnen mit einer besonderen Geschichte. Das Buch kann nicht mehr sein als eine Ideensammlung, möchte den Leser aber auch zu einer eigenen Orientierung ermuntern.

Von Stefan Fischer

Passionierte Bürokraten und überhaupt jedwede Ordnungsfanatiker können niemals gute Segler sein. Davon ist Simone Perotti felsenfest überzeugt. Etwas, das "unfassbar und frei" sei, lasse sich nicht einhegen, argumentiert der italienische Autor in seinem "Atlas der Mittelmeerinseln": Er, ein begeisterter Segler, hält nichts davon, Inseln zu Archipelen zusammenzufassen, ihnen eine gemeinsame Nationalität zuzuschreiben, nur weil sie geografisch beieinander liegen.

Diese stupide Ordnung, exerziert von "Register- und Listenmenschen", werde der Realität nicht gerecht. Ibiza beispielsweise nehme keine Notiz von Espardell, obwohl das Inselchen in Sichtweite liegt. Kythira gehöre seiner Mentalität nach weder zu den Ionischen Inseln noch zu den Kykladen - "und doch fügt sie beiden Inselgruppen etwas hinzu, das ihnen schon immer gefehlt hat". Wer für die Eigenarten einer Insel kein Gespür habe, der mag zwar behände mit einem Segelboot umgehen können. Aber sobald er anlande, begreife er nicht mehr, wo er eigentlich sei. Wobei gerade, wer sich "die Landung mit der Mühsal des Segelns verdient" hat, zuvor "voller Staunen ihre Küstenlinien gestreichelt hat und behutsam in intime Buchten vorgedrungen ist", eine besondere Beziehung zu einer Insel aufbauen, ihre Engel oder ihre Dämonen kennenlernen könne.

Simone Perotti nennt die geografische Ordnung "eine Heuchelei und Unsinn", er schlägt eine andere Ordnung vor: Wenn man die Inseln des Mittelmeeres schon gruppieren wolle, dann über ihr gemeinsames Schicksal: zu Inseln der Glückseligkeit, des Wahnsinns, der Verbannung, des Handels, der Legenden, der Hoffnung, des Wortes und des Schweigens.

Dazu müsse man etwas wissen über die Inseln, das über die eigene Anschauung hinausreiche. Etwas, das man nicht in Reiseführern findet - diese Art von touristischer Literatur verabscheut Perotti: "Sie sind kalte Register nutzloser Museen, leere Speisekarten ungenießbarer Mittagessen." Wie überhaupt die Literatur, auch die ernst zu nehmende, wiederum nur einen Teil der Faszination von Inseln ausmache. Perotti begreift nicht diejenigen, die einen Ort besuchen, "ohne ihn vorher auf einer Landkarte oder zwischen den Seiten eines Buches gesucht (und ihn sich dort vorgestellt)" haben - aber auch nicht diejenigen, die einen Atlas der tatsächlichen Reise vorziehen. "Die einen leben nur in der Fantasie; die anderen einzig in der Realität. Wer sie nur physisch bereist, wird sie niemals sehen, und wer sich nur hinwünscht, auch nicht."

Nun legt Simone Perotti selbst einen Atlas vor. Das Buch kann und will nicht mehr sein als eine Ideensammlung, die den Leser keinesfalls der Chance einer eigenen Orientierung berauben möchte, sondern ihn im Gegenteil dazu ermuntert. Und in einigen Fällen, zumal bei den bekannteren Inseln, fügt sich Perottis Eindruck zu dem Wissen und dem Bild, das der Leser ohnehin womöglich bereits hat: Das gilt sicherlich für Lampedusa, Ithaka, Djerba und die Ile d'If. Letztere, vor Marseille gelegen, ist ein gutes Beispiel dafür, wie Tatsachen und Fiktionen sich zu einer neuen Realität vereinen. Das Château d'If war eine Gefängnisinsel, der prominenteste Insasse (und Flüchtling) ist jedoch eine literarische Figur: Edmond Dantès aus Alexandre Dumas' "Der Graf von Monte Christo".

Das stellt Simone Perotti von Anfang an klar: Um über Inseln zu schreiben, müsse er erfinden. Sie seien in der Regel Orte voller Mythen und Legenden, da komme man mit einer rein rationalen Haltung nicht weit. Perottis Idealvorstellung ist, dass die Kartografie zur Psychografie wird und die Geografie zur Geosophie.

Nun orientiert sich Marco Zung bei seinen Illustrationen für den "Atlas der Mittelmeerinseln" an kartografischen Maßstäben, gerade das jedoch ermöglicht Perotti zusätzlich erzählerischen Freiraum. So gibt es auf Alborán im westlichen Mittelmeer drei Gräber, von denen eines - das wird jedenfalls erzählt - die Ruhestätte eines deutschen Piloten sei. Perotti erfindet dessen Absturz und schafft es, in knappen Zeilen ein Charakterbild des unbewohnten Felsens zu entwerfen.

Die wahre Schönheit Ithakas liegt für ihn in der Geschichte des Odysseus, der sich - so sieht Perotti das - von ihr in Wirklichkeit immer weiter entfernen wollte, während er den Heimweg suchte. Ithaka bediene eben beide Sehnsüchte: die, sich zu verlieren, und die, sich wiederzufinden.

Simone Perotti : Atlas der Mittelmeerinseln. Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018. 144 Seiten, 34 Euro.

© SZ vom 27.09.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite
Jetzt entdecken

Gutscheine: