Reisebuch Der Preis der Freiheit

Fredy Gareis reist auf Güterzügen durch die USA und trifft dabei auf Hobos. Sie leben auf den Schienen, das ist eine gefährliche Schinderei. Aber es bringt ihnen eine selbst im Land der Freien nicht mehr alltägliche Freiheit ein.

Von Stefan Fischer

Elegant wie eine Ballerina steigt Ricardo auf einen Güterzug und an der anderen Seite wieder hinunter. Tuck und Fredy Gareis folgen ihm. Die Männer suchen einen geeigneten Waggon, in dem sie mitfahren können von Waseca, Minnesota aus in Richtung Westen. Sie einigen sich auf einen Getreidewaggon. Nicht optimal, aber Besseres ist nicht in Sicht.

Ricardo und Tuck sind Hobos. Hobos haben in der Regel Spitz- und niemals Nachnamen. Sie haben, wenn sie älter sind, kaputte Rücken und jede Menge weitere Leiden an Körper und Seele. Das bringt ein Leben auf Schienen mit sich. Der Lohn für diese gefährliche Schinderei ist eine immense Freiheit und - manchmal jedenfalls - ballerinahafte Leichtigkeit.

Der Journalist und Autor Fredy Gareis hat sich für seine tiefschürfende und packende Reisereportage "König der Hobos" unter diese Menschen begeben, ist mit ihnen kreuz und quer durch die USA gereist. Was gar nicht so einfach ist. Hobos stehen nicht auf Reporter. Auf Güterzüge aufzusteigen und "Fracht zu fahren", wie sie das nennen, ist illegal. Hobos können öffentliche Aufmerksamkeit nicht gebrauchen. Gareis schafft es dennoch, sich mit Beharrlichkeit einen Platz zu erkämpfen in der Hobo-Gemeinschaft - er nennt sie eine Bruderschaft.

Die Menschen rufen die Polizei, wenn sie einen Hobo in einem Waggon entdecken

Früher bezeichnete Hobo die Wanderarbeiter; der Begriff sei offenbar, so Gareis, eine Verschleifung der Wörter hoe und boy, Hacke und Junge. Hobos haben Amerika aufgebaut, sie haben auf Feldern und in Bergwerken gearbeitet und die Gleise der Eisenbahn verlegt. Sie waren in der Regel obdachlos und fuhren als blinde Passagiere so weit, bis sie wieder einen Job gefunden hatten.

Auch heute sind die meisten Hobos obdachlos. Mit ihrer Unabhängigkeit, schreibt Gareis, verkörperten sie "die uramerikanischen Tugenden des Individualismus und der Selbstbestimmung".

Die meisten ihrer Landsleute halten sie für Penner. "All die braven Bürger und ihre Handys und diese verdammte Paranoia seit 9 / 11", wettert K-Bar, ein altgedienter Hobo. Früher seien Hobos insgeheim bewundert worden, wenn auch damals schon kaum jemand mit ihnen tauschen wollte. Heute wird die Polizei gerufen, wenn die Leute einen Hobo auf einem Zug entdecken.

Die Welt der Hobos ist ein krasses Gegenbild zu dem, was Fredy Gareis jene "hysterische Realityshow" nennt, als die sich die USA zwischen Donald Trump und den Kardashians gerieren. "Hat dieses Land, das Land der Freien, sonst nichts mehr zu sagen?"

Doch, hat es, eine Menge sogar. Fredy Gareis hört aufmerksam zu. Und - noch wichtiger - er schafft es dabei, die notwendige Distanz zwischen sich und den wechselnden Begleitern zu wahren. Er macht sich nicht jede krude Meinung, jede Marotte zu eigen. Er trennt sich von Menschen, denen er nicht über den Weg traut. Doch er taucht tief ein in dieses Milieu und nimmt die Menschen ernst. Shoestring, mit dem er am längsten unterwegs ist, bewundert er sogar für sein Beharrungsvermögen, seine Haltung. Er lernt auch von ihnen: ganz praktisch, wie man auf der Schiene vorankommt und überlebt. Und, wie nebenbei, auch viel über die USA.

Es ist ein Blick von unten. Von Menschen, die "sich mit aller Macht dagegen wehren, zivilisiert" zu werden. Der Preis ist die totale Ausgrenzung. Fredy Gareis ist ein genauer Beobachter und kluger Interpret. Seine eigene Rolle schiebt er nicht in den Vordergrund. Obwohl sie ungemein wichtig ist: Nur indem er sich dem Hobodasein für Monate mit Haut und Haaren ausgeliefert hat, konnte er dieses ungemein substanzielle Buch recherchieren. Damit hat er sich endgültig in die erste Reihe der Reiseliteraten hierzulande geschrieben.

Fredy Gareis: König der Hobos. Unterwegs mit den Vagabunden Amerikas. Malik Verlag, München 2018. 252 Seiten, 16 Euro. E-Book 12,99 Euro.