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Reisebuch:Der faule Zauber des Pittoresken

Der Fotograf Claudius Schulze dokumentiert, wie die Menschen in den reichen Staaten Europas immer mehr Dämme und Zäune zwischen sich und die Natur bauen.

Von Stefan Fischer

Die Landschaften, die der Fotograf Claudius Schulze in seinem Band "State of Nature. Naturzustand" zeigt, haben allesamt einen Makel. Jedenfalls, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt betrachtet, wie idyllisch die gezeigten Szenerien sind. Wobei die Aufnahmen von Schulze durchaus eine malerische Natur abbilden, das schon - und doch gibt es in jeder Aufnahme einen Störfaktor. Mal einen sehr massiven, mal einen eher subtilen. Genau darauf legt Claudius Schulze es an.

Der Journalist Oskar Piegsa vollzieht in seinem Begleitaufsatz nach, wie das Malerische heutzutage zur vorherrschenden Darstellungsform von Natur geworden ist. Er beruft sich auf den britischen Philosophen Edmund Burke und dessen Unterscheidung zwischen dem Schönen und dem Erhabenen: Das Schöne ist demnach meistens menschengemacht und löst beim Betrachter Wohlbefinden aus; das Erhabene indes ein Schaudern, weil es aufgrund seiner Naturwüchsigkeit ein Gefühl des Ausgeliefertseins hervorruft - ausgeliefert der Gewalt des Meeres etwa oder der Masse der Berge. Der Künstler William Gilpin hat es im 18. Jahrhundert auf eine Versöhnung der beiden Sphären angelegt und gewissermaßen eine Zwischenkategorie eingeführt, indem er die Idee des Pittoresken entwickelt hat, des Malerischen. Das meint die Zähmung der Wildnis. Das Malerische jedoch, so Piegsa, "ist die Verharmlosung der Natur zum Landschaftspark. Im Malerischen darf Natur nur gefällig sein und konsumierbar."

Um sie in diesen behaglichen Zustand zu versetzen, wird in den reicheren Staaten Europas immens viel Aufwand betrieben: Seit ungefähr 250 Jahren wird die Natur massiv umgestaltet. Zum Schutz der Menschen vor ihr. Deiche und Dämme werden gebaut, Rückhaltebecken und Lawinenzäune. Der Mensch dringt immer weiter vor in die Natur, in seiner Freizeit und besonders als Tourist. Auf der Suche nach dem Schauder des Erhabenen. Doch unter einem minimalen Risiko.

Das ist dabei noch nicht einmal die ganze Geschichte. Der Lebensstil auch und vor allem der Europäer nämlich produziert manche Risiken erst, die sie dann wieder eindämmen - für sich zumindest. Andernorts brechen die Folgen des Klimawandels und der Landschaftszerstörung über eine weitgehend schutzlose Bevölkerung herein. Claudius Schulze dokumentiert das in "State of Nature. Naturzustand" mit den Aufnahmen überschwemmter Regionen in Kaschmir und auf den Philippinen. Diese Bilder sind aus einer senkrechten Draufsicht aufgenommen, aus der Perspektive des Katastrophenhelfers, der ein Notstandsgebiet überfliegt, um die Lage abschätzen zu können. In diesen Aufnahmen findet sich nichts Malerisches mehr. Sie sind ein notwendiger Kommentar zu den Hauptmotiven: zu den Panoramen, die Schulze mittels einer Großbildkamera und eines Kranwagens aufgenommen hat. Zu den Motiven des Malerischen also, die bei ihm stets auch die Infrastruktur dokumentieren, die zu dessen Instandhaltung notwendig ist. Auf diese Weise möchte Claudius Schulze ein Misstrauen gegenüber dem Malerischen wecken und das Bewusstsein dafür schärfen, dass von Menschen unbeeinflusste Natur kaum noch existiert, schon gar nicht in Westeuropa. Dass Natur demzufolge immer gestaltet ist und die Entscheidung ehrlicherweise nicht lautet, ob wir in sie eingreifen sollen, sondern wie.

Claudius Schulze spielt die technischen Einbauten dabei nicht gegen die Natur aus. Sie haben ihre eigene Ästhetik, auch im Zusammenspiel mit den natürlichen Gegebenheiten. Doch nicht nur die Schutzwälle sind künstliche Gebilde. Die Natur selbst, das zeigen die Bilder, ist längst artifiziell. Die Menschen entscheiden, in welcher Gestalt sie geformt und erhalten wird.

© SZ vom 08.03.2018
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