Nachgefragt Ist der Kulturschock nützlich?

Das Essen schmeckt anders, der Verkehr ist lebensgefährlich und ständig diese Missverständnisse... Dennoch sollte man nicht daheim bleiben.

Interview: Martin Müller

Wer von Reisen in ferne Länder zurückkehrt, hat oft irritierende und unverständliche Erlebnisse hinter sich: Armut, Schmutz, Chaos. Manche Reisende müssen auch vorzeitig heimfahren, weil sie dem Ansturm des Anderen nicht gewachsen sind.

Kulturschock für den Affen: Tarzan ist da...

(Foto: Foto: dpa)

Alois Moosmüller, Professor für Interkulturelle Kommunikation an der LMU München forscht zu diesem Thema und erklärt, was es mit Kulturschock und Zivilisationsschock auf sich hat und warum beides eher eine Bereicherung als eine Beeinträchtigung ist.

SZ: Was genau würden Sie als Kulturschock bezeichnen?

Moosmüller: Im Grund ist es gar kein Schock. Vielmehr werden langsam alltägliche Routinen aufgebrochen, ob im Straßenverkehr, beim Einkaufen oder bei der Kontaktaufnahme. Wenn der Gesprächspartner anders reagiert als erwartet, kann man leicht irritiert sein. Ab einer gewissen Häufung solcher Erlebnisse kommt es zu einer unbewussten Infragestellung der eigenen Ideen und der eigenen Normalität, wodurch eine Art Kulturschock ausgelöst wird.

SZ: Wie wirkt sich dieser Kulturschock auf den Reisenden aus?

Moosmüller: Zur Irritation kommt es nicht, weil man auf Andersartigkeit trifft. Der kann man auch im Kino oder auf dem Oktoberfest begegnen. Irritierend wird es, weil interne Lernprozesse angekurbelt werden. Diese Umstrukturierung der kognitiven und emotionalen Einstellungen führt oft zu Energieverlust, zunehmender Müdigkeit und depressiven Zuständen.

SZ: Gewisse Fremdheitserlebnisse hat ja jeder, der ins Ausland reist. Wann spricht man von Kulturschock?

Moosmüller: Da muss man zwischen Kulturschock und Zivilisationsschock unterscheiden. Beim Kulturschock geht es um die innere Feinjustierung, die auch bei einem Umzug nach Hamburg nötig ist, wenn auch nicht in dem Maße wie bei einem Umzug nach Tokio. Die Menschen reden anders, verhalten sich anders und reagieren anders auf einen. Beim Zivilisationsschock ändern sich dagegen die äußeren Lebensanforderungen grundlegend. In Indien etwa muss man sich mit Hygieneproblemen, andersartigen Speisen oder chaotischen Verkehrsverhältnissen auseinandersetzen und kann nicht mehr an alte Gewohnheiten anknüpfen.

SZ: Kommt es bei Urlaubsreisen überhaupt zu einem Kulturschock? Der Aufenthalt ist ja meist auf wenige Wochen begrenzt und die Rückkehr steht fest. Moosmüller: Wenn man reist, befindet man sich in einer Art Euphorie. Man kann tun, was einem Spaß macht. Erst nach drei, vier Wochen nimmt der Reiz des Neuen langsam ab und man muss sich mit den lokalen Verhältnissen arrangieren. Dann reisen die meisten aber schon wieder ab. Wer sich dagegen für eine längere, zusammenhängende Zeit im Ausland aufhält, beginnt, seine inneren Strukturen umzubauen und sich selbst dem anderen anzupassen. Das braucht Zeit.

SZ: Kann man durch viele Auslandsaufenthalte ,,immun'' gegen Kulturschock-Erlebnisse werden?

Moosmüller: Es gibt sicher Leute, die nur noch wenig an sich heranlassen. Geschäftsreisende bewegen sich häufig an sogenannten ,,Nicht-Orten'' wie Flughäfen, Hotels oder in der eigenen Firma, und vermeiden somit die Erfahrung der Andersartigkeit. Der Urlauber sucht dagegen bewusst die andere Seite, das Inspirierende. Er fürchtet eher, die exotischen Erlebnisse wieder zu vergessen und versucht, sie mit der Kamera festzuhalten. Er kann das Fremde aber nicht als Fremdes behalten, sondern sortiert es in die vorhandenen Schemata ein. Dies verhindert, dass er das Erlebte in seiner Reichhaltigkeit bewahren kann.

SZ: Wie sollte man sich denn auf Reisen in Länder vorbereiten, die man noch nicht kennt?

Moosmüller: Wer länger bleiben und dort arbeiten möchte, sollte sich auf die innere Umstellung vorbereiten und das Kommende mental durchgehen. Dadurch wird man flexibler und verringert Fluchttendenzen. Das naive Befolgen von Dos and Don'ts-Listen verengt eher und wird der Komplexität an Ort und Stelle nicht gerecht. Der Tourist hat dagegen andere Herausforderungen. Er sollte möglichst viel über Kultur, Gesellschaft, Geschichte und Lebensweise des Reiselandes wissen. Man kann sich nicht bereichern, wenn man nichts weiß. Das wäre dann fast so, als wäre man nie dagewesen.

SZ: Kommt es durch die vielen Medienberichte über exotische Länder zu weniger Kulturschock-Erlebnissen?

Moosmüller: Durch die Begegnung mit medial vermittelten Bildern verändern sich keine affektiven oder kognitiven Strukturen. Dieser Prozess setzt erst ein, wenn man sich länger selbst in den fremden Ländern aufhält und mit dem Alltagschaos konfrontiert ist. Reisen trägt auf jeden Fall zu einer gewissen Öffnung bei. Es führt zu größerer Lernbereitschaft und mehr Akzeptanz gegenüber Fremden.

SZ: Sollte man einem möglichen Kulturschock positiv gegenüberstehen?

Moosmüller: Je lernfähiger und sensibler man ist, desto anfälliger ist man für einen Kulturschock. Ein Kulturschock kann sehr positiv sein. Wenn man etwas dazulernen will, muss man seine Grenzen aktiv erweitern. Dieser Prozess ist immer schmerzhaft. Man sollte sich darüber freuen, dass man sich in einem tiefen, schwarzen Loch befindet und sich am eigenen Schopf wieder herausziehen kann. Hinterher wird man sich besser fühlen. Von kurzen Urlaubsreisen sollte man sich dagegen nicht versprechen, eine Kultur zu verstehen. Aber man muss auch nicht mit Studienratsblick und Reiseführer in der Hand nach dem Lerneffekt suchen, sondern kann sich einfach von der exotischen Szenerie aufmuntern lassen.