Lasziver Lifestyle Shanghai glänzt

Größer, höher, moderner: Die Skyline von Shanghai und die Waterfront verkörpern den neuen Geist der Stadt.

(Foto: Reuters)

Einst galt die Stadt als Paris des Ostens, ein Ort von Mode, Design, schönen Frauen und eleganten Luxushotels. Dieser Mythos lebt fort - in moderner Prägung.

Von Inge Hufschlag

Shanghai heißt auf Deutsch "auf dem Meer." Das klingt nach Aufbruch. Und ist auch so. Schon wenn man mit dem Schiff ankommt am International Cruise Terminal, nicht weit von der Flaniermeile Bund mit ihren imposanten Kolonialbauten, schnuppert und spürt man es sofort: Die Drachenkopf-Metropole, summt und brummt, hat ihren ganz eigenen Rhythmus. Diese Boom Town mit 23 Millionen Einwohnern gibt sich ultramodern und spielt dabei hemmungslos mit Brüchen. Und doch scheint sie sich an manchen Ecken voller Melancholie an ihre große Vergangenheit zu erinnern.

Das waren die Zwanziger- und Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, als Shanghai als Paris des Ostens galt, ein Ort der Sünde, wo Damen und Dandys der feinen Gesellschaft einem Lebensstil am Rande der Dekadenz frönten. Heute ist die Stadt zwar gefühlt rund um die Uhr damit beschäftigt, mit Hongkong um die Führung als chinesischer Wirtschaftsmetropole zu fighten, findet aber immer noch Zeit, an ihre glamouröse Vergangenheit anzuknüpfen: zur Teestunde im Luxus-Hotel, zu der nicht nur Süßes, sondern längst auch Kaviar gereicht wird, beim Cocktail in den Roof-Top-Bars, auch schon tagsüber beim exzessiven Shoppen auf der berühmten Nanjing Lu und der Huaihai Lu, wo die Luxusmarken ihre Flagship-Stores haben.

Die Verkörperung dieses lasziven Lebensgefühls ist das fantastische Shanghai Girl

Die Verkörperung dieses lasziven Lebensgefühls ist das fantastische und Fantasie anregende Shanghai Girl: Porzellanfarbener Teint, sorgfältiges Make-up, blauschwarz glänzendes, akkurat geschnittenes Haar, die schmale Silhouette gekleidet in erlesene, figurumspielende Mode. Wie gemalt. Solche Motive findet man in Shanghai in den neuen Kunstgalerien, die aus dem Boden wachsen wie Bambus und dabei scheinbar unbekümmert den Spagat üben zwischen Tradition und Innovation, zwischen Kitsch und Weltkunst. Manchmal lohnt es sich eher, in versteckten Gassen auf Trödelmärkten zu stöbern. Hier findet man zwischen allerlei Hausrat oft alte Filmplakate oder Postkarten mit kunstvoll verblassten Schönheiten für kleines Geld.

Und plötzlich steht man ihm gegenüber, einem modernen Shanghai Girl, in der Person und Persönlichkeit der Foto-Künstlerin Chen Man. Die junge Frau verkörpert gekonnt die Shanghai-Generation X, konzentrierte Karriere mit kühler weiblicher Ausstrahlung. Chen Man fotografiert für Vogue und Elle, Harper's Bazaar, arbeitet für Adidas und Gucci und zählt bereits zu den 500 berühmtesten Fotografen der Welt. Gerade beteiligt sie sich an einer Charity-Kunstausstellung des Peninsula Hotels "The Art of Pink" zum Brustkrebs-Monat Oktober.

Chen Man sieht sich selbst als eine Botschafterin des jungen China und redet auch gerne in Bildern: "Das Auge fotografiert das Leben." Ihre Arbeit ist für sie eine Art "Energieaustausch zwischen der materiellen und der geistigen Welt. Die Verbindung von Photographie und Philosophie." Sie hatte bereits eine Ausstellung in Paris. Dort inspirierte der Shanghai Chic schon früh die französischen Modeschöpfer. Yves Saint Laurent war einer der ersten. John Galliano spielte mit der lasziven Erotik des klassischen Cheongsam, dem hochgeschlossenen Kleid, mit den Schlaufenverschlüssen an der Schulter und den seitlichen Schlitzen - ein auch von westlichen Besucherinnen immer wieder gern gesuchtes Souvenir. Mit ihm zieht man Grazie an.

Solche Trends sind keine Einbahnstraße auf den Laufstegen in Ost und West. In einer alten Uhrenfabrik erfindet sich das Shanghai Girl gerade neu. Eingekleidet von Lu Kun, dem "chinesischen John Galliano". Lu Kun macht einen guten Schnitt mit der Kombination verschiedener Stilrichtungen. Seit Paris Hilton sich in seinen Kreationen fotografieren ließ, kennt ihn die Mode-Welt. Ein Besuch seines Ateliers gehört inzwischen zur Peninsula Academy "Art in Focus", die Shanghai-Besuchern an versteckten kunstvollen Plätzen verschlossene Türen öffnet und damit andere Einblicke in die Stadt eröffnet.

Die modernen Asiatinnen gelten als Fashion-Victims. Auch und gerade in der Berufswelt. Die Bezeichnung Arbeitskleidung wäre zu schlicht. Corporate Fashion hat hier höchstes Niveau. So stammen die bühnenreifen schicken Uniformen des Jing An Shangri La Hotel von der Designerin Han Feng, die auch schon "Madame Butterfly" für London und New York eingekleidet hat.

Das Fünf-Sterne-Haus überragt das Kerry Center, quasi eine neue City in der City, unweit der berühmten Nanjing Road. Vor dem imposanten Wolkenkratzer duckt sich ein unscheinbares Häuschen. Hier hat früher Mao Zedong gewohnt. Jetzt dient es als Mini-Museum. Drumherum hinter Glitzer-Fassaden das ABC der Weltmarken von A wie Armani oder Abercrombie & Fitch, B wie Burberry oder Boss, C wie Calvin Klein oder Carolina Herrera. Auch Karl Lagerfeld ist vertreten. Und: Local Brands holen auf. Selbst- und modebewusste Shanghai Girls entdecken sie gerade für sich.

Eintauchen in die alte und neue Welt des Shanghai Chic kann man am besten während einer Art-Déco-Tour durch die ehemalige Französische Konzession mit Stopps in lauschigen Gärten und bei versteckten Villen, buchbar im Rolls Royce, aber auch als Retro-Tour im offenen Beiwagen. Wenn Shanghai das Paris des Ostens war, dies muss seine Provence sein. Kleine Pausen gönnt man sich in den Oasen der Stadt, beispielsweise im Teehaus im Yu-Garten. Man erreicht es über eine neunteilige Zick-Zack-Brücke - einen Kurs, dem böse Geister angeblich nicht folgen können. Der vornehme Kee-Club hat das koloniale Ambiente geschickt konserviert. For Members only - doch ein guter Concierge sorgt für Kurzzeit-Mitgliedschaften.

Vor der Skyline von Pudong tanzen Paare Tango, Väter fotografieren stolz ihre Söhne

Am schönsten schimmert die "Perle des Orients" am frühen Abend, wenn man den Blick von den kolonialen Prachtbauten löst und über den Fluss hinüberschaut auf die Skyline von Pudong. Vor der imposanten Hochhaus-Kulisse tanzen Paare Tango auf der Ufer-Promenade, Väter fotografieren stolz ihre kleinen Söhne, die respektlos große Skulpturen erklimmen, kichernde Teenager im Manga-Look flanieren untergehakt und stoppen immer wieder, um Selfies vor der Weltstadt-Kulisse zu schießen.

Am späteren Abend muss man Shanghai mit Stäbchen erobern. Für Einsteiger empfiehlt sich die Xiao Nan Guo-Kette. Filialen findet man über die Stadt verteilt. Spezialitäten: Entenzungen, "betrunkene Shrimps" und "Dumplings to die for". Abenteuerlich ist eine "Street Eats - Night Market Tour". Man kann beim Schlangenhäuten und Nudeln-Wedeln zuschauen und anschließend ein Häppchen probieren. Köstlich sind die Teigtaschen, die Shanghai Ravioli. Und hinterher gibt's Mundschmeichler: Reisklöße mit süßen Füllungen.

Die haben womöglich schon Albert Einstein gemundet, der 1922 im noblen Astor House in Shanghai zu Gast war, als er erfuhr, dass ihm der Nobelpreis verliehen wird. Daran erinnert seit 2008 ein Denkmal. Der Mann mit der Mähne ist relativ gut getroffen.