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Kulturhauptstadt 2000:Santiago de Compostela - Wenn der Kessel saust

Beinahe unbemerkt feiert die spanische Pilgerstadt Santiago de Compostela 2004 das Heilige Jahr.

Armando ist seit 40 Jahren der Kopf der Tiraboleiros. Er schmückt Postkarten oder posiert für Fotos mit dem spanischen König und dem deutschen Kanzler. Doch das Wichtigste: Er blieb bisher unfallfrei.

Am Ziel nach 200 Kilometern Fußmarsch: Pilger in Santiago di Conmpostela.

(Foto: Foto: Reuters)

Denn die Arbeit der Tiraboleiros ist nicht ganz ungefährlich. Die Männer bringen nämlich einen Weihrauchkessel von gigantischen Ausmaßen zum Schwingen. Der Botafumeiro in der Kathedrale von Santiago de Compostela in Galicien ist einen Meter zwanzig hoch, 80 Kilogramm schwer und besteht aus versilbertem Messing.

Durch eine besondere Schwing-Technik erreicht der Kessel eine Geschwindigkeit von 68 Kilometern pro Stunde. Er hängt an einem Seil einen Meter über dem Boden und wird nur einmal kurz angeschubst.

Danach beschleunigen ihn die Tiraboleiros, indem sie das Seil am höchsten Punkt nachgeben und am tiefsten Punkt der Pendelbewegung anziehen, bis der Kessel mehr als 20 Meter hoch fast ans Gewölbe der beiden Seitenschiffe der Kathedrale fliegt. Von dort saust er durchs ganze Querschiff und hinterlässt einen feinen Streifen von Weihrauch.

Weihrauch-Spektakel

Gläubige und Pilger, Atheisten und Schaulustige finden sich zu besonderen liturgischen Anlässen wie Weihnachten oder Ostern ein, um die Zeremonie zu bestaunen. Wer an keinem wichtigen religiösen Feiertag in Santiago weilt, kann sich das Weihrauch-Spektakel an Werktagen erkaufen - für eine milde Gabe von 240 Euro.

2004 kann man sich das Geld sparen. Dann wird an jeden Tag eine Weihrauchmesse abgehalten, pünktlich mittags um zwölf Uhr. Zu Neujahr hat der Erzbischof von Santiago de Compostela Julian Barrio die zugemauerte Türe des Vergebens, auch Heilige Pforte genannt, mit einem Silberhammer aufgeschlagen und damit das Heilige Jahr 2004 eröffnet.

Nur in einem Heiligen Jahr wird der Ablass gewehrt. Dabei wird nach christlichem Glauben "die zeitliche Strafe vor Gott für Sünden" nachgelassen, "deren Schuld schon getilgt ist," steht im Kanonischen Recht.

Dazu muss der Reliquienschrein mit den Gebeinen des Heiligen Jakobus und eine Messe in der Kathedrale besucht sowie binnen 15 Tagen vor oder nach der Pilgerreise gebeichtet und kommuniziert werden. Nur die beiden anderen heiligen Städte des Christentums, Jerusalem und Rom, dürfen neben Santiago de Compostela Heilige Jahre begehen, wie zuletzt Rom im Jahre 2000.

In Santiago, wo im Jahr 829 die Gebeine des Apostels Jakobus (spanisch: Santiago) entdeckt wurden, werden die Heiligen Jahre anhand seines Todestages errechnet. Fällt der 25. Juli, an dem er den Märtyrertod starb, auf einen Sonntag, wird ein Heiliges Jahr ausgerufen.

2010, 2021 und 2027

Durch die Schaltjahre ergibt sich ein unregelmäßiger Turnus. Die nächsten Heiligen Jahre in Santiago sind 2010, 2021 und 2027.