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Kanada:Jenseits des Tales

Vancouver ist der Ort der Olympischen Winterspiele 2010, aber die meisten Wettkämpfe finden in Whistler statt.

Vancouver hieß das ersehnte Wort, das am 2. Juli ganz Kanada in Feierlaune versetzte: Danach war für die Party in Whistler einfach jede Musik denkbar: Cool&the Gang, AC/DC, irgendwas Lebhaftes halt. Aber doch nicht sowas: dröges, Füße einschläferndes Gedudel, das an den Dialog in "Blues Brothers" erinnerte: "Was für Musik habt ihr denn? Oh, wir haben beide Sorten von Musik: Country und Western."

Zelten am Kokanee Creek. Wer hier nicht himmlisch träumt...

(Foto: Foto: Tourism British Columbia)

Genauso klingen die "Hairfarmers", zwei langmähnige, vollbärtige Gitarrenträger mit Karohemd und Sonnenbrille, die Sparversion von ZZ Top. Und dann noch ihr erster Satz: "This is the sound of an olympic city." Na, das können ja lustige Spiele werden!

Die Olympischen Winterspiele 2010 finden in Vancouver und Whistler statt - dabei hatte man sich zunächst für die Sommerspiele beworben. Kanada ist somit nach Montreal (Sommer '76) und Calgary (Winter '88) zum dritten Mal Gastgeber. Am 12. Februar 2010 werden die Spiele dann vor 55.000 Menschen zum ersten Mal in einer Halle eröffnet werden, im BC Place Stadium von Vancouver. In Whistler soll eine Zeremonie mit 9000 Zuschauern unter freiem Himmel stattfinden.

Einen Tag nach dem Nationalfeiertag war aus Prag die Kunde vom Sieg über die Mitbewerber aus Salzburg und Pyeongchang (Südkorea) gekommen. Jean Chrétien, damals noch Premierminister, führte die Bewerbungsdelegation, an seiner Seite "The great One" Wayne Gretzky und Ski-Ass Steve Podborsky.

Ein ewiges Grinsen

Auch in Whistler drückte ein Ex-Abfahrtsläufer die Daumen: Rob Boyd, dessen Gesicht vor allem aus Kinn besteht. Als das entscheidende Wort gefallen war, sah man dieses Gesicht nur noch grinsen. Den ganzen Tag. Und den nächsten auch. Wahrscheinlich geht das noch Jahre so.

Boyd ist einer der "crazy canucks", die in den 80ern den Weltcup mit wildem Fahrstil und immenser Partykondition prägten. Heute lebt der Mann mit der Kleiderschrankstatur in Whistler, führt das nationale Freeride-Team und weiß, wohin die Entwicklung gehen wird: "Whistler wird nicht mehr nur für Skifahren stehen, sondern für Wintersport allgemein."

Sprungschanzen, Bob- und Rodelbahnen, Loipen, Langlaufstadion, olympisches Dorf, all das muss noch gebaut werden, ein paar Kilometer talwärts im Callaghan Valley. Mit 115 Hotels (rund 20.000 Betten) ist das autofreie 9000-Einwohner-Dorf für die alpinen Wettbewerbe gut versorgt; die Austragung von Ski-, Snowboard-, Mountainbike- und Trickski-Weltcups hat dort bereits Tradition.

Erst 1966 vom Norweger Franz Wilhelmsen gegründet, erhält Whistler seit Jahren Auszeichnungen als größtes und bestes Skigebiet Nordamerikas: mit 1600 Höhenmetern die einzige "vertikale Meile" des Kontinents, 200 markierte Pisten, im Schnitt neun Meter Schnee und zwei Millionen Besucher im Jahr. Hier erlebt man selbst im Sommer Skitage, wie sonst nirgends in den Alpen.

Mit Hartmetall in die Steilwände

Es beginnt harmlos. Die Urlauber, die eben noch mit dem Mountainbike an der Hand die Olympia-Entscheidung auf dem Hauptplatz verfolgt haben, sind schon wieder aktiv: das Rad rein in den Lift, rauf zum sprung- und kurvenreichen Bike-Parcours. Einige gehen zum Bungee oder auf Ziptrek-Tour, hängen sich per Karabiner ans Drahtseil und fliegen über eine Schlucht.

"Voraussetzungen: keine. Schwindelfreiheit: von Vorteil", heißt es lapidar. Auch an der Talstation wähnt man sich mehr im Zirkus: Trampolin, Kletterturm, Trapez - mit Skiern kommt man sich fast spießig vor. Auf der Fahrt hinauf: eine Wassersprungschanze für Ski-Akrobaten, eine dreiköpfige Schwarzbären-Familie neben der Sommerrodelbahn - fehlt nur noch der Yeti.

Oben ist es zwar ziemlich kalt, aber immer noch grün. Zum Ski fahren geht es weiter mit dem Bus zum "Seventh heaven", während der Fahrer im kurzen Hawaii-Hemd eine Totenkopffahne flattern und Speed Metal in Tinitus-Lautstärke laufen lässt. Das dumpfe Gefühl, Teil eines Extremsport-Videos zu sein, festigt sich auf dem Gletscher: Buckelpisten, Steilwände, Schanzen in den verschiedensten Größen und alles, was Trickskifahrer sonst noch so brauchen.

Wer hier nicht mindestens rückwärts über den Kicker hüpft, gehört nicht dazu. Wer aber bei den Chefs der Freestyle-Camps nachfragt, darf sich in den Buckelbergen versuchen und versteht allmählich, warum Kanadier nicht so gerne Kurven fahren.

Millionärs-Ghetto

Ein wenig haben sie sich in Whistler schon geärgert, dass die Bewerbung nur unter "Vancouver" lief, finden doch bis auf Snowboard, Freestyle und Eissport alle Wettkämpfe 125 Kilometer entfernt in den Bergen statt. Doch die Bewohner des gerne als Millionärs-Ghetto titulierten Vier-Jahreszeiten-Resorts gingen nach der frohen Botschaft aus Prag bald wieder zum normalen Leben über. Noch sind die Pubs eher mäßig ausgelastet. Olympische Spiele und Weltcups, das ist Whistler-Niveau und entspricht dem eigenen Anspruch.

Weiter unten im Tal erhofft man sich viel von den Spielen. Während in Whistler wohl nur ein neues Hotel entsteht, könnte das Städtchen Squamish dank seiner Lage zwischen Whistler und Vancouver vom erhöhten Verkehrsaufkommen profitieren. Derzeit kommen Touristen vor allem im Januar, wenn dort bis zu 300 Seeadler auf Lachsjagd gehen. Doch die Blechlawinen bereiten Kummer, waren sogar fast ein K.O.-Kriterium bei der Bewerbung.

Killer-Highway

"Sea to sky games" sollen es ja werden, und das Bild von einer Fahrt in den Himmel ist angesichts der wunderschönen Szenerie zwischen Vancouver und Whistler durchaus treffend. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt, zunächst entlang einer hufeisenförmigen Bucht, bevor es hinauf in die spektakuläre Welt der Coast Mountains geht, einem Ausläufer der Rockies. Doch so spektakulär die Landschaft auch ist, der Highway 99 trägt einen unschönen Beinamen: Killer-Highway.

Vor allem auf dem Heimweg vom Skifahren kommt es auf der oft nur zweispurigen Landstraße häufig zu Unfällen. Der bereits begonnene Ausbau auf vier Spuren soll die Fahrzeit um eine Stunde verkürzen, wird aber auch rund 400.000 Euro kosten.

Die Begeisterung für das Projekt 2010 hat Grenzen. Eine Milliarde Euro steckt im Organisationsetat, weitere 400 Millionen Euro wird der Bau der Sportstätten verschlingen, eine Schnellbahn vom Flughafen in die City wird ebenfalls benötigt - Steuergelder, die mancher lieber für Bildung und Soziales ausgegeben hätte. Ende 2002 hatte noch ein Viertel der Bevölkerung gegen eine Bewerbung gestimmt, kurz vor der Entscheidung gab es in der Geburtsstadt von Greenpeace nur eine Zweidrittel-Mehrheit für die Spiele, die natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor sind.

Gefahr lebendes Museum

2002 machte Salt Lake City 160 Million Dollar Gewinn. Bislang gilt Vancouver in dieser Hinsicht als Mauerblümchen, die großen Firmen sitzen in Toronto und Edmonton. Kritiker bescheinigen der Zwei-Millionen-Stadt eine gewisse Selbstgefälligkeit und warnen vor dem Venedig-Effekt: Die Besucher strömen, die jungen Menschen ziehen weg, die attraktive, aber immer teurere City verkommt zum lebenden Museum - eine Entwicklung, wie sie zuletzt San Francisco durchmachte.

Viele sehen in den 17 Tagen der Olympischen Spiele aber auch eine Chance, wie sie sich zuletzt 1986 bot: Die Weltausstellung zog 22 Millionen Menschen an, verwandelte das Industrieviertel an der False Creek in ein modernes Schmuckstück, das ein Milliardär aus Hongkong komplett kaufte.

Überhaupt gilt Vancouver als Hollywood Nord: Michael Douglas hat ein Häuschen mit Blick auf die Bucht, Phil Collins und Bryan Adams auch. Ist ja auch verdammt schön hier: mildes Klima dank eines Ozeanstroms aus Japan und warmer Luft aus Hawaii, neun Flugstunden bis Peking, neun bis London, 2700 Kilometer Küste allein in der Provinz British Columbia, bis zum Naturparadies Vancouver Island braucht das Wasserflugzeug von der Stadt aus nur eine halbe Stunde.

Die überschaubare Innenstadt bietet hohe Lebensqualität und die unterschiedlichsten Viertel: Galerien und kühle New Economy in Yaletown, eine wepsige Chinatown, eine Touristen-Ecke in der historischen Gastown, die Früher-Hippie-jetzt-Yuppie-Szene an den Stränden von Kitsilano, die eitle Flaniermeile Robson Street, den bunten Jahrmarkt von Granville Island, die Schwulen- und Lesben-Szene im Westend, viel Natur im riesigen Stanley Park - und das alles vor der Kulisse der mittelgebirgshohen Mount Seymour, Grouse Mountain und Cypress Hill, wo Snowboarder und Freestyler um die Medaillen streiten werden. Mit dem Blick von dort oben begann Vancouvers 2010-Bewerbungsfilm, Musik: Bryan Adams. Immerhin.