bedeckt München

Hintergrund:Flasche voll

Wein spielt für Tourismus-Regionen eine zentrale Rolle. Und auch Winzer können mittlerweile durch gastronomische Angebote und Übernachtungsmöglichkeiten auf ihren Weingütern ein zusätzliches Einkommen erwirtschaften.

Von Stefan Fischer

Georgien ist, was Menge und Qualität seiner Weine anbelangt, eher unbedeutend. Doch hat hier einst alles begonnen: Im Südkaukasus wurden bereits vor 7000 Jahren Reben angepflanzt. Auf diese Wurzeln hat sich die World Tourism Organization der Vereinten Nationen bezogen, als sie dort unlängst ihre erste globale Konferenz über Weintourismus veranstaltet hat mit Teilnehmern aus 50 Staaten. Der Wein sei im vergangenen Jahrzehnt in eine Schlüsselrolle im Tourismus hineingewachsen, heißt es in einem Communiqué der Weltorganisation für Tourismus, er sei für Reiseziele zu einer wichtigen Säule geworden bei der Spezifizierung von Urlaubsangeboten.

Der Weinbau prägt Landschaft und Lebensgefühl. Das lässt sich vermarkten

Wer einen guten Riesling dort kennenlernen möchte, wo er hergestellt wird, muss eben an den Rhein, in die Wachau oder ins Elsass. In Baden-Württemberg wurden vor drei Wochen erstmals 47 "empfohlene Weinhotels" prämiert. Bei der Überreichung der ersten Urkunden sagte Guido Wolf, als Minister in Baden-Württemberg auch für den Tourismus verantwortlich: "Der Weinbau prägt Landschaft und Lebensgefühl." Dies müsse touristisch vermarktet werden. In der Moselregion etwa bringt der Weintourismus jährlich eine halbe Milliarde Euro ein.

Frankreich, der zweitgrößte Weinproduzent nach Italien, zählt jährlich 7,5 Millionen Touristen, die ganz wesentlich des Weines wegen kommen. Das französische Fremdenverkehrsamt unterscheidet dabei vier Kategorien von Urlaubern: Genussmenschen, die gerne Weingüter besuchen, dort verkosten und dann auch kaufen - sie bilden die größte Gruppe mit 40 Prozent der Weintouristen. Dann die Klassiker, ein Viertel dieser Urlauber, sie erkunden gerne eine Region, wozu für sie unbedingt auch die Weine gehören. Dann jenes Fünftel der Forscher, für die der Wein der Hauptgrund für die Reise ist. Die sind auf dem besten Weg, in die vierte Gruppe aufzusteigen, die der Experten. Mehr als 200 Euro geben diese 7,5 Millionen Touristen pro Kopf für Weine aus, indem sie Flaschen kaufen und ihn bei Verkostungen sowie Lehrgängen trinken. Und immerhin 40 Prozent der Weintouristen sind Ausländer, voran Belgier und Briten, dann Niederländer und Deutsche. In Bordeaux ist die Cité du Vin errichtet worden; dieses großzügige Ausstellungszentrum, untergebracht in einem spektakulären Neubau in Form eines Dekanters, soll künftig allein 400 000 Besucher im Jahr anziehen.

Christian Rümmelein hat sich als Geschäftsführer von Vintour auf Weinreisen spezialisiert. Er hat festgestellt, dass Winzer durch gastronomische Angebote und Übernachtungsmöglichkeiten auf ihren Weingütern vermehrt ein zusätzliches Einkommen erwirtschaften. Rümmelein hat es mit einer sehr kundigen Kundschaft zu tun, die auf einen Spezialreiseveranstalter mitunter gar nicht mehr angewiesen ist. "Je weiter weg die Reise führt, desto eher kommen wir ins Geschäft." Informationen über gute Weine seien heute zugänglicher als noch vor einem Jahrzehnt. Und sie werden von vielen Leuten genutzt.

© SZ vom 27.10.2016
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