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Ende der Reise:Verliebt, verlobt, vereinsamt

Die Menschen reisen wieder. Das ist ihr gutes Recht. Und doch ein Privileg, auch wenn einige es für selbstverständlich ansehen.

Von Stefan Fischer

Die Menschen reisen wieder. Das ist ihr gutes Recht. Und doch ein Privileg, auch wenn einige es für selbstverständlich ansehen und sich die Existenz einer UN-Urlauberrechte-Charta einreden. Paragraf 1: Jeder säuft, so viel er kann, und knutscht auch mit dem Nebenmann. Paragraf 2: Wenn noch Sand zu sehen ist, ist auch noch Platz am Strand. Absatz b: Raum für alle ist selbst in der kleinsten Bergbahn. Paragraf 3: Wem das nicht passt, der soll zu Hause bleiben oder, wenn er in Barcelona oder am Wolfgangsee zu Hause ist, wegziehen.

Nun kommen auf jeden urlaubenden Unhold zehn Menschen, die ihre Ferien manierlich verbringen. Im Fokus stehen jedoch die Reisen, die aus dem Ruder laufen. Die unternommen werden aus niedersten Beweggründen: zur eigenen Belustigung, ohne Rücksicht.

Während diejenigen, die aus dem hehrsten Ziel reisen möchten, dies oftmals nicht können, nicht dürfen.

Unter #LoveIsNotTourism formiert sich eine Bewegung Liebender, die seit Monaten von ihren Partnern getrennt sind. Die Angelegenheit liegt inzwischen auf dem Schreibtisch von Innenminister Seehofer, der sich auch nicht sicher sein kann, dass es Berlin nicht so geht wie unlängst Gütersloh und die Stadt komplett abgeriegelt wird, sollte sich die Anti-Corona-Demonstration vom Samstag als Superspreader-Veranstaltung entpuppen. An eine Rückkehr nach Ingolstadt wäre dann erst einmal nicht zu denken.

Von Beziehungen über Kontinente hinweg ganz zu schweigen. Da sitzen die einen nun in Deutschland, die anderen in Brasilien, Thailand oder Dubai im emotionalen Ausnahmezustand und verzehren sich nacheinander. Keiner bekommt ein Visum, um den anderen zu besuchen, oder müsste in Quarantäne, bis alle freien Tage aufgebraucht sind. Seehofer wünscht sich eine europäische Lösung, wobei einige Nachbarstaaten für sich längst eine gefunden haben. Es wird Zeit, dass Minister an Flughäfen nicht nur Schutzmasken in Empfang nehmen. Sondern Menschen willkommen heißen. Vielleicht sogar mit roten Rosen.

© SZ vom 06.08.2020
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