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Ende der Reise:Urlaub fürs Immunsystem

Thermen- und Saunen-Ranking

Noch schnell in die Therme? Was Anfang der Woche noch möglich schien als Ausweich-Urlaubsziel, ist jetzt schon vielerorts nicht mehr möglich.

(Foto: obs)

VIP-Terminals am Flughafen, Detox im Wellnesshotel: Gerade noch hoffte die Branche, mit besonderen Angeboten "eine Formel gegen die allgemeine Verunsicherung" entwickelt zu haben.

Sieht man einmal von den vielen Millionen Urlaubern ab, die sich unter normalen Umständen sommers Handtuch an Handtuch um das Mittelmeer herum sonnen und abends am All-you-can-eat-Büfett verkohlte Schweinenackensteaks auf die Teller laden und literweise Bier in die Gläser füllen, gibt es zwei mächtige Trends im Tourismus: Die Menschen wollen für sich sein und sie wollen etwas für ihre Gesundheit tun. Weder Chaletdörfer noch Wellnesshotels können schnell genug gebaut werden, um der Nachfrage Herr zu werden. Und die Plätze fürs Digital-Detox-Wochenende sind schneller weg als die Karten für ein Champions-League-Finale.

Die Ferien sind für viele Menschen eben die schönste Zeit im Jahr. Und wer hätte sich nicht hin und wieder einmal gewünscht, dass sich auch der Alltag so anfühlt wie ein Urlaub? Ein kleines bisschen zumindest? Bei derlei Gedankenspielen hat jedoch niemand die aktuelle Situation zwischen Reiseverboten und Heimquarantäne im Sinn gehabt. Zwar ziehen sich die Menschen zurück und sehen zu, dass sie ihre Gesundheit fördern, ganz als würden Urlaubsträume wahr. Doch von Erholung und Entspannung, von der Leichtigkeit und den Abenteuern freier Tage keine Spur. Und: Verdient ist für Hoteliers und Reiseveranstalter auch nichts daran. Oder doch? Kann, wer es raffiniert anstellt, nicht ganz einfach zum Krisengewinnler werden? Was vor allem dann besonders elegant aussieht, wenn man dabei auch noch als Wohltäter dasteht. Ein Hotel, ach was: Hotel - ein Hideaway in Österreich, das als "Gesundheits- und Wohlfühlresort" nur Frauen offen steht, hat flugs "eine Formel gegen die allgemeine Verunsicherung" entwickelt, so die Verlautbarung, einen "schnellen" und sicher auch harten, ganz und gar unbarmherzigen "Abwehr-Kick" gegen das Coronavirus. Die Stimulierung von Lymphen und Energiepunkten, dazu spezielle Massagetechniken sollen das Immunsystem stärken.

Die Abwehrkräfte aufzumöbeln ist grundsätzlich eine gute Sache. Doch selbst wenn sie noch hingelangen könnten: Zwei Nächte im Waldviertel helfen Frauen vermutlich so viel wie eine virendurchlässige Atemschutzmaske. In anderen Hotels schwören sie derweil darauf, dass Gesundheit im Darm beginnt, und werben mit basischen Diäten explizit um Corona-Besorgte, denen die Bundesregierung aber gerade die Anreise versagt. Ein Luxus-Reiseveranstalter wiederum meint, die aktuelle Pandemie sei der richtige Anlass, um seine Reisen im Privatjet zu buchen, für 65 000 Euro nach Südamerika etwa. Wer sich von einer Limousine abholen lässt, wem die VIP-Terminals der Flughäfen offen stehen und wer in den "bestmöglichen Zimmern in den bestmöglichen Hotels" schläft, sollte ausreichend abgeschottet sein von der Welt. Einen Haken gibt es, das räumt der Veranstalter ein: "Es ist nicht für jedermann erschwinglich." Aber: hey! Vielleicht sollte, wer so denkt, noch Geld draufpacken, um sich von Elon Musk auf den Mond schießen zu lassen? Sicher ist sicher.

© SZ vom 19.03.2020
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