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Ende der Reise:Touristen-Terrarien

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Spanien plant sogenannte Tourismuskorridore auf die Kanaren und die Balearen. Korrekt müsste man allerdings von Sackgassen sprechen.

Von Stefan Fischer

Wer nun hinter Glas kommt, das ist noch nicht ganz raus. Aber wenn man sich die aktuellen Bemühungen ansieht, den internationalen Tourismus irgendwie aufrechtzuerhalten, dann scheint das Prinzip Zoo von immer mehr Entscheidungsbefugten als Modell ernsthaft in Erwägung gezogen zu werden. Es heißt dann nur anders.

Aber es läuft aufs Gleiche hinaus: "Meet the Locals", also die von den Touristen erzwungene Verbrüderung mit den Einheimischen - zuletzt das große Ding im Vor-Corona-Urlaub -, ist längst so verpönt wie das Besichtigen von Kirchen in Badeshorts. Besucher und Bewohner sollen sich inzwischen unter gar keinen Umständen nahekommen. An Konzepten wird längst gefeilt - und es gibt ja durchaus Erfahrungen, auf denen man aufbauen kann. Die Ghettoisierung von Urlaubern klappt beispielsweise in türkischen All-inclusive-Hotels oder in Retortenorten wie Benidorm und Bibione schon seit alters her ziemlich gut.

Die spanische Zentralregierung etwa plant nun sogenannte Tourismuskorridore auf die Kanaren und die Balearen. Korrekt müsste man allerdings von Sackgassen sprechen: Kern der Strategie ist es, alle Urlauber kurz vor ihrer Heimreise zu testen. Wer infiziert ist mit dem Virus, muss auf der Insel bleiben - der spanische Staat regelt die Unterbringung. Das werden nicht wenige sein, und so ist das eine perfide Art, um an Langzeiturlauber und Überwinterungsgäste zu kommen. Da sie ihr Quartier nicht selbst wählen können, lassen sie sich leicht von den Einheimischen separieren.

Aber es gibt eben auch Urlauber, die etwas sehen wollen vom Land, das sie bereisen. Noch radikalere Pläne kursieren deshalb in Thailand. Dort gibt es die Überlegung, für Touristen Straßen freizugeben, die Einheimische nicht benutzen dürfen - und den Urlaubern wiederum zu untersagen, diese Wege zu verlassen. Das kommt dem Zoo-Gedanken schon ziemlich nahe: Die beiden Gruppen könnten sich dann aus sicherer Entfernung gegenseitig begaffen. Das hat natürlich Anflüge von einem Apartheidsystem - aber seit wann interessiert sich die Masse der Urlauber für die politische Situation im Gastland?

Insofern: Warum gibt es nur zwischen Kundin und Kassiererin Plexiglasscheiben? Und nicht auch quer durch Fußgängerzonen zwischen den Einheimischen und den Besuchern? Zwischen den West- und Ostflügeln von Schlössern, den Sälen in Museen? Hier die einen, dort drüben die anderen. Alles kann ohnehin kein Mensch besichtigen.

Womöglich ist es auch an der Zeit, eine Idee wieder aufzugreifen, die im Frühjahr bereits einmal in Italien verfolgt worden ist. Dort wurde an Stränden experimentiert mit einer Art Touristen-Terrarien. Das Ganze als mobile Variante, als Rollator mit durchsichtiger Außenhülle und einer Schleuse, um beispielsweise einen Sangriaeimer keimfrei hindurchzureichen - schon können wieder alle gleichzeitig an die Adria, nach Barcelona - oder Nürnberg: Wärmt den Glühwein schon mal auf!

© SZ vom 22.10.2020
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