Die Anhänger Zarathustras in Iran Hüter des Feuers

Der Zoroastrismus ist eine von Irans vier anerkannten Religionen. Er ist älter als der Islam. Ein Priester erklärt die drei Grundpfeiler seines Glaubens: gut denken, gut reden, gut handeln.

Von Sven Weniger

Oft sind große Wahrheiten verblüffend einfach. "Eine Minute gut denken ist besser als siebzig Jahre beten", sagt Behsad Nikdin und lächelt dem Besucher ins Gesicht. Ein Satz wie Donnerhall aus dem Mund eines Priesters. Und doch die Essenz einer Religion, deren Stifter die meisten von uns nur als mystischen Namen kennen aus dem Werk Friedrich Nietzsches und als Symphonie von Richard Strauss: Zarathustra. Behsad Nikdin, 58 Jahre, grauer Bart, ganz in Weiß gekleidet, mit typisch runder Kappe auf dem Haar, ist Zoroastrier. In Isfahan in Iran betreut er den örtlichen Feuertempel, den Versammlungsort jeder Gemeinde. Er ist Ansprechpartner, besucht Kranke und empfängt Touristen aus dem Ausland zum Gedankenaustausch, die mehr wissen wollen über die vorislamische Religion Irans. Ein Diener sei er, so Nikdin, predigen tue er nicht, getreu dem Dreiklang des zoroastrischen Glaubens: Gut denken, gut reden, gut handeln. "Wer das tut", sagt er wieder lächelnd, "braucht keine Religion." Die sei nur für Menschen ohne Orientierung. Ein Gedanke, der Nietzsche gefallen haben dürfte.

In den Türmen des Schweigens legten sie ihre Toten ab, bis Schah Reza dies untersagte

In Iran, nach Indien das Land mit den meisten Anhängern Zarathustras, ist der Religionsstifter häufig präsent. Vor allem dank des Faravahars, einer menschlichen Gestalt mit bärtigem Antlitz, mit ausgebreiteten Flügeln, Schwanzfedern, die als Symbol des menschlichen Geistes und zugleich des zoroastrischen Glaubens gilt. Man sieht den Faravahar als Emblem an Feuertempeln und Hauswänden, auf altpersischen Reliefs in Persepolis, man findet ihn in antiken Dokumenten, im Staatswappen Irans vor der Revolution. Vor 3755 Jahren sei Zarathustra im Grenzgebiet zu Afghanistan geboren worden, datiert Behsad Nikdin präzise. Historiker sind sich da nicht ganz so sicher. Der Legende des auf Bildern stets milde blickenden Mannes tut das keinen Abbruch.

Zum Mythos trägt nicht nur bei, dass man Zoroastriker selten trifft in Iran, sie tragen ihren Glauben nicht nach außen. Behsad Nikdin ist die Ausnahme. Auch ihre Gebräuche muten exotisch an. Das zeigt der Besuch von Yazd. Die Stadt liegt im von Wüsten geprägten zentralen Hochland dreihundert Kilometer östlich von Isfahan und ist das Zentrum des Zoroastrismus weltweit. Dank seiner uralten Lehmarchitektur, seiner Windtürme und Wasserkanäle ist Yazd zugleich Weltkulturerbe.

Vor den Toren der Oasenstadt steigt Amid Ahmadi eine felsige Anhöhe hinauf, die von einer hohen Rundmauer gekrönt wird. Der Ort ist einer der letzten Türme des Schweigens in Yazd, "wo wir jahrtausendelang unsere Toten bestatteten", sagt der junge Zoroastrier, der als Tourguide arbeitet. "Uns sind Erde, Wasser, Luft und Feuer heilig, sie dürfen nicht beschmutzt werden. Daher wurden die Toten hier oben auf dem gepflasterten Boden nackt abgelegt, damit die Geier sie verzehren konnten." Die hohe Mauer bewahrte die sterblichen Überreste davor, von Tieren weggeschleppt zu werden. Nur die Geier fraßen von ihnen und flogen danach weg, ohne nach zoroastrischem Verständnis die Elemente zu verunreinigen. Helfer kehrten danach die Knochen in eine Grube in der Mitte des Kreises.

Amid weist hinab in die Ebene. Am Fuß der Anhöhe liegt heute der größte zoroastrische Friedhof der Welt mit etwa tausend Gräbern. "Bis in die 1930er-Jahre hielt der Brauch", erklärt er, "dann verbot Schah Reza ihn aus hygienischen Gründen." Behsad Nikdin und Amid Ahmadi versichern aber, dass Zoroastrier heute frei ihren Glauben leben können. "Zoroastrismus ist neben dem Islam, Christen- und Judentum eine der vier anerkannten Religionen in Iran", sagt der Priester. Bis zu dreißigtausend Zoroastrier gebe es im Land, Tendenz steigend. "Aber jeder, der sich in unseren Grundsätzen erkennt, ist willkommen. Daher gibt es keine eindeutige Zahl." Gerade für junge Iraner sei er eine starke Alternative zum Staatsislam, sagt Amid. In der Provinz Yazd gebe es viele Gemeinden wie sein eigenes Dorf Mazra-e Kalantar, in denen Muslime und Zoroastrier in Harmonie zusammenlebten und den Sadeh gemeinsam feierten, eine Art Winterfest mit riesigen offenen Lagerfeuern.

Feuer, das wichtigste der für Reinheit stehenden Elemente, brennt auch im In-nersten jedes Feuertempels. Meist hinter Glas schmurgeln glühende Holzscheite in einem Kelch vor sich hin. Feuertempel, eher schlichte Gebäude ohne sakrale Attitüde, bewahren vor allem die Erinnerung zoroastrischen Gemeindelebens. Fotogalerien von Mitgliedern und Festen, Lesekopien des Avesta, des heiligen Buchs des Zoroastrismus, Bildnisse des Religionsstifters. So ist es auch im Feuertempel von Yazd, dem wichtigsten im Iran und einem, so heißt es, in dem das Feuer seit Jahrhunderten nicht erloschen sei. Bedeutender ist nur noch der Tempel von Chak Chak, der heilige Schrein. Der liegt eine Autostunde nördlich der Stadt. Mit Amid geht es dorthin.

Zal Izadi sitzt auf seinem Klappstuhl im Schatten der Arkade. Er schaut hinab auf ein Tal, das nur Geier bewohnen. Wie ein Schwalbennest klebt das Ensemble eng gedrängter Häuser in der Felswand. Darüber und darunter nur senkrechter Berg. Die Höhenzüge, die hitzeflirrende Luft, das staubtrockene Tal, alles ist beige. Zal Izadi, 65 Jahre, ist allein hier in absoluter Stille. Er ist der Hüter des Feuers in Chak Chak. Hierhin flüchtete sich der Legende nach Nikbanou, Tochter des letzten zoroastrischen Sassanidenherrschers, im Jahr 640 nach Christus vor den muslimischen Invasoren und flehte um Hilfe von Ahura Mazda, dem Schöpfergott der Zoroastrier. Der Berg öffnete sich, Nikbanou trat ein und war gerettet. Nur wenige Schritte von Zal Izadi entfernt windet sich ein gewaltiger Baum aus dem Fels und wölbt sich über ein Tor aus Bronze. Dahinter eine Grotte im Dämmerlicht und der Hall von Wassertropfen, die von der Decke auf den polierten Boden fallen, pausenlos, tropf, tropf, chak chak auf Persisch, daher der Name des Ortes.

Morgens um sechs entzündet Izadi Holzscheite im zwölfarmigen Kelch in der Mitte der Grotte. Vor der Felswand steht auch ein Leuchter mit drei ewigen Lichtern, die der Hüter des Feuers regelmäßig mit Öl befüllt. Nur im Juni kommt für vier Tage Leben in die Einöde. Dann strömen Tausende Zoroastrier aus aller Welt zum jährlichen Pilgertreffen nach Chak Chak. Es sind die einzigen Tage im Jahr, an denen nur Zoroastrier Chak Chak betreten dürfen. Dann werden auch Hilfsprojekte besprochen, die wohlhabende Gläubige aus der Diaspora finanzieren. Auch der Schrein ist nämlich kein Bethaus im religiösen Sinne, sondern ein Ort des Zusammentreffens - und der Erinnerung an einen weisen Mann.

Reiseinformationen

An- und Einreise: z. B. mit Turkish Airlines, oder Austrian nach Teheran. Ab Teheran täglich Flüge nach Yazd. Für die Einreise nach Iran ist ein Visum erforderlich, das online bei der Botschaft in Berlin beantragt werden kann. Bei organisierten Reisen übernimmt der Veranstalter die Anträge.

Bezahlen im Land: Wegen des Handelsembargos gegen Iran kann man keine Kreditkarten nutzen. Alles (z. B. Hotels, Restaurants, Tickets) muss bar bezahlt werden. Reisende können Euro einführen und in Wechselstuben in Rial tauschen. Die iranische Melli Bank (https://bmi.ir) gibt eine Tourist Card aus, die in einigen Filialen gegen Vorlage von Visum und Pass mit Euro bezahlt und in Rial aufgeladen wird. Diese wird dann fast überall akzeptiert. Nicht genutzte Guthaben können zurückgetauscht werden.

Unterkunft: Arg-e Jadid: modernes Hotel am Stadtrand, DZ ab 100 Euro, www.yazdarghotel.com. Moshir-al-Mamalek: historisches Stadtpalais mit Parkzugang, DZ ab 90 Euro, www.hotelgardenmoshir.com.

Kommunikation: Alleinreisende können sich mit Einheimischen nur sehr beschränkt verständigen. Englisch wird wenig gesprochen. Internet und Email arbeiten in den meisten Hotels gut.

Informationen: Studiosus hat mehrere Iranreisen mit Yazd als Station im Programm, zum Beispiel "Iran - Höhepunkte" 10 Tage inkl. Flug ab 2195 Euro, www.studiosus.com.