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Das Reich der Mitte abseits der Massen:Gegen den Strom und gegen die Uhr

Chinareisende sollten wissen, dass sie den Zauber Guilins oder die Dimension der großen Mauer mit vielen Menschen teilen müssen. Zehn Tipps, wie und wo man - noch - den Massen entgehen kann.

Es heißt, in China sei zwar alles interessant, aber kaum etwas schön. Kulturrevolution und dreißig Jahre rapider Wirtschaftsaufschwung haben das Land einmal auf den Kopf gestellt, durchgeschüttelt und dann mit Beton und Leuchtreklamen neu aufgebaut. Dieser Prozess ist zwar für sich in der Weltgeschichte einzigartig und damit sehenswert, hat aber mit dem, was der von toskanischen Hügeln und thailändischen Stränden verwöhnte westliche Urlauber unter "schön" versteht, nicht viel zu tun. Philipp Mattheis lebt und arbeitet seit vier Jahren in China, und nach vielen Reisen kann er dieses Vorurteil nur bedingt bestätigen. Sein Fazit: Es gibt wunderschöne Flecken in China - wie könnte es auch anders sein in einem Land, das flächenmäßig so groß ist wie ganz Europa. Das Problem mit den wunderschönen Flecken in China ist nur: Das finden Millionen anderer Menschen auch.

1 Yangshuo, Guangxi

Die Karstlandschaft rund um Guilin ist weltberühmt. Als hätte sie ein Maler in die Landschaft geworfen, so erheben sich die grünen Berge aus den Reisterrassen, auf denen teilnahmslos Wasserbüffel grasen. Zwischen ihnen hindurch schlängelt sich der Li, auf dem vollbepackte Touristenboote rauf und runter schippern. Besser ist es erstens, nicht in Guilin, sondern im fünfzig Kilometer entfernten Yangshuo zu übernachten. Die Innenstadt kann zwar am Abend auch beklemmend überlaufen sein, aber rund um Yangshuo gibt es zahlreiche kleine Hotels, die man mit dem Fahrrad in zwanzig Minuten erreichen kann. (Eines davon ist das "Yangshuo Outside Inn", ein renoviertes Bauernhaus.) Mit demselben Fortbewegungsmittel fährt man flussaufwärts und lässt dort die Räder auf ein Bambusfloß schnallen und sich in Ruhe zurücktreiben.

2 Große Mauer, Peking

An der Großen Mauer kommt man als Tourist, und eigentlich auch als Mensch, nur schwer vorbei. An den zehntausend Besuchern, die im Gänsemarsch darauf marschieren, leider ebenso wenig. Wer alleine - oder zumindest mit nicht ganz so vielen Menschen - auf der Mauer spazieren will, nimmt nicht den Bus, sondern ein Taxi und fährt zum Beispiel nach Simatai, einem etwas weiter entfernt gelegenen Mauer-Abschnitt. Das kostet hin und zurück nicht mehr als 100 Euro. Weiterer Vorteil: Man muss sich nicht um sechs Uhr früh aus dem Bett quälen, sondern kann fahren, wann man möchte.

3 Kashgar, Karakorum Highway, Xinjiang

Während durch die Siedlungspolitik Pekings die Uiguren in ihrer offiziellen Hauptstadt Urumqi zur Minderheit geworden sind, ist Kashgar das eigentliche Zentrum der uigurischen Kultur. Chinesische Touristen verschlägt es nur wenige an den westlichen Rand des Reiches. Dass man überhaupt noch in China ist, lässt sich leicht vergessen: In der 2000 Jahre alten Oasenstadt trifft man dafür auf Pakistani, Afghanen, Tadschiken, Usbeken und Russen. Richtig einsam wird es auf dem Karakorum-Highway, der einzigen Verbindungsstraße zwischen China und Pakistan. Der Weg führt auf 3300 Meter Höhe durch eine magische Mondlandschaft zur Grenzstadt Tashkurgan, wo die wenigen Touristen in Jurten übernachten können. Die Fahrt dort hinauf dauert etwa sechs Stunden.

4 Wasserdorf Zhujiajiao bei Shanghai

Keine 30 Kilometer von der Stadtgrenze Shanghais entfernt liegt Zhujiajiao ("Dschu-djia-djiao"). Pittoreske Kanäle durchziehen den historischen Stadtkern, in dem Händler Tee-Tassen und geräucherte Schweinefüße anbieten. 36 steinerne Brücken führen über das trübe Wasser. Tagsüber schiebt sich ein dichter Touristenstrom durch das Dorf. Gegen 18 Uhr aber leeren sich die Straßen von Zhujiajiao und bleiben es für die nächsten 14 Stunden. Im Hostel Caotang, einem traditionellen Haus, kann man stilgerecht übernachten.

5 Geisterstadt Kangbashi, Innere Mongolei

Für die meisten Menschen ist es ein Alptraum, für manche ein Traum: Sie wachen eines Morgens auf, und alle Menschen sind weg. Kangbashi, so heißt der neue Bezirk der Stadt Ordos, kommt diesem Gefühl sehr nahe. Bis 2012 verdienten dort viele Leute sehr viel Geld in Kohleminen. Die Stadtverwaltung war der Meinung, die Stadt würde sicherlich bald wachsen und baute eine neue Stadt für mehr als eine Million Menschen. Dann fielen die Kohlepreise, die lokale Wirtschaft brach zusammen, die Leute kamen nicht mehr. Heute wohnen keine 100 000 Menschen in Kangbashi. Das heißt: Leere Einkaufszentren, leere Museen, leere Straßen, leere Häuser und über allem der weite mongolische Himmel. Ein Zimmer in einem Fünf-Sterne-Hotel kostet in Kangbashi etwa 50 Euro. Dafür ist man auch der einzige Gast.

6 Dali, Yunnan

Yunnan ist die wahrscheinlich schönste Provinz Chinas. Die bergige Provinz zwischen Tibet und Myanmar ist gleichzeitig die vielseitigste: Die meisten der 55 offiziell anerkannten Minderheiten Chinas leben hier, ebenso wie zahlreiche Wildtiere. Dali, etwa 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kunming, hat eine der besterhaltenen Altstädte Chinas, und ist gleichzeitig so etwas wie die Hippie-Kapitale des Landes. Tagsüber drängeln sich Reisegruppen durch die Gassen der Stadt. Abends treffen sich Abhänger und Hängengebliebene in den zahlreichen Bars, um Gitarre zu spielen, zu kiffen und Tequila zu trinken. Ruhiger wird es in den kleinen Dörfern rund um den Erhai-See.

7 Gulangyu, Fujian

Nach dem ersten Opium-Krieg erstritten sich die Engländer mehrere Freihäfen vom chinesischen Kaiser. Einer davon war das Fischerdorf Hongkong, ein anderer die Insel Gulangyu in der Provinz Fujian. Briten, Franzosen, Russen und Amerikaner errichteten hier ihre Handelsniederlassungen, weshalb die kleine Insel vollgepackt ist mit viktorianischen Prachtbauten - leider auch mit Reiseführern, die ihre Gruppen mit Megafonen zusammenbrüllen und hektisch Fahnen schwenken. Hinzu kommt, dass die Regierung Gulangyu mit einem AAAAA-Rating ausgestattet hat - die höchste touristische Auszeichnung innerhalb Chinas. Die Restaurants haben sich auf Einweg-Gäste eingestellt, und sind dementsprechend mies. Einzige Möglichkeit, die Insel zu genießen: den Tag in der gegenüberliegenden Metropole Xiamen verbringen, spätabends zurückkehren und in einem der Kolonial-Hotels übernachten.

8 Bifengxia, Sichuan

Die Provinz Sichuan, ein Hochplateau an der Grenze zu Tibet, ist das Panda-Land. Alle der letzten verbliebenen rund 1600 Tiere leben in dieser Provinz, in 40 eigens für die Tiere eingerichteten Reservaten. In der Hauptstadt Chengdu gibt es eine Brut-Station und einen Zoo mit jungen Pandas. Der Zoo, in dem die kleinen Bären wie Fallobst auf Bäumen herumhängen, lohnt einen Besuch. Etwa zwei Stunden entfernt, in Bifengxia, aber liegt das größte Panda-Gehege der Welt. Gegen eine Gebühr von etwa 50 Euro kann man einen Tag lang eines dieser tollpatschigen Viecher pflegen.

9 Lugu-See, Yunnan

Sieben Stunden mit dem Bus braucht man von Lijiang zum Lugu-See. An dem glasklaren Bergsee auf 2600 Meter Höhe lebt das Volk Mosuo, eine der wenigen matriarchalischen Gesellschaften der Welt: Die Erbfolge ist weiblich, die Häuser im Besitz der Großmütter, Frauen wie Männern ist es erlaubt, polygam zu leben. Schon jetzt säumen das Ufer Dutzende kleiner Hotels und Pensionen, die jeden Abend mit viel Rauch Schweine und Lämmer grillen - noch aber ist das Maß an Touristen erträglich. Aber Vorsicht: Ende des Jahres soll ein Flughafen gebaut werden, um die Region für noch mehr chinesische Reisegruppen zugänglich zu machen.

10 Hongkong, Lamma-Island

Hongkong Island ist einer der faszinierendsten und am dichtesten besiedelten Flecken der Welt. Noch immer ist die 1999 an China zurückgegebene Stadt das Finanzzentrum Asiens (auch wenn Shanghai versucht, ihr den Rang abzulaufen). Hat man genug von den stickigen Hochhausschluchten, den endlosen klimatisierten Shopping-Malls und den Festland-Chinesen auf Shopping-Tour, nimmt man vom Central Pier eine Fähre auf eine der Inseln. Lamma Island ist etwa eine Stunde entfernt. Auf der autofreien Insel lebt seit Jahrzehnten eine kleine für Hongkonger Verhältnisse alternative Community. Am Wochenende strömen Hongkonger zum Wochenendausflug dorthin, aber unter der Woche ist es ruhig.