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Bulgarien:Rockende Rhodopen

Beim "Meadows in the Mountains"-Festival fallen Großstädter in ein Bergdorf ein, um drei Tage zu tanzen.

Einmal im Jahr, immer im Juni, kommen sie. Viele tragen Federschmuck auf dem Kopf und goldenen Glöckchen um den Hals. Sie wandern den Berg hinauf bis zum Gipfel, begleitet von Pferdekarren, beladen mit Zelten und Koffern voller Platten. "Die Engländer sind wieder da", sagen die Dorfbewohner dann zueinander und wissen schon, dass für drei Tage alles anders sein wird in Polkownik Serafimowo.

Das Dorf liegt im Rhodopengebirge am südlichen Ende Bulgariens. Wer sich dorthin aufmacht, fühlt sich ein wenig, als ginge es ans Ende der Welt. Fast drei Stunden lang windet sich das Auto von Plowdiw, der nächsten Stadt, die schmalen, von Schlaglöchern durchzogene Straße hinauf. Auf 850 Metern Höhe stehen links und rechts ein paar alte Häuser, von denen der Putz abblättert. Am Ende des Dorfes hört die Straße auf. Manchmal stehen ein Esel oder ein paar Ziegen mitten auf dem Weg. Touristen kommen selten nach Polkownik Serafimowo. Warum sollten sie auch, fragen sich die Dorfbewohner. "Was gibt es bei uns schon zu sehen?"

Immerhin jedes Jahr im Sommer das "Meadows in the Mountains"-Festival. Es beginnt dort, wo die Dorfstraße endet und ein steiler Trampelpfad zu einem Berggipfel führt. Das Festivalgelände ist weitläufig, ein Waldstück, verschlungene Pfade und vor allem eine große Wiese, von der aus der Blick bis nach Griechenland reicht. "Wir wollen mit ,Meadows in the Mountains' die Magie der Natur spürbar machen, die wir Großstadtmenschen längst vergessen haben", sagt Benjamin Sasse, der das Festival gemeinsam mit seinem Bruder Damian 2012 ins Leben gerufen hat. Ihre Eltern, die sich in dem Land um Straßenhunde kümmern, haben das Stück Land vor einigen Jahren gekauft, um sich dort zur Ruhe zu setzen. Beide Söhne sind Mitte 30 und leben in London. Benjamin betreibt dort eine Bar, Damian verdient sein Geld mit VIP-Dienstleistungen. Die beiden haben erkannt, dass sich in der Generation der 20- bis 35-jährigen Großstadtbewohner eine Sehnsucht nach Natur, nach bewusster Lebensweise breit gemacht hat. "Auch mir geht es so", sagt Benjamin Sasse. "Aber wenn ich dort oben den Sonnenaufgang sehe, dann ist diese Sehnsucht für kurze Zeit gestillt."

Anfangs waren es nur 50, im vergangenen Jahr bereits 700 Menschen, die es in die von den beiden Brüdern geschaffene Welt gezogen hat: Auf der Wiese stehen zwei selbstgezimmerte Bühnen, ein paar windschiefe Holzverschläge, verziert mit Blumen und Wimpeln aus buntem Stoff, in den Bäumen hängen kleine Spiegel und Glöckchen. Dazwischen stehen überdimensionale Fliegenpilze aus Pappmaschee und der Chillfloor - eine Art Jurte, in der Entspannungsmusik läuft. Überall findet sich etwas zum Hinaufklettern oder zum Verkriechen. Ein kleines Waldstück ist dicht mit Hängematten bestückt. "Back to life, back to me" steht auf einem Holzschild. "New Urban Hippie Style" nennt sich das, wenn erwachsene Menschen mit Indianerfedern im Haar und Glöckchen um den Hals ein bisschen Ferienlager spielen.

Viele der Gäste kommen aus England, nicht wenige aus Berlin, weil die beiden Brüder dort Freunde haben. Wer zum ersten Mal hier ist, braucht manchmal etwas Zeit, um sich an den Zirkus zu gewöhnen. Matt Macmullet zum Beispiel, ein junger, blasser Mann aus Sheffield, steht unsicher zwischen all den bunt geschmückten Menschen. "Freunde haben mich mitgenommen. Ich wusste nicht, was mich erwartet", sagt er. Feiern bedeute bei ihm zu Hause, so lange Bier zu trinken, bis man sich prügele. "Aber hier sind alle nur freundlich und lachen. Was soll ich sagen?"

Ab dem Nachmittag kommt es auf die Musik und auf das Tanzen an. Los geht es mit Live-Bands: Swing, Country, Pop, alles bunt gemischt. Am späten Abend übernehmen die DJs mit vorwiegend elektronischer, oft selbst produzierter Musik: Deep House, Minimal Electro, Easy Listening - jedenfalls kein harter Techno. Zum Essen wird an Ständen vor allem Gesundes angeboten: Suppen, Eintöpfe, das meiste vegetarisch, dazu Bier, Sekt, Wodka. Unter die großteils ausländischen Partygäste mischen sich auch Dorfbewohner, sie haben freien Eintritt, manche haben Essensstände aufgebaut.

Am oberen Ende des Dorfes steht das Haus von Angel und Radka Chakarov. Beide sind 80, Angel hat die Arbeit in der Eisenerzmiene so zugesetzt, dass er nur noch liegen oder sitzen kann. Im Haus steht ein Holzofen, auf dem Radka abends die Suppe kocht. "Es ist einsam geworden im Dorf", sagt sie. "Hier gibt es kaum noch Kinder." Vor 30 Jahren hätten hier noch 800 Menschen gelebt, heute seien es noch 100. Doch wenn "die Engländer" kommen, dann wird es für einige Tage bunt und laut. Das gefalle ihr, sagt Radka. Dann rückt sie, wie das in diesen Tagen fast alle Einwohner des Dorfes tun, die Betten zusammen, legt Matratzen darüber und vermietet das Lager für ein paar Euro die Nacht. Von 300 Euro Rente im Monat lässt es sich selbst in Bulgarien nicht leicht leben. Die Neuhippies bringen nicht nur Abwechslung ins Dorf, sondern auch Zusatzeinnahmen.

Fünf Uhr morgens. Oben auf dem Gelände, am höchsten Punkt, warten die Menschen tanzend auf die Sonne. Ein DJ spielt fast hypnotisierende Klänge, dazu prasselt ein Lagerfeuer. "Das ist Leben", ruft eine junge Frau und breitet ihre Arme aus. Und dann zeigt sich über der Gebirgskette auch schon der erste goldene Sonnenstreifen, was unter dem müde getanzten Partyvolk zu großen Emotionen führt.

Am Morgen, wenn ihre jungen Gäste mit von Matsch und Glitzer-Schminke verschmierten Gesichtern in ihr Haus kommen, um für ein paar Stunden zu schlafen, empfängt Radka sie lächelnd.

"Ihr seid so anders, als wir in dem Alter waren", sagt sie. Am Ende der drei Tage küsst sie zum Abschied jeden auf die Wange und fragt: "Nächstes Jahr wieder?" Natürlich!