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Wer steckt hinter dem Kennedy-Attentat?:Schießende Chauffeure, vergiftete Pfeile

Die meisten Amerikaner halten nichts von der offiziellen Erklärung, dass John F. Kennedy von einem einzelnen Attentäter getötet wurde. Hinter dem Mord steckt ihrer Meinung nach eine Verschwörung. Die Theorien dazu füllen inzwischen Hunderte von Büchern.

"Nach hinten, nach links, nach hinten und nach links." Wieder und wieder lässt Kevin Costner als Staatsanwalt Jim Garrison im Kinofilm "JFK" die Bilder ablaufen, die zeigen, wie die tödliche Kugel Kennedy in den Kopf triff.

Dallas, Dealey Plaza, 22. November 1963, 12:30. Eine Kugel hat John F. Kennedy in den Kopf getroffen. Eine halbe Stunde später wird der Präsident für tot erklärt.

(Foto: Foto: AP)

Es sind die Aufnahmen, die Abraham Zapruder am 22. November 1963 in Dallas gemacht hatte. Und es ist die Bewegung von Kennedys Kopf, die Garrison kommentiert. Auf dem 8mm-Film scheint das Haupt des Präsidenten nach hinten gerissen zu werden - von einer Kugel, die ihn von vorn trifft.

Für Garrison war dies einer der Belege dafür, dass die Ergebnisse der offiziellen Untersuchungskommission unter der Leitung des Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs, Earl Warren, nicht stimmen konnten. Diese war zu dem Schluss gekommen, dass der Attentäter Lee Harvey Oswald den US-Präsidenten von hinten erschossen hatte.

Schlussfolgerungen der Warren-Kommission

Der Warren-Kommission zufolge feuerte der Einzelgänger Oswald vom sechsten Stock eines Lagerhauses drei Schüsse auf die Präsidenten-Limousine ab. Eine Kugel verfehlte das Ziel. Ein zweites Geschoss traf den 46-jährigen Kennedy in den Nacken und trat aus seinem Hals wieder aus.

Dieses (von den Verschwörungstheoretikern als "Magische Kugel" bezeichnete) Geschoss traf mit niedriger Geschwindigkeit den vor Kennedy sitzenden Gouverneur Connally in den Rücken, trat aus seiner Brust wieder aus und wurde vom Gelenk der rechten Hand in den linken Oberschenkel abgelenkt. Die dritte, tödliche Kugel traf Kennedy rechts in den Hinterkopf und sprengte einen Teil des Schädel weg.

Die Kommission war ehrlich genug, etliche Punkte, die zu ihrem Fazit führten, als gut gesicherte Annahmen statt als Fakten darzustellen. In den 70er Jahren kam darüber hinaus ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu dem Schluss, dass Kennedy "wahrscheinlich getötet wurde als Ergebnis einer Verschwörung" - Öl ins Feuer der Verschwörungstheoretiker.

Spätere offizielle Untersuchungen bestätigten jedoch den Warren-Report und 1988 legte das Justizministerium den Fall JFK zu den Akten, überzeugt, dass es keine Verschwörung gab.

Doch für bis zu 80 Prozent der Amerikaner ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Angesichts etlicher Ungereimtheiten bei der Untersuchung des Mordes glauben sie fest an die Verschwörungstheorien, die Hunderte von Büchern füllen.

Oswald als Sündenbock

Oswald, so ihre Überzeugung, war nicht der Schütze, sondern ein Sündenbock. Die wahren Attentäter gehörten zur CIA, deren Macht der junge Präsident erheblich gestutzt hatte. An dem mörderischen Komplott beteiligt waren die Mafia, Exil-Kubaner, vielleicht auch das FBI, der Secret Service und/oder reiche Ölmagnaten aus Dallas.

Oder aber der Anschlag fand im Auftrag des Vize-Präsidenten Lyndon B. Johnson statt, der nach Kennedys Tod Präsident wurde.

Um die Warren-Kommission zu täuschen, so eine weit verbreitete Überzeugung, wurde der Leichnam des Präsidenten auf dem Weg von Dallas nach Washington entführt und so manipuliert, dass die Wunden auf einen einzelnen Täter hinwiesen. Eine genaue Analyse des Zapruder-Films zeigt angeblich sogar, dass Kennedy von seinem Chauffeur erschossen wurde.

Und dann ist da noch der Regenschirm-Mann, der auf einigen Fotos vom Tatort zu sehen ist. Eine besonders skurrile Theorie sagt, dass mit diesem Schirm ein vergifteter Pfeil auf Kennedy abgeschossen wurde, ihn lähmte und so in eine perfekte Zielscheibe für den Todesschützen verwandelte.

Oder war es etwa ein Versehen, durch das der Präsident starb? Einer der Secret Service-Agenten, so die Theorie eines ehemaligen Ballistikexperten, zog nach dem ersten Schuss des Attentäters seine Waffe, stolperte und aus seiner Waffe löste sich der tödliche Schuss.

Doch es gibt auch unabhängige Untersuchungen des Attentats, die die Ergebnisse der Warren-Kommission stützen - und einige wurden mit Hilfe modernster Methoden unternommen. Zum 40. Jahrestag des Anschlags ließ etwa der US-Fernsehsender ABC Hunderte von Fotos und Filmaufnahmen analysieren, den Tatort erneut vermessen, dazu kamen ballistische Untersuchungen, eine Überprüfung der Autopsie-Ergebnisse und Computersimulationen. Fazit: Es war Oswald - Oswald allein.

Die magische Kugel entzaubert

Ein gutes Beispiel dafür, wie sich Realität und Verschwörungstheorie widersprechen, ist die magische Kugel. Dieses Geschoss hätte nach Garrisons/Costners Behauptung nach dem Austritt aus Kennedys Körper in der Luft die Richtung ändern müssen, um Connallys rechte Seite zu treffen. Dieser saß jedoch nicht, wie von Verschwörungstheoretikern behauptet, direkt vor dem Präsidenten, sondern nach links versetzt.

Und Kennedys Kopf? Bei genauer Betrachtung des Zapruder-Films stellt man fest, dass die obere linke Seite des Schädels bereits zerstört ist, als der Präsident den Kopf zurückreißt. Was auch immer Kennedys Haupt "nach hinten und nach links" bewegte - es war keine von vorn abgefeuerte Kugel. Die offizielle Erklärung ist eine reflexartige Reaktion des Nervensystems. Ähnliche Bewegungen hat das US-Militär jahrelang bei Schießversuchen an lebenden Ziegen beobachten.

© Von Markus C. Schulte v. Drach
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