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Warntag:Glück der Stille

Statt lauten Sirenen gab es viele Witze: Das zeigt, wie wenig Gefahr Deutschland kennt. Doch garantiert ist das nicht.

Von Matthias Drobinski

Wenn es Deutschlands Katastrophenschützern darauf ankam, die Grenzen der hiesigen Alarmsysteme zu testen, dann war der Warntag 2020 ein voller Erfolg: Viele Smartphone-Apps blieben zunächst stumm, in vielen Städten war keine Sirene zu hören, weil es sie dort längst nicht mehr gibt. Und statt die Ohren zu spitzen und an die Gefahr zu denken, haben die Bundesbürger Hohn und Spott im Netz verbreitet: Auch dabei gewesen beim stillsten Warntag seit dem Ende des Kalten Krieges?

Vielleicht ist es aber gar nicht so schlecht, wenn Feuerwehr, Polizei und Katastrophenschutz mittlerweile vielen Gefahrenlagen auch ohne allgemeinen Lärm begegnen können. Auf jeden Fall ist es ein Zeichen großen Glücks, dass nur noch Menschen jenseits der 75 erstarren, wenn eine Sirene heult, dass eine ganze Generation die Probealarme des Kalten Krieges nicht mehr kennt. Dass sich die Alarmsysteme des Landes nur rostquietschend in Bewegung setzten, ist ein Kollateralproblem dieses großen Glücks.

Selbst in Deutschland aber bleibt diese Sicherheit ein brüchiges Glück. Kein noch so guter Katastrophenschutz, kein noch so smartes Alarmsystem kann sie garantieren. Auch daran sollte ein Warntag erinnern: Wer absolute Sicherheit erwartet, ist ein Narr. Und wer sie verspricht, ein Scharlatan.

© SZ vom 11.09.2020
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