Verfolgte Christen in China  Bischöfe brauchen  den Segen der KP

Der Vatikan trifft eine Absprache mit Peking, die die Ernennung der Würdenträger an ein Einverständnis des Staates koppelt.

Von Lea Deuber und Oliver Meiler, München/Rom

Eine laute Minderheit, die lediglich Ärger machen wolle: So beschreibt Kurienbischof Marcelo Sánchez Sorondo die Kritiker an dem Deal, den der Vatikan und China am Samstag gemeinsam unterzeichnet haben. Der Abschluss, der die Ernennung der Bischöfe in China regelt, ist auch ein Erfolg seiner Arbeit. Der Chef der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften zieht für den Papst in China die Fäden. Und diese sollen in Zukunft noch enger geknüpft werden.

Der Wortlaut der Vereinbarung, die drei Jahre zwischen den beiden Vertragspartnern verhandelt wurde, ist nicht bekannt. Der Sinn ist es aber sehr wohl: Peking erkennt den Papst als oberste Autorität der katholischen Kirche in China an; der Vatikan wiederum gesteht der chinesischen Staatsführung ein Mitspracherecht ein bei der Ernennung der Bischöfe im Land. Normalerweise ist das ein exklusives Recht des Papstes. Die Kommunistische Partei Chinas lehnte das in der Vergangenheit als unrechtmäßige Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes ab.

Durch den inzwischen 60 Jahre andauernden Streit gibt es heute in China Bischöfe, die vom Papst ernannt wurden und andere, die von Peking eingesetzt sind. Das neue Modell könnte nun so aussehen, wie es die chinesische Staatszeitung Global Times einmal skizziert hat: Der Vorschlag für die Nominierung der Bischöfe käme aus den Diözesen, also von der Basis, würde dann zur Begutachtung und allfälligen Nachbesserung Peking unterbreitet, worauf die Personalakte nach Rom geschickt würde. Der Papst hätte demnach das letzte Wort, ein Vetorecht. Missrät die Konsultation, beginnt der Prozess von vorne.

"Die Kirche opfert die Früchte einer jahrhundertelangen Schlacht gegen politische Mächte."

Kritiker halten das Abkommen für einen Fehler. Der emeritierte Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, der von 2002 bis 2009 Bischof von Hongkong war, bezeichnete den Vatikan als "naiv". Der Deal sei ein "Ausverkauf" aus reiner Unkenntnis heraus, so der 86-Jährige, der in Shanghai geboren ist. Kein Abkommen sei besser als ein schlechtes. Auch Sandro Magister, der Vatikanexperte des italienischen Nachrichtenmagazins L' Espresso hält das Abkommen für einen Kniefall vor dem autoritären Staat: "Wir wohnen einem spektakulären Rückschritt der Kirche bei, sie opfert die Früchte einer jahrhundertelangen Schlacht gegen politische Mächte und für eine autonome Selbstregierung." Bei der Nominierung ihrer Bischöfe sei die Kirche erst seit dem 20. Jahrhundert ganz frei, sagte Magister der SZ. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten die Könige sogar noch das Recht, die Wahl des Papstes im Konklave zu blockieren. "Nun soll also in China die politische Obrigkeit die Bischöfe auswählen können, und der Kirche bliebe nur ein schwaches Veto zu den vorgeschlagenen Namen."

Durch den Konflikt teilen sich die bis zu 13 Millionen Katholiken in China in zwei Lager: Eine vom Staat anerkannte Kirche und eine inoffizielle vatikantreue Untergrundkirche. Aus Angst vor Verfolgung treffen sich viele Gläubige in Privatwohnungen und melden ihre Kirchengemeinden nicht an. Kritiker fürchten, dass die Einigung ein Ende für diese Gruppen bedeutet. Die Annahme, die Spaltung könnte durch das Abkommen aufgelöst werden, halten viele für blauäugig.

Die Lage der Katholiken in China hat sich in den letzten Jahren verschlechtert. Gemeindevertreter werden befragt und unter Druck gesetzt; katholische sowie protestantische Kirchen, die nicht offiziell registriert sind, werden aufgelöst. In vielen Räumen wurden Kameras aufgehängt, um die Gläubigen zu überwachen. Beobachter sprechen vom härtesten Vorgehen, seit die Religionsfreiheit 1982 in die Verfassung aufgenommen wurde.

Die papstfreundlichen Kreise wiederum loben das Abkommen als historischen Fortschritt. Der Kirchenhistoriker Alberto Melloni nennt es in der Zeitung La Repubblica einen "großen Dienst an der Gemeinschaft", auch wenn die Kritiker nun wieder behaupteten, der Papst habe dem Teufel vergeben. Papst Franziskus hat den Dialog mit China immer vorangetrieben. Er sagte einmal: "Der Dialog ist ein Risiko, aber ich ziehe dieses Risiko der Niederlage vor, die sich unweigerlich einstellt, wenn man sich dem Dialog verwehrt."

Der wichtigste Faktor bei der vorläufigen Lösung des Streits lag aber wohl in der Benennung von Pietro Parolin zum Staatssekretär, welcher so etwas ist wie ein Regierungschef des Vatikans. Parolin ist ein Diplomat des Heiligen Stuhls. Schon in den Nullerjahren, unter Johannes Paul II., und später unter Benedikt XVI. reiste der Kardinal regelmäßig nach Asien, vor allem nach Vietnam und China, und setzte sich für die dortigen Katholiken ein. Man kannte ihn also in Peking, als er die Angelegenheit in die Hand nahm. Mit vielen kleinen Initiativen, wie etwa mit dem Austausch von Kunstwerken zwischen dem Vatikan und China, brach er das Eis. Das Abkommen sei ein Beitrag zum Weltfrieden, so der Kardinal.

Wie die Pekinger Seite die Zeitenwende in den Beziehungen für sich nutzen will, darauf gab eine Meldung in der Global Times einen Hinweis. China und der Vatikan wollten in Zukunft gemeinsam gegen den illegalen Organhandel kämpfen - und das chinesische Investmentprogramm, die sogenannte Seidenstraßen-Initiative, fördern. Die Allianz, so verkündete das Staatsblatt, werde helfen, das "chinesische Modell" als Vorbild auch in anderen Staaten zu implementieren.