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Trinkwasser:Trügerische Bestnote

SZ-Grafik: Keller; Quelle: BDEW

Das Umweltbundesamt lobt das deutsche Trinkwasser, doch die EU moniert seit Jahren hohe Nitratwerte.

Von Anne Kostrzewa, Berlin

Die gute Nachricht vorweg: Grundsätzlich ist deutsches Trinkwasser von hoher Qualität, das Umweltbundesamt hat im Frühjahr erneut die Note "sehr gut" gegeben. Trotzdem hat die Wasserwirtschaft ein Problem. Über Gülle und Kunstdünger, intensive Viehwirtschaft und den zunehmenden Anbau von Mais gelangt Nitrat ins Grundwasser - teils in hoher Konzentration. In einigen Regionen Deutschlands sind die Nitratwerte so hoch, dass Wasserversorger es mit unbelastetem Wasser verdünnen müssen, um es trinkbar zu machen.

Dem Gesetzgeber ist Nitrat durchaus ein Begriff. Ob genug dagegen getan wird, ist jedoch eine Frage des Standpunkts. Im Juni hat das Bundesagrarministerium eine Novelle der Düngeverordnung vorgelegt, um die Nitratbelastung langfristig zu reduzieren - "da uns Brüssel im Genick sitzt", wie Agrarminister Christian Schmidt beim Bauerntag in Erfurt sagte. Seit 2013 läuft nämlich bereits ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik, eingeleitet von der EU-Kommission wegen zu hoher Nitratwerte. Aus Sicht der Kommission setzt Deutschland die in der EU-Nitrat-Richtlinie von 1991 geregelten Vorgaben noch immer nicht ausreichend um.

Nitrat ist in hoher Konzentration vor allem für Babys unter einem halben Jahr gefährlich, weil es den Sauerstofftransport im Blut behindert. Die Nitrat-Richtlinie der EU hat deshalb einen maximal zulässigen Höchstwert von 50 Milligramm pro Liter Wasser festgelegt. Ab einer Nitratbelastung von 25 Milligramm pro Liter fordert die Richtlinie ein Gegensteuern, damit der Wert nicht noch weitersteigt. In Deutschland ist dies erst ab einer Konzentration von 40 Milligramm pro Liter nötig, auch nach der vom Agrarminister vorgelegten Gesetzesnovelle.

Dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zufolge ist fast die Hälfte des deutschen Grundwassers mit 25 Milligramm oder mehr Nitrat pro Liter belastet. Verbraucher spüren das vor allem im Geldbeutel: Müssen Wasserbetriebe nitrathaltiges Wasser aufbereiten, kann sich der technische Mehraufwand im Preis niederschlagen. Besonders belastet ist das Grundwasser in Niedersachsen. Dort wird vor allem Nutzvieh gehalten, in dessen Mist und Gülle steckt das Nitrat. Der BDEW fordert deshalb, angelehnt an die Energiewende, eine "Agrarwende": mehr ökologische Landwirtschaft und mehr Subventionen dafür, außerdem insgesamt weniger Düngemittel auf den Feldern. "Es kann nicht sein, dass die Gesundheit der Bevölkerung zugunsten einer landwirtschaftlichen Regelung gefährdet wird", sagt BDEW-Vizepräsident Jörg Simon.

Handlungsbedarf sieht auch der Deutsche Bauernverband (DBV). Er plädiert jedoch für eine "bedarfsgerechte Düngung", die Landwirte und Wasserbetriebe für den Einzelfall in Kooperation erarbeiten. "Wir haben auf einem Hektar Land schon so unterschiedliche Verhältnisse", sagt DBV-Sprecher Michael Lohse. "Da kann man die Düngung doch nicht pauschal von Brüssel aus regeln." Für die Bauern sei Stickstoff "bares Geld", so Lohse.

Im vergangenen Jahr wurde Deutschland von der EU-Kommission erneut wegen seiner Nitratwerte ermahnt. Nun liegt es an Brüssel zu entscheiden, ob die Gesetzesnovelle des deutschen Agrarministeriums diesmal den EU-Gesetzen zum Grundwasserschutz genügt.

© SZ vom 15.07.2015
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