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Terrorverdacht in Frankfurt am Main:Bombenbauer kann sich nach Pakistan absetzen

Ein Terrorverdächtiger hat sich aus dem Staub gemacht - nach Pakistan. Im Februar hatte sich der Student beim Bombenbasteln in Frankfurt schwer verletzt. Schnell war klar, dass ihm ein Anschlag zuzutrauen sei. Jetzt streiten Polizei und Staatsanwaltschaft darüber, wie das passieren konnte.

Marc Widmann, Frankfurt

Dass ein junger Mann namens Kema G. in Frankfurt an einer Bombe bastelte, scheint mittlerweile sicher zu sein. Klar ist auch, dass er inzwischen "weg ist", wie ein Ermittler sagt, vermutlich hat er sich nach Pakistan abgesetzt. In Hessen fragt man sich jetzt, warum die Sicherheitsbehörden seine Abreise zuließen, warum sie seinen Pass nicht einzogen - obwohl ihnen sein Treiben nicht verborgen blieb. Polizisten beschuldigen die Staatsanwaltschaft, den Fall gewissermaßen verschlafen zu haben. Die aber ist sich keiner Schuld bewusst - und zeigt wiederum auf die Polizei.

Frankfurter Hauptwache

Die Hauptwache in Frankfurt: Der Bomenbauer sprach angeblich von Anschlagsplänen auf den zentralen Platz.

(Foto: dpa)

Kema G. wohnte im Frankfurter Stadtteil Höchst. Hier mietete der 24-jährige Deutsch-Afghane ein Zimmer an. Es zog ihn zum Studium von Limburg nach Frankfurt, angeblich widmete er sich dem Maschinenbau. Nebenbei aber, da sind sich die Ermittlungsbehörden einig, konstruierte er eine Bombe: "Er hat sich Materialien verschafft, die man laut einer Internetseite braucht, um eine Rohrbombe herzustellen", sagt die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen.

Am 13. Februar versuchte er offenbar, aus Feuerwerkskörpern und Streichholzköpfen den Sprengsatz zu mischen. "Stümperhaft", nennt Niesen den Versuch: Das Gemisch ging in die Luft. Sein Zimmer wurde verwüstet, der Student zog sich schwere Brandwunden zu und musste in die Klinik.

Zu dieser Zeit fand ein Fußgänger laut Medienberichten einen USB-Stab auf der Straße, darauf war eine Anleitung zum Bombenbau in arabischer Sprache. Er übergab ihn der Polizei - und die Fahnder entdecken auf dem Stick offenbar Spuren zu seinem Besitzer Kema G. In dessen Zimmer stießen sie auf Rückstände von Sprengstoff.

Sie vernahmen Kema G. noch am Krankenhausbett. Angeblich, so wird es bei der Polizei erzählt, fiel bei den Verhören auch das Wort Hauptwache als mögliches Anschlagsziel, ein zentraler Platz im Herzen der Stadt. Offiziell will sich die Polizei nicht zu dem Fall äußern. Die Bild-Zeitung zitiert aber einen Beamten mit den Worten: "Warum die Staatsanwaltschaft keinen Haftbefehl beantragt hat, ist mir komplett unverständlich."

"Hinterher ist man schlauer"

Die Staatsanwaltschaft ermittelte durchaus gegen Kema G., aber nur wegen "fahrlässiger Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion". Sie behandelte ihn eher wie einen Jungen, der mit selbstgebauten Silvesterknallern experimentierte. Für einen Haftbefehl braucht es einen schwereren Vorwurf.

Man habe auch keine Fluchtgefahr gesehen, sagt Sprecherin Niesen: Kema G. hatte ja Familie in Hessen, er studierte hier. "Wir hatten keinen Anhaltspunkt", dass er einen Anschlag plante", sagt Niesen, "sonst hätte es sicherlich einen Haftbefehl gegeben." Man sei von einem anderen Sachverhalt ausgegangen, der längst nicht so massiv gewesen sei. Und überhaupt: "Es war auch nicht so, dass die Polizei einen Haftbefehl angeregt hätte."

Mittlerweile ist Kema G. jedenfalls über den Münchner Flughafen nach Pakistan gereist, wo er bei Bekannten leben soll. Dass er sich in einem Ausbildungslager für Terroristen aufhält, glauben hessische Ermittler nicht. Sie haben Kema G. längst auf ihre Liste sogenannter Gefährder gesetzt, denen sie einen Anschlag zutrauen. Kontakte zu anderen Islamisten haben sie aber nicht gefunden. Vermutlich handelt es sich erneut um einen jungen Fanatiker, der sich im Internet selbst radikalisierte - wie der junge Arid U.: Er erschoss im März am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft macht sich jetzt "erneut Gedanken", ob nicht doch ein Haftbefehl angemessen wäre. Die Sprecherin sagt: "Hinterher ist man schlauer." Kema G. könnte dann bei einer Heimkehr gefasst werden.

© SZ vom 08.10.2011/infu

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