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Synode:Rütteln an verschlossenen Türen

XVI Ordinary Meeting of the Synod of Bishops

Suche nach Antworten auf die drängenden Fragen des Lebens: Der Eröffnungsgottesdienst mit Papst Franziskus im Petersdom.

(Foto: dpa)

Liebe, Treue, Ehe - in Rom sollen die Bischöfe darüber befinden, wie weit die Kirche noch im Leben steht.

Kaum etwas beschreibt die Spannung zwischen katholischer Kirche und dem Rest der Welt so anschaulich wie die Szenerie dieses Wochenendes in Rom. Hier der Petersdom mit seiner Pracht, dort ein filmbekanntes Restaurant; hier der feierliche Gottesdienst des Papstes mit Hunderten Bischöfen, Erzbischöfen und Kardinälen - und dort Krzysztof Charamsa, der polnische Priester aus der Glaubenskongregation, der mit seinem Freund vor die Presse tritt und sich als schwul outet.

Seit diesem Sonntag beraten die Bischöfe aus aller Welt auf einer Synode, wie die Kirche reden, denken und handeln soll, wenn es um Ehe, Familie und Sexualität geht. Sie werden um theologische Feinheiten und Formulierungen ringen. Am Tag davor jedoch ist das pralle Leben über diese Versammlung gekommen: Viele Katholiken leben längst völlig anders, als ihre Kirche das vorschreibt, selbst im Inneren des Vatikans.

Die meisten katholischen Paare haben Sex vor der Ehe, die wenigsten verzichten auf künstliche Verhütungsmittel, sie lassen sich scheiden und heiraten wieder. Es gibt Katholiken, die schwul sind oder lesbisch und ihre Sexualität auch leben. Und viele Priester sind schwul - die Schätzungen liegen zwischen 25 und 50 Prozent. Das macht einen guten Teil der Glaubwürdigkeitskrise dieser Kirche aus: Sie mag ja schöne Worte finden über Liebe, Treue, Kinderglück, sie mag theologisch konsequent daran festhalten, dass Sexualität in die katholisch gültig geschlossene Ehe gehört. Doch wie viel Doppelmoral steckt im System?

Mit der Entscheidung, in den Jahren 2014 und 2015 zwei Synoden einzuberufen, auf denen die Bischöfe der Welt offen über den lange tabuisierten Komplex diskutieren sollen, hat Papst Franziskus seiner Kirche einen Realitätsschub verordnet. Zwei Umfragen unter den Katholiken haben offenbart, wie wenig das Kirchenvolk mit der strengen Sexualmoral noch anfangen kann. Ermutigt von den Aufbruchssignalen formulierte vor einem Jahr zur Halbzeit des ersten Treffens die liberale Mehrheit ein bemerkenswert offenes Zwischenergebnis. Die konservative Minderheit allerdings war dann doch so groß, dass von der Offenheit wenig übrig blieb.

Was wünscht der Papst? Eine Antwort darauf hat noch keiner gefunden

Entsprechend hoch ist die Spannung jetzt: Wie weit wird die katholische Kirche sich auf das so bunte wie widersprüchliche Leben einlassen, das ihr an diesem Samstag im Auftritt des Priesters Krzysztof Charamsa begegnet ist? Nach drei Wochen Beratung wird die Synode dem Papst Empfehlungen vorlegen, letztlich aber muss Franziskus entscheiden, welche Konsequenzen er daraus zieht. Entsprechend aufgeregt wird nun jedes Wort und jede Handlung des Papstes interpretiert.

Will er Reformen, weil er jetzt dauernd von Barmherzigkeit redet? Oder will er sie nicht - weil er auf seiner USA-Reise jene Standesbeamtin getroffen hat, die sich weigert, homosexuelle Paare zu verpartnern? Weil er nun dauernd von der Unauflöslichkeit der Ehe redet? Franziskus vermeidet offensichtlich bewusst, vor den Beratungen die eine oder die andere Seite zu stärken. Und doch lassen sich aus dem, was er in den vergangenen Wochen gesagt hat, Linien erkennen.

Der Papst wünscht, dass seine Kirche auf die Menschen zugeht, egal, ob sie nach den Regeln dieser Kirche leben oder nicht. Die Seelsorger sollen bei den Schwulen sein, den Geschiedenen, den Familien, in denen es kriselt. Der Papst stellt aber mit keiner Äußerung die geltende kirchliche Lehre in Frage. Sein Lieblingswort von der Barmherzigkeit bringt das auf den Punkt: Es gilt die Regel - aber wer sie bricht, wird nicht verstoßen. Die Kirche verdammt die Sünde (und definiert, was Sünde ist). Sie bleibt aber an der Seite des Sünders. So hat Franziskus auch zur Eröffnung der Synode gepredigt: Die Ehe muss unauflöslich bleiben, doch eine "Kirche mit verschlossenen Türen" verrate sich selber.

Und so wird die Synode diskutieren, was innerhalb der geltenden Lehre um der Seelsorge und der Barmherzigkeit willen an Änderungen geboten und notwendig ist. Sollen wieder Verheiratete im Einzelfall zu den Sakramenten zugelassen werden? Wie soll die Kirche über homosexuelle Partnerschaften reden? Wie über Ehen ohne Trauschein? Die Mehrheit der Reformer hat hier ein strukturelles Problem: Die konservative Minderheit kann immer damit argumentieren, dass mögliche Änderungen die Lehre verwässern - die Reformer müssen immer beweisen, dass dies so nicht ist. Keine guten Voraussetzungen für einen großen Wurf. Viele Beobachter gehen deshalb inzwischen davon aus, dass am Ende der Versammlung das Fazit lautet: Gut, dass wir geredet haben, jetzt muss die Debatte weitergehen.

Für Krzysztof Charamsa, den nun offen schwul lebenden Priester, wird die Synode ohnehin keine Lösung finden: Praktizierte Homosexualität wird "objektiv ungeordnet" bleiben, der Zölibat ohnehin nicht angetastet. Charamsa wird suspendiert werden, trennt er sich nicht von seinem Partner. Und wenn er suspendiert ist, wird er einfaches Mitglied einer Kirche sein, deren Papst wünscht, dass sie auch den Homosexuellen zur Seite steht.

© SZ vom 05.10.2015

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