Sudetendeutsche "Tassen im Schrank"

Verbandschef Posselt wirbt für seinen Aussöhnungskurs und greift die internen Widersacher an.

Von Kim Björn Becker, Augsburg

Es ist früh am Nachmittag, da kommt Bernd Posselt nur noch langsam voran. Seine Rede in der Augsburger Schwabenhalle hat er schon hinter sich gebracht, nun geht es in den vollen Ausstellungshallen nebenan ans Händeschütteln. Am Stand der mährischen Region Kuhländchen, heute tschechisch Kravařsko, soll er ein Vereinsmitglied für sein langjähriges Engagement ehren. Posselt, der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, steht also vor einem sichtlich gerührten älteren Herrn und sagt, was man so sagt in einer solchen Situation: "Ich bin ja eigentlich ein Riesengebirgler, aber ein Kuhländler aus Sympathie."

Posselt muss das so machen. Als Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe gehört das Repräsentieren zu seinen Aufgaben, vor allem beim traditionellen Pfingsttreffen. In diesem Jahr fand der Sudetendeutsche Tag erneut in Augsburg statt, Tausende Vertriebene und ihre Nachfahren kamen dort zusammen. Allerdings blieb es für den früheren CSU-Europaabgeordneten diesmal nicht beim Händeschütteln: Deutlich spürbar war der seit Wochen schwelende Streit zwischen Posselt und dem Witikobund, einer Rechtsaußen-Gruppierung innerhalb des Vertriebenenverbands. Ihre Funktionäre haben auch in der Hierarchie der Sudetendeutschen Ämter inne. Hintergrund des Streits: Bei der jüngsten Bundesversammlung der Sudetendeutschen im Frühjahr hatten knapp 72 Prozent der Anwesenden dem Antrag zugestimmt, den Begriff der "Wiedergewinnung" der Heimat als Vereinsziel aus der Satzung zu streichen. Die Initiative ging auf Bernd Posselt zurück, er fürchtete, man könne den Begriff als Gebietsanspruch missverstehen. Vertreter des Witikobunds protestierten, man dürfe das Recht auf Heimat nicht aufgeben. Zudem sehen sie die erforderliche Mehrheit für eine Satzungsänderung verfehlt. Derzeit wird der Streit vor dem zuständigen Registergericht in München geklärt.

Bayern lasse Extremisten "keinen Millimeter Raum", sagt Ministerpräsident Horst Seehofer beim Sudetendeutschen Tag.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

In seiner Rede in der Augsburger Schwabenhalle warf Posselt den Vertretern des Witikobunds vor, die jüngste Annäherung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen "ganz bewusst für Agitationen zu nutzen". Dafür sei die Volksgruppe aber "zu wichtig und zu kostbar". Vor wenigen Tagen hatte der Stadtrat der mährischen Hauptstadt Brünn einen Beschluss gefasst, in dem die Vertreibung der Sudetendeutschen bedauert wird. Die jüngsten Ereignisse böten die Chance zu einer "Wiederbelebung der Partnerschaft", so Posselt. "Wir dürfen uns jetzt nicht selbst ein Bein stellen, sondern müssen geschlossen bleiben und die Tassen im Schrank behalten." Der Vorsitzende des Witikobunds, Felix Vogt-Gruber, verließ während der Rede demonstrativ den Saal.

Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer würdigte die Worte Posselts als "historische Rede". Zugleich stellte er sich im gegenwärtigen Richtungsstreit hinter seinen Parteikollegen: "Wir geben den Extremisten und Hetzern keinen Millimeter Raum in unserem Lande", sagte Seehofer in Augsburg. Die Vertreibung der Sudetendeutschen durch die tschechoslowakische Regierung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nannte Seehofer ein "Verbrechen und schweres Unrecht". Mit ihren Tugenden hätten die Sudetendeutschen Bayern nach dem Krieg vorangebracht. Zugleich zeige der jüngste Beschluss in Brünn, dass eine Annäherung im Gange sei. "Dieser Prozess ist unumkehrbar", sagte Seehofer. Er brauche aber etwas Geduld.

Ein Gebirgszug als Namensgeber

Als Sudetendeutsche werden die ehemaligen deutschsprachigen Einwohner des Sudetenlandes bezeichnet. Die Bezeichnung leitet sich von dem Gebirgszug der Sudeten ab, der sich durch Böhmen, Mähren und Schlesien zieht. Der Name "Sudetendeutsch" setzte sich im 20. Jahrhundert als Sammelbegriff für die etwa drei Millionen Deutschen in der früheren Tschechoslowakei durch. Ihre Vorfahren waren im 12. und 13. Jahrhundert aus dem heutigen Bayern, aus Sachsen, Schlesien und Österreich in die Grenzgebiete Böhmens und Mährens eingewandert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Sudetendeutschen vertrieben, viele fanden in Bayern ein neues Zuhause. Der Freistaat übernahm dann offiziell die Schirmherrschaft für die Volksgruppe. dpa

Zu einer offenen Konfrontation zwischen Posselt und Vertretern des Witikobunds kam es allerdings nicht - der Vorstand des Vertriebenenverbands hatte es der umstrittenen Gruppierung im Vorfeld der Veranstaltung untersagt, einen Stand zu beziehen oder Zettel zu verteilen. In einem Rundschreiben warf der Witikobund der Sudetendeutschen Landsmannschaft daraufhin vor, man wolle ihn "mundtot machen". Allerdings umgingen Vertreter der Gruppierung das Verbot und verteilten Zettel mit der Überschrift "Posselt von Sinnen?" Vor dem Veranstaltungsgelände entfalteten Demonstranten ein Transparent, auf dem sie den Rücktritt des Vereinsvorstands forderten.

Bernd Posselt indes sah seine Haltung im Richtungsstreit nach seinem Auftritt vor den Besuchern des Sudetendeutschen Tags am Sonntag bestätigt. Der anhaltende Applaus des Publikums und die Bestätigung weiterer Redner hätten gezeigt, dass in dem Richtungsstreit "der Rubikon politisch nun überschritten ist", sagte Posselt der Süddeutschen Zeitung. Alles Weitere würde nun vor dem Münchner Amtsgericht geklärt.