Suche nach Kriegsverbrechern Fluchthilfe von den Fahndern

Politische Überlegungen beeinflussen die Entscheidung, ob Kriegsverbrecher ausgeliefert werden.

Von Von Bernhard Küppers

Auf der Belgrader Buchmesse war in diesem Herbst ein ungewöhnliches Werk der Renner: der erste Roman eines flüchtigen Angeklagten des Haager Kriegsverbrecher-Tribunals.

Kriegsverbrecher Radovan Karadzic (li.) und Ratko Mladic.

(Foto: Foto: Reuters)

Mit tausend ad hoc verkauften Exemplaren rangierte er an der Spitze der Bestsellerliste - "Die wundersame Chronik einer Nacht", geschrieben vom einstigen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic.

Wo der Autor, der 1997 aus seiner Residenz in Pale bei Sarajewo verschwand, das Werk verfasste, ist unbekannt - ebenso wie der Aufenthaltsort von Karadzics flüchtigem Armeechef Ratko Mladic.

Mysteriöser Tod zweier Soldaten

Derzeit kursieren Gerüchte, dass Mladic sich habe blicken lassen: An einem geheim gehaltenen Ort auf einem Kasernengelände in Belgrad sind vor rund vier Wochen zwei Soldaten durch Schüsse ums Leben gekommen.

Bis heute wird die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die beiden zu viel gesehen haben könnten: Mladic nämlich oder einen anderen flüchtigen Kriegsverbrecher.

Auf der Fahndungsliste des Haager Tribunals stehen noch 21 Angeklagte - im Wesentlichen Serben, die in Serbien oder in der bosnischen Serbenrepublik vermutet werden.

Die meisten Beschuldigten indes - in der Mehrzahl ebenfalls Serben, aber auch Kroaten, Muslime und Kosovo-Albaner - wurden nach Festnahmen dem Tribunal übergeben oder haben sich unter mehr oder weniger starkem Druck quasi freiwillig gestellt.

Am dramatischsten war wohl im Jahr 2001 die Verhaftung und Auslieferung des gestürzten Belgrader Machthabers Slobodan Milosevic durch den serbischen Regierungschef Zoran Djindjic, der zwei Jahre später ermordet wurde.

Auf bislang ungeklärte Art wurde im Oktober auch der einstige Sicherheitschef der Mladic-Armee, Ljubisa Beara, nach Den Haag gebracht.

Beara soll für das Massaker an mehr als 7000 Muslimen bei Srebrenica mitverantwortlich sein. Nach Darstellung der serbischen Regierung hat sich Beara freiwillig gestellt; es kann aber auch gut sein, dass er auf starken Druck hin seine Bereitschaft erklärte, sich ausliefern zu lassen.

Endlich verhaftet

Justizminister Zoran Stojkovic höchstpersönlich geleitete den 65-Jährigen in einem Sonderflugzeug in die Niederlande. Die Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte begrüßte den Neuzugang jedoch mit den Worten, da komme einer, den Belgrad endlich "verhaftet" habe.

Beara dürfte das nicht gern gehört haben. Das gilt auch für den nationalkonservativen Regierungschef Vojislav Kostunica. Der hatte sich schon als Präsident Rest-Jugoslawiens immer gegen Auslieferungen gesträubt. Neuerdings nennt es Kostunica "auch für den Staat am besten", wenn sich Angeklagte freiwillig stellen.

Zur Frage, ob Beara nun verhaftet wurde oder sich freiwillig ergeben hat, wurde später bekannt, dass Del Ponte bei ihrem letzten Besuch in Belgrad - gewitzt durch schlechte Erfahrungen - dem widerstrebenden Kostunica persönlich ein Schriftstück mit Angabe des Aufenthaltsorts des Gesuchten in die Hand gedrückt habe.

Vorausgegangen war ein Test, mit dem Del Ponte die serbische Regierung im Juli auf die Probe gestellt hatte. Sie schickte die eigentlich strikt geheime Anklageschrift gegen den einstigen Präsidenten der kroatischen Serben, Goran Hadzic, samt dessen Adresse nach Belgrad.

Stunden später machte sich Hadzic, offensichtlich gewarnt, aus seinem Haus in Novi Sad davon. Mitarbeiter des Haager Tribunals beobachteten ihn jedoch dabei und machten Fotos. Del Ponte konnte Belgrad also Belege vorweisen.

Kostunica schwärmt seit einiger Zeit vom "kroatischen Beispiel" der Zusammenarbeit mit Den Haag. Zagreb nämlich verhandelte offen mit dem Tribunal und vermochte einige angeklagte Generäle dazu zu überreden, sich zu stellen.

Die jetzige Regierung von Ivo Sanader sucht den Weg in die euroatlantische Integration; ihr wird volle Kooperation mit dem Haager Tribunal bescheinigt.

In Bosnien hingegen hat die von Belgrad gesteuerte Republika Srpska noch keinen einzigen Angeklagten festgenommen. Dies tat bisher nur die Nato-Truppe SFOR.

Unter Druck des Hohen Repräsentanten Paddy Ashdown erklärt sich die Regierung in Banja Luka jedoch jetzt dazu bereit. Bei einem ersten Zugriff vergangenen Mai in Visegrad tötete die Polizei der Republika Srpska jedoch den Falschen - den Bruder des bei Muslimen gefürchteten Milan Lukic.

Serbien ist unter allen jugoslawischen Nachfolgestaaten jedenfalls der einzige, der die Auslieferung von Angeklagten verweigert. Der letzte, der festgenommen und nach Den Haag gebracht wurde, war im Juni 2003 Veselin Sljivancanin.

Der jugoslawische Oberst soll für das Massaker verantwortlich sein, das serbische Streitkräfte 1991 nach der Einnahme Vukovars auf der Viehfarm Ovcara an 200 gefangenen Kroaten verübten.