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Spenden:Schluss mit Stricken

Stoffbeutel für verletzte Koalas

Einer der gespendeten Doppeltstoffbeutel, die nach den Buschbränden in Australien für verletzte Koalas benötigt wurden.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Wie selbstgebastelte Aufmerksamkeiten für Kängurus und Koalas australische Hilfsorganisationen plagen.

Das junge Känguru steht hinter einem Maschendrahtzaun, den Blick nach oben gewendet. Die kleinen Arme ragen aus dem Zaun. Es sieht aus, als habe sich das Tier darin verfangen, als die Flammen kamen. Sicher ist, das Kängurubaby ist in den Feuern im Südosten Australiens verbrannt. Das Foto, das seinen leblosen Körper zeigt, ging vor einem Monat über Instagram um die Welt.

Es sind berührende Geschichten wie diese, die Menschen seit Wochen dazu bringen, selbstgebastelte Stoffbeutel für verwaiste Kängurus oder Handschuhe für verletzte Koalas ans andere Ende der Welt zu schicken. Doch es war offenbar des guten Willens zu viel. Australische Hilfsorganisationen bitten die helfenden Hände jetzt darum, die Stricknadeln fallen zu lassen und lieber Geld nach Australien zu überweisen, von dem beispielsweise Futter gekauft werden könnte.

Viele Menschen spenden, wenn andere Lebewesen in Not sind. Doch gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. "Es ist nachvollziehbar, dass Menschen lieber Dinge geben möchten als Geld. Doch im schlimmsten Fall hilft man damit nur sich selbst und nicht denen, die Hilfe brauchen." So sieht es Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Er berät Menschen, wie man richtig spendet und welche Hilfsorganisationen seriös sind.

Wer leidende Tiere sehe, spüre einen emotionalen Impuls: Da muss ich was tun. Zu häkeln und zu stricken, etwas Greifbares zu erschaffen, das gebe den Menschen das Gefühl, über die Verwendung mitbestimmen zu können. Oder "Selbstwirksamkeit zu erfahren", wie der Experte sagt. Wer schnörkellos via Online-Banking eine Überweisung losschickt, hat dieses Gefühl viel weniger.

Doch Sachspenden sind unflexibel, sie müssen transportiert und gelagert werden. Das alles kostet Geld, das einen Teil der gespendeten Summen frisst. "Bei großen Katastrophen sind Geldspenden in aller Regel sinnvoller als Sachspenden", sagt Linda Gugelfuß von der gemeinnützigen Beratung Phineo.

Soziale Netzwerke und Spendenplattformen im Internet machen es Menschen und Organisationen immer leichter, ohne großen Aufwand möglichst viele Spendenwillige anzusprechen. Emotionale Bilder und Geschichten wirken auch dort. "Leider wird dabei oft nicht ansatzweise unterschieden, ob die Aufrufe von Privatleuten oder seriösen Organisationen kommen", kritisiert Wilke. Ob die Geldspende wirklich bei denen ankommt, die sie brauchen, könnten Verbraucher nicht immer überblicken. Um sicherzugehen, können sie sich an die etablierten Hilfsorganisationen halten - und den Profis die Entscheidung überlassen, wo das Geld für was benötigt wird.

Ganz machtlos sind Spender aber auch dann nicht, wenn sie Geld statt Dingen geben. So hat Australien eine Internetseite eingerichtet, die über Hilfsorganisationen informiert, die bei den Bränden an unterschiedlichen Stellen helfen. So können Hilfsbereite gezielt Feuerwehrleute unterstützen, Menschen, die in den Flammen ihr Zuhause verloren haben, oder eben Tiere. Die Kängurus und die Koalas, aber vielleicht auch die nicht ganz so possierlichen Ameisenigel.

© SZ vom 05.02.2020
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