Sklaverei Noch immer geleugnet

Einer der bis heute fortbestehenden Skandale der Menschheitsgeschichte ist die Sklaverei: noch immer sind viele Millionen versklavt. Der Versuch, die UN zu bewegen, die Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu erklären, ist bisher gescheitert.

Von Von Egon Flaig

Der Widerstand hat auch seinen materiellen Grund - man fürchtet ungeahnte Regressforderungen. Der Historiker Egon Flaig, der an der Universität Greifswald Alte Geschichte lehrt, beschreibt die Entwicklung und die heutige Situation, nicht zuletzt die (späte) positive Rolle Europas, aber auch die verheerende der islamischen Länder.

Eine UN-Kommission hat 1999 die Anzahl der Menschen, die unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten, auf über 20 Millionen geschätzt.

Die Situation ist heute nicht besser. Nicht bloß ökonomische Zwangslagen sind daran schuld, sondern regelrechte Sklavenjagd: Im Sudan führt das islamistische Regime mit Hilfe arabischer Milizen seit Jahrzehnten einen rassistischen Krieg gegen schwarzafrikanische Stämme.

Was gegenwärtig im Darfur geschieht, hat sich über Jahrzehnte im Süden des Sudan ereignet, wo massenhafte Versklavungen dazu dienten, den Widerstand zu brechen; allein in den Nuba-Bergen sind seit 1985 über 25 000 Frauen und Kinder versklavt worden.

Seit 1995 haben christliche Hilfsorganisationen über 20 000 Schwarzafrikaner aus der muslimischen Sklaverei freigekauft. In seinem neuen Buch über die Sklaverei weist Christian Delacampe ("Die Geschichte der Sklaverei", Winkler Verlag 2004) darauf hin, dass vor allem in arabischen Ländern (Mauretanien, Jemen, Saudi-Arabien, Sudan) die Sklaverei - trotz offizieller Abschaffung - nicht verschwunden ist.

Bei diesem Thema steht viel auf dem Spiel. 2001 hat die französische Nationalversammlung die Sklaverei zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt. Israel, Kuba und der Senegal bemühen sich seit langem um eine entsprechende Erklärung der UN-Menschenrechtskommission.

Kommt sie, dann wird eine Flut von Reparationsforderungen auf jene Staaten zurollen, die in die Versklavung, in den Sklavenhandel und in die Sklavenhaltung verwickelt waren.

Dabei spielt der afrikanische Kontinent - genauer: Schwarzafrika - als das Hauptopfer der Sklaverei seit 1200 Jahren die Hauptrolle. Doch an wen wäre zu zahlen? Sollen die Entschädigungen an die Nachkommen jener Stämme gezahlt werden, die jahrhundertelang ihre Nachbarn versklavten, die Versklavten verkauften und darum prosperierten? Die Eliten heutiger afrikanischer Staaten stammen nicht zum geringsten aus eben solchen Sieger-Stämmen.

Riesige Reichtümer

Und wer soll zahlen? Jene europäischen Länder, deren Angehörige vor einigen Jahrhunderten an der westafrikanischen Küste Millionen von Versklavten kauften, um sie über den Atlantik zu verschiffen? Oder jene islamischen Länder, die arabischen Händlern die afrikanischen Sklaven abkauften? Sollen auch die Sklavenjäger bezahlen? Dann müssten sich einige Staaten der nördlichen Sahel-Zone, aber auch die Staaten des Maghreb, sowie Ägypten und der Sudan auf riesige Forderungen gefasst machen.

Doch warum nur Afrika? Im Mittelalter importierte die muslimische Welt große Sklavenmengen auch aus Südeuropa und der südrussischen Steppe. Wer hat sie gezählt? Wer zahlt dafür? Und wieso im Mittelalter aufhören? Wird das heutige Italien sich für das sklavistische System zu verantworten haben, welches die Römer vor 2200 Jahren in Italien errichteten, mit Sklaven aus dem Balkan, Kleinasien, Nordafrika, Frankreich und Spanien?

Oder wird das heutige Griechenland dafür einstehen müssen, dass das antike Hellas vor 2500 Jahren Sklaven von der Schwarzmeerküste, aus Syrien und Kleinasien importierte? Und wer sollte dafür entschädigt werden? Die heute dort existierenden Staaten haben mit jenen Opfern weder ethnisch noch kulturell irgend etwas zu tun.

Routinemäßig behandeln Standardwerke die Sklaverei in der griechischen und römischen Antike, streifen das europäische Mittelalter, erwähnen den islamischen Raum, um sich auf den Aufschwung der Sklaverei im Zeitalter der europäischen Übersee-Expansion und auf den transatlantischen Sklavenhandel zu konzentrieren.

Im Fokus liegt Schwarzafrika und der Transport von Millionen versklavten Afrikanern in die von Spaniern, Portugiesen, Engländern, Holländern und Franzosen angelegten Kolonien in der Neuen Welt.

Islamische Sklaverei übergangen

In den Bergwerken und vor allem auf den Plantagen Nordostbrasiliens, der Karibik, und den späteren Südstaaten der USA produzierten diese Sklaven riesige Reichtümer. Nicht die Europäer versklavten diese Menschen; das besorgten afrikanische und arabische Sklavenjäger.