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Serbien vor den Parlamentswahlen:Fall und Aufstieg der Vesna Vulovic

Vor 36 Jahren überlebte eine jugoslawische Stewardess einen Flugzeugabsturz - als Volksheldin kämpft sie heute gegen Nationalismus.

"Aus den Trümmern der abgestürzten jugoslawischen DC-9-Maschine sind bis heute Nachmittag 27 Leichen geborgen worden. Eine gemischte tschechoslowakisch-jugoslawische Kommission hat an der unweit der ostdeutschen Grenze gelegenen Absturzstelle die Untersuchung über die Ursache des Unglücks aufgenommen. Der Zustand der im Krankenhaus von Srbská Kamenice liegenden einzigen Überlebenden der Katastrophe, der Stewardess Vesna Vulovic, ist nach Angaben der dortigen Ärzte nicht allzu besorgniserregend." Dies meldeten die Nachrichtenagenturen AP und AFP am 27. Januar 1972.

Nach einem Sturz aus 10160 Metern Höhe, 27 Tagen im Koma, zahllosen Operationen und 16 Monaten in Rehabilitation war die Stewardess Vesna Vulovic zur Nationalheldin Jugoslawiens geworden. Sie erhielt sogar einen Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde für den tiefsten Sturz ohne Fallschirm. Die Urkunde hierfür wurde ihr von Paul McCartney überreicht. Für die heimischen Medien musste sie immer wieder ihre Geschichte erzählen und in Uniform vor Maschinen der staatlichen Fluggesellschaft posieren.

(Foto: Foto: privat)

36 Jahre später gibt der Zustand von Vesna Vulovic dann doch zu Besorgnis Anlass. Sie kocht vor Wut. "Wir haben das Regime des Gewaltherrschers Slobodan Milosevic überlebt, eine weitere Katastrophe können wir nicht verkraften", sagt sie mit bebender Stimme. Sollten bei den serbischen Parlamentswahlen an diesem Sonntag die Nationalisten gewinnen, dann drohe dem Land ein Rückfall in düstere Zeiten.

Vulovic ist mittlerweile eine Nationalheldin. In Belgrad hat man sich an den alarmistischen Ton der 58-Jährigen gewöhnt, die unerschrocken, energisch und beharrlich für ihr Ziel kämpft. "Mein Traum ist ein friedliches Serbien und eine Regierung, die uns so schnell wie möglich in die EU führt. Denn das Leben kann nicht warten." Deshalb ist sie zur politischen Aktivistin geworden und unterstützt die Demokraten von Präsident Boris Tadic.

Die Jugendlichen auf dem Belgrader Platz der Republik kennen Vesna Vulovic nicht. Zu lange liegt das Ereignis zurück, das sie berühmt gemacht hat. Am 26. Januar 1972 stürzte die damals 22-jährige Stewardess über der Tschechoslowakei mit einer Maschine der jugoslawischen Fluggesellschaft JAT ab.

Eine junge Frau als "Weltwunder"

Rettungsmannschaften fanden 27 Leichen und einen blutüberströmten Körper, der leise stöhnte. Als erster hatte der deutsche Sanitäter Bruno Henke die bewusstlose Frau gesehen und Erste Hilfe geleistet. Dass die junge Frau überlebte, feierten die Medien als "Weltwunder". Ganz Jugoslawien bangte um ihr Leben.

Die JAT-Maschine war von einer Bombe in einer Flughöhe von 10.160 Metern auseinandergerissen worden. Vulovic prallte mit einem Teil des Rumpfs auf einen Abhang. Das Flugzeug zerschellte in einem tschechischen Dorf, das ausgerechnet Srbská Kamenice (Serbenstein) heißt. Am nächsten Morgen - es ist der Tag des Heiligen Sava, der die selbständige serbische Nationalkirche gegründet hat - geht es der Schwerverletzten ein wenig besser.

Seither glaubt sie noch fester an Gott. Und an die tschechischen Ärzte, die sie behandelt haben - die gebrochene Wirbelsäule, das Hirntrauma und die Frakturen an Armen und Beinen. Die Geschichte des Mädchens, das vom Himmel fiel und überlebte, zählt im Guinness-Buch (unter der Rubrik: tiefster Sprung ohne Fallschirm) zu den unvorstellbarsten Rekorden.

Die JAT­Maschine kam aus Stockholm, wo die Zeitzünderbombe vermutlich an Bord gebracht wurde. "Als unsere Crew das Flugzeug in Kopenhagen übernahm, fiel mir ein Mann auf, der hektisch ausstieg. Möglicherweise hatte er die Tasche mit der Bombe in die Maschine geschmuggelt", sagt Vesna. Gepäckkontrollen seien zu jener Zeit noch recht nachlässig gewesen. "Man stieg damals in ein Flugzeug wie heute in einen Zug."

Unglückliche Verwechslungen

Etwa eine Stunde nach dem Start Richtung Zagreb explodierte die tödliche Fracht. Eigentlich war die junge Stewardess für diesen Flug gar nicht vorgesehen. Ein Vorgesetzter hatte Vesna Vulovic im Dienstplan mit ihrer Kollegin Vesna Nikolic verwechselt. Also ging sie nach Kopenhagen, freute sich auf ihre erste Übernachtung in einem Sheraton-Hotel und auf die Einkaufsmöglichkeiten in einer westlichen Konsummetropole.

Doch es kam anders. Der Anschlag auf die DC 9 galt eigentlich dem jugoslawischen Regierungschef Dzemal Bijedic, der beim Begräbnis des dänischen Königs gewesen war. Bijedic hatte jedoch eine frühere Maschine genommen.

Der aus Bosnien stammende Politiker war einer der engsten Vertrauten des jugoslawischen Führers Josip Broz Tito und wurde als sein Nachfolger gehandelt. Bijedic kam später ums Leben - bei einem Flugzeugunglück nahe Sarajewo. Kurz nach dem Absturz der JAT-Maschine feierten Anhänger der kroatisch-faschistischen Ustascha-Bewegung in Malmö, ein anonymer Anrufer übernahm die Verantwortung für den Anschlag.

Bereits ein Jahr zuvor hatten kroatische Nationalisten den jugoslawischen Botschafter in Stockholm erschossen. Mit einer Gewaltserie versuchten damals die Nationalisten, die Abspaltung ihrer Republik von der jugoslawischen Föderation zu erzwingen.

Nach dem Absturz um die ganze Welt

Einen Monat nach dem Absturz kam Vulovic von Prag nach Belgrad. Im Krankenhaus wurde sie ständig von Polizisten bewacht, weil die Behörden Angst hatten, die einzige Zeugin der Tragödie könnte getötet oder entführt werden. Die weitere Rehabilitation setzte sie in Budva an der montenegrinischen Küste fort. Dort traf sie auch Tito und seine Gattin Jovanka, die sie sogleich zur Nationalheldin erklärten. In der slawischen Mythologie ist Vesna die Frühlingsgöttin.

Obwohl Vulovic alle psychologischen Tests bestand, durfte sie nicht mehr als Stewardess arbeiten. Als Privatperson flog sie aber um die ganze Welt. Vor zehn Jahren gab sie ihren Job als Verkaufsrepräsentantin der JAT auf, ging in Frührente mit 200 Euro im Monat und schloss sich der Demokratischen Partei des damaligen Oppositionsführers und später im Amt ermordeten Ministerpräsidenten Zoran Djindjic an. Sie protestierte fast täglich mit Hunderttausenden Landsleuten gegen Milosevics Wahlfälschungen, gegen Korruption und gegen Armut.

Ihren Kampf für ein demokratisches Serbien setzt Vulovic heute unbeirrt fort. Die Nationalisten von der Radikalen Partei und die Demokratische Partei Serbiens des antiwestlichen Premiers Vojislav Kostunica bezeichnet sie als Kräfte der Dunkelheit, die das Land isolieren wollten. "Mir tun nur die Kosovo-Serben leid, weil sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind und in Camps leben müssen."

Der Kosovo könne nicht mit der Amselfeld-Rhetorik aus dem Jahr 1389 verteidigt werden. "Wir wollen endlich eine bessere Zukunft. Und diese liegt in Europa."