Saudi-Arabiens Kampf gegen den Terror Umerziehung hinter Gittern

Saudi-Arabiens König setzt bei der Terror-Bekämpfung nicht nur auf Repression. In Besserungslagern für Häftlinge gibt es Umerziehung, Videospiele und gutes Essen.

Von Rudolph Chimelli

Von den 19 Selbstmordfliegern, die am 11. September 2001 durch ihre Anschläge die Welt verdüsterten, kamen 15 aus Saudi-Arabien. Ihr Mentor Osama bin Laden dürfte wohl der einzige Saudi sein, den die meisten Menschen auf Erden auf Anhieb identifizieren können. Noch vor wenigen Jahren war er für mehr als 80 Prozent der jungen Saudis ein Held.

Harter Kurs mit freundlichen Angeboten für Aussteiger: der saudische König Abdullah

(Foto: Foto: dpa)

Das hat sich geändert, seitdem die Terroristen auch in Saudi-Arabien unbeteiligte Menschen getötet haben. Doch noch immer bescheinigen namhafte Theologen Bin Laden, er sei in seinen Absichten ein "guter Muslim". Innenminister Prinz Naief sagte Ende vergangenen Jahres: "Wir haben es mit 10.000 Leuten zu tun, die zu einem Attentat bereit sind, und mit einer Million, die mit ihnen sympathisieren und bereit sind, zu helfen."

Die enge Nachbarschaft jener fundamentalistischen Version des Islam, die Staatsreligion des Königreichs ist, mit gewissen gesellschaftlichen Vorstellungen der Extremisten hat eine ganze rebellische Schicht junger Saudis anfällig für deren Ideen gemacht.

Zum letzten Mal wurden im Juni mehrere Al-Qaida-Zellen zerschlagen und 172 Terrorismus-Verdächtige verhaftet. Sie sollen nach den Worten des Sprechers des Innenministeriums, General Mansur al-Turki, Anschläge auf Militärstützpunkte und Ölanlagen geplant haben. Eine Zelle habe aus Afrikanern bestanden, die sich um Anstellung in der Ölindustrie am Golf bemüht hätten.

Flug- und Marine-Patrouillen rund um die Uhr

Obwohl Saudi-Arabien in den letzten Jahren dank drakonischer Sicherheitsmaßnahmen von größeren Anschlägen verschont blieb, ist das Land nirgends so verwundbar wie auf seinen Ölfeldern und Verschiffungsanlagen. Mehr als tausend Öl- und Gasquellen sind in Betrieb. Doch die Hälfte der Reserven liegt konzentriert unter nur acht großen Feldern.

Die gigantische Verarbeitungsanlage von Abkaik (arabisch: "Vater der Sandflöhe") am Golf von Bahrein, wo mehr als sieben Millionen Fass Erdöl am Tag zur Verschiffung aufbereitet werden, ist potentiell besonders gefährdet. Mehr als 30.000 Sicherheitsmänner sind zum Schutz der Anlagen aufgeboten. Flug- und Marine-Patrouillen sind Tag und Nacht unterwegs.

Ein elektronisch gesicherter Zaun wurde in weitem Umkreis gezogen. Polizisten und Geheimdienstleute sind überall im Land wachsam. Tausende Aktivisten wurden in den vergangenen Jahren verhaftet und 60 bei Zusammenstößen erschossen. Durch Anschläge, die al-Qaida zugeschrieben werden, kamen 144 Menschen ums Leben. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden mehr als 700 Verdächtige festgenommen.

Startkapital nach der Haft

Auf Repression allein setzen die Saudis nicht. Im Besserungslager von al-Thumama, südlich von Riad, sowie sieben ähnlichen "Anti-Guantanamo-Gefängnissen" ist seit 2004 rund 2000 ehemaligen Terroristen Umerziehung angeboten worden (im amerikanischen Guantanamo saßen 140 Saudis ein).

Hier dagegen leben die Ex-Dschihadis nicht schlecht: Sie dürfen auf dem Gelände spazieren gehen, sich mit Tischtennis oder Videospielen unterhalten und gut essen. Alle durften vor der Spezialhaft auf Staatskosten eine Woche mit ihren Familien im Hotel verbringen. Etwa 700 Häftlinge, die der Gewalt abschworen, bekamen nach ihrer Entlassung eine Starthilfe von 2000 Euro, eine Wohnung, eine Stelle, oft Heiratsangebote - und auch in der Freiheit dauernde Überwachung. Nur jeder siebte wurde rückfällig. Mehr als 1400 Häftlinge wollten nicht umerzogen werden.