bedeckt München 18°

Russland:Regierungskritikerin ermordet

Die russische Journalistin und Regierungskritikerin Anna Politkowskaja ist in Moskau einem Auftragsmord zum Opfer gefallen. Als Mordmotiv vermuteten Ermittler ihre "öffentliche Aufgabe" als Journalistin, sagte der stellvertretende Moskauer Staatsanwalt.

In der russischen Öffentlichkeit löste der Mord an der prominenten Publizistin tiefe Bestürzung aus. Die 1958 geborene Politkowskaja, Mutter von zwei Kindern, hatte sich durch ihre kritischen Reportagen über den Tschetschenien-Krieg weltweit einen Namen gemacht. Anna Politkowskaja schrieb vor allem für die kleine regierungskritische Zeitung "Nowaja Gaseta" in Moskau.

Den Angaben nach war Politkowskaja gerade vom Einkaufen zurückgekehrt. "Sie parkte ihr Auto vor der Haustür, nahm einige Taschen und ging in den Hausflur, wo ihr Mörder auf sie wartete", sagte ein Ermittler. Die Polizei fahndete nach einem jungen Mann, den eine Kamera über der Haustür aufgenommen hatte. "Das ist ein Stich ins Herz des russischen Journalismus", sagte der Sekretär des Journalistenverbandes, Igor Jakowenko.

Der Oppositionsabgeordnete Wladimir Ryschkow sprach von einem "zu 100 Prozent politischen Mord". Auch kremltreue Politiker würdigten die Reporterin trotz aller Gegnerschaft. Politkowskaja sei für viele unbequem gewesen, "aber sie war eine professionelle Journalistin", erklärte die stellvertretende Parlamentsvorsitzende Ljubow Sliska.

"Jemand wollte eine ehrliche und unabhängige Journalistin zum Schweigen bringen", sagte der Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial, Oleg Orlow.

Politkowskaja hatte sich durch ihre Reportagen bei den russischen Sicherheitskräften wie auch bei der moskautreuen Tschetschenen-Führung Feinde gemacht.

Als sie 2004 von Moskau in den Nordkaukasus zu der Geiselnahme von Beslan fliegen wollte, erlitt sie eine rätselhafte Vergiftung, für die sie den russischen Geheimdienst verantwortlich machte. Politkowskaja sei in der Vergangenheit häufig bedroht worden, sagte Orlow. Er wisse aber nichts über Drohungen in jüngster Zeit.

Der Europarat hat mit Bestürzung auf die Ermordung der Journalistin reagiert. Die Umstände, unter denen sie ihr Leben verloren habe, machten ihn tief betroffen, erklärte der Generalsekretär des Europarats, Terry Davis, am Samstag in Straßburg.

Außergewöhnlicher Mut und Entschiedenheit hätten sie ausgezeichnet. Ihre Berichte über den Konflikt in Tschetschenien hätten der russischen Öffentlichkeit und der ganzen Welt ermöglicht, sich ein unabhängiges Bild von dem zu machen, wie ganz gewöhnliche Menschen den Konflikt erlebten, erklärte Davis.

Auch der Menschenrechtskommissar des Europarats, Thomas Hammarberg, würdigte die 48-Jährige als eine Frau, deren Menschenrechtsarbeit international anerkannt worden sei. Sie sei eine der wichtigsten Kämpferinnen für Menschenrechte im heutigen Russland gewesen.

In Russland sind seit 1992 mehrere prominente Journalisten ermordet worden. 1995 fiel der Direktor des landesweiten Fernsehkanals ORT, Wladislaw Listjew, einem Auftragsmord zum Opfer. 2004 wurde der Amerikaner Paul Klebnikov in Moskau erschossen, Chefredakteur der russischen Ausgabe der Wirtschaftszeitschrift "Forbes".

© dpa/AP
Zur SZ-Startseite