Rettende Arche Katastrophen-Reaktor in Tschernobyl bekommt neue Hülle

Der 1986 explodierte Atomreaktor von Tschernobyl bekommt einen Betonmantel. Nächstes Jahr ist Baubeginn für die 100 Meter hohe und 260 Meter breite Stahlkonstruktion.

Von Thomas Urban

(SZ vom 11.07.2003) - Lange, zu lange sagen viele Fachleute, habe sich das Genehmigungsverfahren hingezogen. Als Bauträger tritt ein internationales Firmenkonsortium auf. Allerdings haben die ukrainischen Behörden längst noch nicht alle Einzelheiten abgesegnet, die Regierung in Kiew muss jedem Schritt bei der Realisierung des eine Milliarde Euro teuren Projekts zustimmen.

In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht derzeit eine Anlage zur Wiederaufbereitung sowie das weltweit größte Lager für Brennelemente. Die geplante Konstruktion erinnert an einen Flugzeughangar. Allerdings wird sie nicht über dem havarierten Reaktor errichtet, sondern in mehreren hundert Metern Abstand. Grund: die radioaktive Strahlung, die nach wie vor von ihm ausgeht.

Mehr als 20.000 Tonnen Stahl verbaut

Die ganze Konstruktion, bei der mehr als 20.000 Tonnen Stahl verbaut werden, muss dann auf einer gewaltigen Schienenanlage über den Reaktor gezogen werden. Die Arbeiten sollen nach dem Willen der Planer in fünf Jahren abgeschlossen sein, die neue "Arche", wie die Hülle in Anspielung auf ihre äußere Form von den Fachleuten genannt wird, soll ein Jahrhundert Schutz vor Strahlung bieten.

Dass dies nach wie vor nötig ist, sagen nicht nur ukrainische Ministerialbeamte, sondern auch westliche Fachleute. Sie weisen die von einigen Medien verbreitete These zurück, dass von Tschernobyl längst keine Gefahr mehr ausgehe.

In den Aufsehen erregenden Berichten hatte es geheißen, die vermeintliche Gefahr werde weiterhin von der Regierung in Kiew in Komplizenschaft mit einer Handvoll ausländischer Experten beschworen, um den Geldfluss aus dem Budget internationaler Organisationen nicht zu stoppen.

Probleme mit Korruption in der Ukraine

Eine andere Frage ist, wieweit die Verteilung und Verwendung der Mittel an die ukrainischen Ämter und Firmen kontrolliert werden kann. In sämtlichen früheren Sowjetrepubliken haben Behördenvertreter ein hohes Maß an Fantasie entwickelt, Teile der Finanzhilfe aus dem Ausland in die eigenen Taschen umzuleiten.

Der Bau der neuen Schutzhülle ist nötig, weil der "Sarkophag", der in großer Hektik in den Monaten nach der Explosion hochgezogene erste Betonmantel um den Reaktor, brüchig geworden ist und Risse aufweist. Auch wird dessen Dach nur von zwei Trägern gehalten, die wiederum auf alten Ventilationsschächten stehen, eine äußerst instabile Konstruktion, die vermutlich einem Orkan und mit Sicherheit einem mittleren Erdbeben nicht standhalten würde. Sollten Teile des Betonmantels in das Innere stürzen, könnten sie eine radioaktive Staubwolke aufwirbeln. Eindringendes Wasser könnte eine Explosion des in dem Reaktor verbliebenen radioaktiven Magmas bewirken.

Schon 1995 erklärten sich die westlichen Industriestaaten bereit, Auf das Projekt hatten sich bereits 1995 die G-7-Staaten grundsätzlich geeinigt, sie übernehmen hingegen als Rechtsnachfolger der Sowjetunion, doch bei der Finanzierung der Beseitigung der Tschernobyl-Folgeschäden hält man sich zurück. Bei dem GAU 1986 wurden weite Teile der Ukraine, Russlands, Weißrusslands sowie Nord- und Westeuropas verstrahlt.